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Schuld an Kriegen sind die Mütter

Gunnar Heinsohns abenteuerliche Theorie wäre der Beachtung kaum wert, fände sie nicht unerwartete Anerkennung

31.01.2007 00:01
MOHSSEN MASSARRAT

Das Repertoire an Theorien, warum Kriege geführt und Regime gestürzt werden, ist um eine reicher geworden. Youth bulge - eine Beule in der demografischen Kurve, ein Überhang an jungen Menschen, die keinen Platz in der Gesellschaft finden - ist nach Gunnar Heinsohn Hauptursache für die Gewaltausbrüche, die uns so dramatisch beunruhigen. Ein Überhang an jungen Männern im Alter zwischen 15 und 24 Jahren ist nach dieser Theorie verantwortlich für den Sturz des Schah-Regimes im Iran und Khomeinis islamische Revolution, für die Kriege in Afghanistan, im Irak, im Libanon und für den Palästina-Konflikt. Heinsohn untermauert in seinem Buch Söhne und Weltmacht. Terror um Aufstieg und Fall der Nationen seine These, die auch die CIA schon vor elf Jahren in einer Studie vertreten hat, mit beeindruckendem Zahlenmaterial.

Tatsächlich kann nicht bestritten werden, dass demografische Verschiebungen durch eine rapide steigende Zahl von Kindern das politische System destabilisieren können. Denkbar ist auch, dass Diktatoren sich mit größerer Leichtfertigkeit auf Kriegsabenteuer einlassen , wenn sie auf gewaltbereite junge Männer ohne Perspektive, aber voller Testosteron zurückgreifen können. Heinsohn begnügt sich aber mitnichten mit dieser eigentlich banalen Erklärung. Für ihn ist youth bulge der Schlüssel zur Erklärung aller Umstürze und Kriege in der Menschheitsgeschichte, eine Weltformel schlechthin.

Diesen Eindruck erweckt Heinsohn in seinem Buch ebenso wie bei Vorträgen und Fernsehauftritten, wo er das Publikum mit aktuellen Beispielen beeindruckt. Die Afghanen etwa führten seit dreißig Jahren Krieg, weil die afghanischen Frauen nicht aufhörten, Söhne im Überschuss zu gebären. Youth bulge sei völlig egal, gegen wen gerade Krieg geführt werde, überschüssige Söhne im kriegsfähigen Alter verlangten sehnsüchtig nach Krieg. Demnach war die Kremlführung das eigentliche Opfer des afghanischen youth bulge, als sie 1979 die Rote Armee gen Kabul schickte, und dieser Einmarsch entstammte nicht dem kühne Kalkül einer untergehenden Supermacht, kurz vor Schluss noch ein weiteres Land unter seinen Herrschaftsbereich zu bomben.

Beispiele wie der Krieg der Nato in Afghanistan oder der US-Krieg im Irak, bei denen Heinsohn die Wirklichkeit auf den Kopf stellt, können beliebig aufgeführt werden. Es wird aber absurd, wenn er den Fortbestand des Israel-Palästina-Konflikts darauf zurückführt, dass UN und EU aus humanitären Gründen palästinensische Familien mit zu viel Geld versorgten und so den Frauen Anreize gäben, Kinder zu gebären.

Phrasen mit höherem Segen

So viele ahistorische Phrasen, so viele willkürlich und passend zur eigenen These herausgefilterten Beispiele kann kein Zweig der noch so engstirnigen sozialwissenschaftlichen Forschung verkraften, wie sie Heinsohn von sich gibt. Soweit könnte man seine Analysen ohne besondere Beachtung lassen und die eigene Energie für Produktiveres nutzen. Anders verhält es sich aber, wenn ausgerechnet der eloquente Philosoph Peter Sloterdijk Heinsohns Buch mit dem Kapital von Marx auf die gleiche Stufe setzt. Und es als "demografischen Materialismus" empfiehlt, der die Probleme des 21. Jahrhunderts erklären soll, wie einst Karl Marx mit dem historischen Materialismus die Phänomene des 19. Jahrhunderts erklärte. Diese Einschätzung spricht durchaus nicht für Heinsohn, eher gegen die Urteilskraft Sloterdijks. Heinsohn darf nun landauf, landab - den Segen höherer Autoritäten in der Tasche - den Leuten mit seinen gruseligen Botschaften Angst einjagen: In den nächsten Jahrzehnten verfüge die islamische Welt dank des youth bulge über 350 Millionen kampfbereite Islamisten, die das wehrlose Europa überrennen wollten.

Beispiele, die weder in seine Theorie noch sein Islambild passen, unterschlägt der Autor großzügig. Bangladesch gehört mit seinen gut 100 Millionen Menschen zu den Ländern mit einer relativ jungen Bevölkerung. Dort hat es seit langem keine Waffengänge gegeben. China zählt trotz seiner mehreren hundert Millionen Jungen im kampffähigen Alter zu den Ländern ohne auffallende kriegerische Auseinandersetzungen. Das gleiche gilt für Brasilien, das bevölkerungsreichste Land Südamerikas. Heinsohn stört es keineswegs, dass seine Theorie durch die Realität dieser großen Länder widerlegt wird. Ihm reichen offenkundig die Beispiele der in Kriege verwickelten islamischen Staaten aus, um sowohl seiner "Theorie" die empirische Evidenz zu verleihen wie auf die Bedrohung der Welt durch kampfbereite Islamisten aufmerksam zu machen.

Nur die USA wären in Zukunft in der Lage, sich durch die nukleare Mauer der weltraumgestützten Waffensysteme gegen die Invasion von Mohammeds Soldaten zu schützen. Europäer über 40 bräuchten sich aber deswegen keine Sorgen zu machen; sie würden die Qualen neuer Islamkriege, die als Folge von youth bulge in den nächsten Jahrzehnten kommen würden, ohnehin nicht erleben. Wenn aber die unter 40-jährigen nicht jetzt ihre Koffer packten und in die USA übersiedelten, wären sie selber schuld.

Heinsohn hat für jede Kritik eine Antwort parat. "Wie erklären Sie dann den Holocaust?" Antwort: "Der Holocaust passt nicht in die Youth-bulge-Theorie, da haben Sie Glück." Oder: "Die zwanzig Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg kann man ausnahmsweise genauso wenig mit dieser Theorie erklären wie die hundert Millionen Gulag-Toten der Kommunisten." Die erklärt Heinsohn damit, dass "Marxisten das Privateigentum hassen und daher in der Sowjetunion und China alle, die Privateigentum nicht aufgeben wollten, einfach umbrachten".

Heinsohn entlastet mit seiner "Theorie" nicht nur alle, die - wie Saddam Hussein, George W. Bush oder Wladimir Putin - Millionen Menschenleben zu verantworten haben. Er schiebt die Schuld für die Kriege den Familien zu, die im Irak, in Afghanistan, in Tschetschenien rücksichtslos Kinder produzieren. Daraus folgt, dass Kriege und Umstürze einzig dadurch verhindert werden könnten, dass der Überschuss an jungen Männern verschwände. Dies könne, so Heinsohn, dadurch erfolgen, dass diese entweder einander auf die Köpfe hauten oder dass UN, EU und Kirchen aufhörten, Gutmenschen zu spielen und mit ihren Hilfsmaßnahmen in Krisengebieten und in der Dritten Welt die Kinderproduktion zu fördern.

Diese zynischen Schlussfolgerungen zieht Heinsohn ohne die geringste Regung. Martialische Begriffe wie "demografische Aufrüstung" gehen ihm andauernd über die Lippen. Dabei ist diese "Theorie" eigentlich gar nicht so neu. Vor etwa 200 Jahren empfahl Thomas Robert Malthus der britischen Regierung genau dieselben Rezepte, um das "demografische Problem" zu lösen.

Gunnar Heinsohn: Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen. Orell Füssli Verlag, Zürich 2006, 192 Seiten, 24 Euro.

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