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„Sechs Koffer“ Wer hat den Großvater verraten?

Maxim Biller verschachtelt in „Sechs Koffer“ kunstvoll die Geschichte seiner Familie.

KGB-Gebäude in Moskau
Kreisverkehr vor dem KGB-Gebäude in Moskau, 1964. Foto: afp

Der Junge lernt früh, dass in seiner Familie nicht alles ausgesprochen wird. Geredet wird viel, aber verschwiegen noch mehr. Nun wächst er in einem Land auf, wo man sowieso besser fährt, wenn man nicht alles sagt, was man denkt, in der sozialistischen Tschechoslowakei. Seine Eltern sind aus der Sowjetunion gekommen, schielen aber nach dem Westen, wohin zwei der drei Brüder des Vaters bereits emigriert sind. Zwischen den Eltern stehen jede Menge Fragezeichen.

Wann immer es um die Vergangenheit der Familie geht, bekommt der Junge, über große Strecken Erzähler in diesem Buch, nur Lückentexte serviert. Keine 200 Seiten umfasst der Roman „Sechs Koffer“, doch wenn man ihn gelesen hat, fühlt man sich, als hätte man ein Vielfaches hinter sich. So eng, so intensiv wickelt der Autor seine Leser mit Geschichten ein.

Die größte Frage in der literarischen Familie Biller ist die, warum der Großvater in Moskau sterben musste. Wer hat ihn an den KGB verraten? Doch selbst wenn Maxim Biller hier von Tatsachen erzählt – war nicht in anderen Büchern bereits vom toten Großvater die Rede? – kommt man bald ins Zweifeln. Zum Beispiel, wenn er von der schönen Tante Natalia schreibt, die eigentlich den Vater des Erzählers hatte heiraten wollen, dann aber bei dessen Bruder Dima landete. Sie habe noch in der CSSR einen Spielfilm gedreht, der mit viel Erfolg 1967 in Karlovy Vary auf dem Festival lief und im Jahr darauf sogar den Goldenen Leoparden von Locarno bekam. Er soll von einer Holocaust-Überlebenden handeln, die von der Vergangenheit nichts wissen will. Natalia sei selbst im Konzentrationslager gewesen, während des Todesmarsches von Auschwitz nach Thüringen sei ihre Schwester gestorben. Doch den Film, den der Roman als wahr verkauft, gibt es in keiner Datenbank. 

Dass der Erzähler Schriftsteller wird, stimmt ja nun wirklich, doch schon 1986 soll er in einer Talkshow gesessen haben und befragt worden sein, „warum ich eigentlich so viel und so hart über meine Familie schrieb“. Maxim Billers erstes Buch „Wenn ich einmal reich und tot bin“ kam aber erst 1990 heraus. In der Talkshow, die auch der Onkel sah, der den Kontakt zu allen aus der Familie abgebrochen hatte, sagte er: „Weil ich keine Geheimnisse mag.“ Ach was, Geheimnisse sind die prächtigen Blüten dieses Romans! Die erzählte Zeit, das Jahrhundert des Verrats, bildet den Nährboden dafür.

Die Familienmitglieder sind nicht nur durch Verwandtschaft und Liebe, sondern auch durch Verdächtigungen und Neid aneinander gebunden. Maxim und Elena, die Enkel, versuchen jeweils schreibend das Rätsel zu lösen. Es gibt noch weitere Varianten der Erklärung, die im Roman in verschiedenen Anläufen und ineinander wie ein Kofferset verschachtelt erzählt werden. Maxim Biller macht das ausgesprochen kunstvoll, mal in vorsichtigen, dann wieder in prahlenden Wendungen. Seine Sprache ist immer passend für die jeweilige Situation. 

Etwa, wenn er aus der Perspektive des 15-Jährigen erzählt, der bei seinem Onkel in Zürich auf Dokumente stößt, die ihm alles zu beweisen scheinen, da stürzt der jugendliche Erzähler in ein tiefes Loch: „Ich war ein kleiner, gemeiner Berija, ein Besserwisser, ein eingebildeter, ein ahnungsloser Teenager, dessen größte Sorge es war, dass er von seinem Vater nicht beim Rauchen erwischt wurde und dass seine Mutter nicht die Taschentücher unter seinem Bett fand, mit denen er sich nach dem Onanieren abwischte und die er dort regelmäßig vergaß.“ Sein Ton wechselt vom Pathetischen ins Melancholische. Da kann er auf einmal etwas mit der quälenden Schullektüre von Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ anfangen, die ihm sein verhasster Lehrer mitgegeben hatte. Da sieht er seine Onkel vor sich, die die Länder wechseln mussten und die Sprachen auch.

So, wie man beim Spiel „Ich packe einen Koffer“ die verschiedensten Dinge zusammenbringt, weil man ja schnell reagieren und sich gleichzeitig noch die bereits aufgezählten merken muss, so geht es im Roman vom Vater des Erzählers, der „Schwejk“ ins Russische übersetzt, zu dessen Frau, die sich von einem älteren Kollegen verehrt und kurz darauf nur benutzt sieht, zu den Onkeln und schließlich zur Schwester mit der eigenen Sicht. Aber ob sie ihren Blick auf die Familie wirklich mit anderen teilen will, das weiß sie nicht. In London, fern der anderen, fühlte sie sich gut aufgehoben mit ihrem Buch, beobachtet der erwachsene Erzähler, als säße er in ihrem Kopf. Doch warum sollte es die Deutschen etwas angehen, ob es in ihrer internationalen jüdischen Familie einen Verräter gegeben hat? 

Maxim Biller schreibt hier so, dass man die Wahrheiten gleichermaßen überzeugend findet wie den Zweifel daran. Aber das Beste an diesem Buch ist, wie es das Geheimnis umkreist, ohne es zu lüften. 

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