Lade Inhalte...

Sebastian Ullrichs umfassende Analyse Warum Bonn nicht Weimar ist

In der "Weimar Komplex" stellt Sebastian Ullrich dar, wie die Erfahrung des Scheiterns der ersten deutschen Demokratie weiter wirkte - in der Entstehung der Bundesrepublik. Von Hans Mommsen

19.02.2010 00:02
Hans Mommsen
Foto: Wallstein Verlag

Sebastian Ullrich behandelt in einer umfassenden Darstellung, wie sich die Erfahrung des Scheiterns der Weimarer Republik auf den Prozess der Neubildung der parlamentarischen Demokratie in Westdeutschland und die Entstehung der Bundesrepublik ausgewirkt hat. Er spricht von einem "Weimar-Komplex", der in der Nachkriegszeit bis 1959 die verfassungspolitischen Diskurse sowohl in abschreckenden Sinn als auch zur inneren Legitimierung der neugeschaffenen Parteiendemokratie beeinflusst hat.

Ullrichs Analyse beruht auf einer umfassenden Auswertung der verfügbaren Quellen. Ausgehend von dem Negativbild, das von der NSDAP, aber auch dem politischen Exil vor 1945 gezeichnet wurde, schildert er die kontroverse Einschätzung der Lebensfähigkeit Weimars und die daraus gefolgerten Lehren und gelangt zu dem Fazit, dass die Republik in der öffentlichen Meinung überwiegend negativ beurteilt und für den Aufstieg des Nationalsozialismus verantwortlich gemacht wurde. Bei der vergleichenden Analyse der Entstehung der Länderverfassungen in den Westzonen ergibt sich jedoch das Paradox, dass entgegen dem Trend der öffentlichen Meinung eine weitreichende Anlehnung an die Weimarer Reichsverfassung und die Länderverfassungen erfolgte. Ullrich weist nach, dass dies auch auf den hohen Anteil von Repräsentanten der Weimarer politischen Parteien in den konstituierenden Versammlungen zurückzuführen ist.

Ablehnung des Parteienstaates

Dabei wird deutlich, dass in den Verfassungsberatungen der Länder viele Gesichtspunkte auftauchten, die später bei den Debatten des Parlamentarischen Rates Bedeutung erlangten, darunter das Konzept der "streitbaren Demokratie" und das "konstruktive Misstrauensvotum". Es bestand die Tendenz, den Spielraum der Parteien einzuengen: Dazu gehörte die Erwägung, eine "Regierung auf Zeit" einzuführen, um die Exekutive von wechselnden parlamentarischen Mehrheiten unabhängig zu machen.

Der Protest gegen den Rückfall in den Weimarer Parteienstaat, den Theodor Steltzer, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Mitbegründer der CDU, gegenüber Konrad Adenauer artikulierte, nahm die Parteienkritik des bürgerlichen Widerstandsbewegung gegen Hitler wieder auf. Der Herrschaft der Parteien wurde die Hauptverantwortung für die Krise der Republik zugewiesen. Die Ablehnung des Parteienstaats wurde auch von Dolf Sternberger artikuliert, als er vom entstehenden demokratischen System der Westzonen als einer "Restauration von Weimar" sprach.

Die zentrale These Ullrichs besteht darin, dass die beiden konkurrierenden politischen Lager - die konservativ-bürgerlichen Gruppen einerseits, Sozialdemokraten und Linksliberale andererseits - bei den zentralen Verfassungsberatungen im Parlamentarischen Rat jeweils mit ihren wichtigsten Zielen zurückstecken mussten: die Sozialdemokraten im ökonomischen Bereich, das bürgerliche Lager bei den Verfassungsfragen. Einigkeit bestand im Verzicht auf eine herausgehoben Stellung des Bundespräsidenten und die dem Reichspräsidenten in Weimar eingeräumten Notstandsvollmachten.

Debatten zum Wahlrecht

Die Kritik an den Parteien verstummte auch nach der Verabschiedung des Grundgesetzes nicht und schlug sich besonders in den Debatten zum Wahlrecht nieder. Mit der Entwicklung der Kanzlerdemokratie unter Konrad Adenauer und der Zurückdrängung der Tendenz, Allparteienregierungen zu bilden, was nach der Bundestagswahl von 1949 die meisten Ministerpräsidenten anstrebten, vollzog sich schrittweise die Ablösung vom Weimarer Demokratieverständnis. Seit Mitte der 50er Jahre konstatiert Ullrich eine zunehmend positive Bewertung der Bundesrepublik unter dem von Fritz René Allemann 1956 geprägten Motto "Bonn ist nicht Weimar". Nun wurde die erste deutsche Demokratie zu einer "negativen Kontrastfolie", vor der die Leistungen der Bundesrepublik verstärkt hervortraten. Bei der Einführung der Staatssymbole lehnte man sich zwar an die Weimarer Tradition an, vermied aber den 9. November zum Staatsfeiertag zu machen; ebenso verschwand der Verfassungstag vom 11. August in der Versenkung.

Abschließend präsentiert Ullrich eine eindrucksvolle Analyse der frühen historischen Weimar-Forschung, die lange von dem Bestreben geprägt war, Weimar von dem Verdikt freizuhalten, den Aufstieg des Nationalsozialismus ermöglicht zu haben. Ullrichs detaillierte Darstellung mündet in das Fazit, dass erst mit Fritz Fischers und Karl Dietrich Brachers Arbeiten die Verankerung der Weimar-Forschung in einem bundesrepublikanischen Werthorizont gelang. Obwohl die "Gespenster von Weimar" auch in den 60er Jahren noch nicht ganz verschwunden waren, ist 1959, der zehnte Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik, als Wendepunkt in der Entwicklung ihrer politischen Kultur zu betrachten.

Hans Mommsen lehrt als Professor für Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen