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Seid umschlungen...

Von einem, dem die Millionen buchstäblich in den Schoß fallen

24.11.2004 00:11
OLIVIER LÖFFLER

Vorsicht, hier ist Zurückhaltung geboten! Denn manche Bücher gelingen auf so unspektakuläre Weise, dass ihnen allzu dick aufgetragene Honneurs nur schaden würden. Es bedarf eines möglichst unbefangenen Lesens, um den behutsamen, aber nachhaltigen Sog, den sie entfalten, nicht abreißen zu lassen. Frank Cottrell Boyce' Millionen ist ein solches Buch. Dabei geht es hier um ganz Handfestes, um bares Geld, und zwar - wie der Titel mehr als andeutet - um eine ganze Menge davon. Wir schreiben den Tag x in einer nicht allzu fernen Zukunft: Der Euro kommt nach Großbritannien, und zügeweise geht das bald wertlose gute alte Pfund den Weg alles Irdischen. So jedenfalls plant es die Regierung. Doch ein guter Teil des Geldes strebt, von der glücklichen Hand des Autors geführt, lieber seiner wahren Bestimmung zu: Es will ausgegeben werden. Es fällt dem Fünftklässler Damian vor die Füße, der sich an einer versteckten Stelle nahe den Gleisen eine kleine Eremitage aus alten Kartons zusammengezimmert hat, um sich von den Wirren des Alltags zurückzuziehen.

Denn Damian ist alles andere als ein gewöhnlicher kleiner Junge, der sich Yu-Gi-Oh-Karten oder ähnlich Profanem widmen würde. Er ist ein Sechssiebengescheiter auf dem obskuren Gebiet der Heiligenverehrung. Ob über den heiligen Simeon (390-459), der auf Säulen hauste, oder Katharina von Alexandria (4. Jahrhundert), der "Schutzheiligen der Krankenschwestern und Feuerwerkskörper" - Damian weiß bestens Bescheid und lässt Lehrer, Mitschüler (und alle, die ihn kennen) gerne und öfter als jenen meist lieb ist, an seiner Passion teilhaben.

Also aufgepasst, der Leser lernt hier auch etwas - und mag der Nutzwert noch so zweifelhaft sein. In jedem Fall ist ein von Visionen und Zwiegesprächen mit toten Heiligen geplagter Fünftklässer sicher ein denkbar ungünstiger Proband, wenn es darum geht, mit plötzlichem - wenn auch zeitlich befristetem - Reichtum fertig zu werden. "Gut zu sein ist gar nicht so leicht, wie man vielleicht denkt", muss Damian denn auch schnell erkennen - und dass sein älterer Bruder als echter Antipode fast ebenso fanatisch den materiellen Dingen des Lebens zugewandt ist, macht die Sache auch nicht leichter.

So spitzt sich die Lage zu, und die naheliegenden Versuche, das Geld im schulischen Umfeld zu platzieren nehmen zusehends die Züge eines Feldversuchs zum Thema Inflation an. Schon die Fremderledigung einer kleinen Hausaufgabe für den Kunstunterricht gerät rasch zum teuren Vergnügen: "Ich zeichne dir ein Pferd für 50 Pfund, zwei Pferde für 100 und eine Herde für, na ja, sagen wir für 300. Für alles über sechs können wir einen Sonderrabatt vereinbaren" - so das eloquente Angebot der Klassenbesten.

Doch nicht nur die Schar der Profiteure wird immer zahlreicher, gieriger und damit lästiger. Es wird auch klar, dass die Millionen nicht ganz zufällig vom Zug fielen. Hier war kriminelle Energie am Werke, und ein großer Unbekannter will seine Beute nun zurück. Für Tempo, Spannung und allerlei Verwicklungen ist also reichlich gesorgt, doch all das ist nicht das Entscheidende. Millionen ist zugleich die Geschichte eines sonderbaren Jungen, der seine Mutter verlor, sich ganz in sich selbst zurückzog und nun plötzlich wieder in die Wirklichkeit geholt wird - eine Wirklichkeit, die mehr Farben als Schwarz und Weiß kennt und in der es letztlich die Entscheidungen sind, die zählen. Und Damian ist mit der seinen vollauf zufrieden, auch wenn sich die Begeisterung über 14 neue handgebohrte Brunnen in Nigeria bei manch anderen Familienmitgliedern in engen Grenzen hält: "Wenn mein Bruder Anthony diese Geschichte erzählen würde, hätte sie den traurigsten Schluss der Welt. Er hätte geschrieben: ,Und so verpassten sie die einmalige Chance auf eine große Investition und mussten es ihr Leben lang bereuen'." Frank Cottrell Boyce überließ diese Aufgabe dann doch lieber dem jüngeren der beiden Brüder. Und mit Damian als Erzähler ist aus Millionen ein witziger, hintergründiger, kurzum absolut lesenswerter Kinderroman geworden, der aber auch jenseits der originären Zielgruppe gut zu unterhalten weiß. Und wer hier nur die Binse mitnimmt, dass Geld allein nicht glücklich macht, ist schlicht ein hoffnungsloser Fall - aber auch für diesen gibt es bestimmt reichlich Schutzheilige.

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