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Schriftsteller Friedrich Sieburg Ein konservativer Rebell

Vor 50 Jahren starb der Journalist und Schriftsteller Friedrich Sieburg, der Zeit seines Lebens ein Umstrittener war.

17.07.2014 16:05
Harro Zimmermann
Der Anspruch des autonomen Intellektuellen: Friedrich Sieburg, hier im Jahr 1958. Foto: Picture Alliance

Irgendwie muss er unbeliebt sein. Sie verspotten ihn geradezu“, schreibt Thomas Mann im Mai 1951 an seine Tochter Erika. Gemeint ist der „sonderbare Kopf“ namens Friedrich Sieburg, der Literaturpapst im Westdeutschland der späten 50er und frühen 60er Jahre; am 19. Juli 1964 starb er. Es ist der Mann, den viele damals einen „Opportunisten“ und „Kollaborateur“ mit Nazi-Deutschland, einen „großen Lump“ nennen, den etliche Autoren der Gruppe 47 als reaktionären Ästheten ins Abseits schieben, und der lange Zeit keiner öffentlichen Ehrung für wert befunden wird. Ist Friedrich Sieburg eine obsolete Intellektuellenfigur?

Im westfälischen Altena wurde Sieburg 1893 geboren, in Düsseldorf ist er aufgewachsen, ab 1912 studierte er in Heidelberg und München, in Freiburg und Münster bei Max und Alfred Weber und bei Friedrich Gundolf. Im Medium des Kunstschönen sucht der junge Mann damals nach „geglaubten Ganzheiten“, nach „Heilendem“, Stefan George wird zum Wegweiser seiner frühen Dichterjahre. Mit fliegenden Fahnen zieht es Sieburg 21-jährig in den vermeintlichen Kulturkampf von 1914, in den zwanziger Jahren wird er dann zum Journalisten und politischen Schriftsteller, dem expressionistischen Geist der Revolte ebenso zugeneigt wie dem Gedankengut der „Konservativen Revolution“‘.

Auf einen Schlag berühmt

Für die „Weltbühne“ und für andere linke Blätter schreibt Sieburg, aber auch für die nationalrevolutionäre „Tat“, er wird zum Berliner Bohémien mit zweifelhaftem Ruf. Doch 1926 dann der Durchbruch, Sieburg wird die begehrte Korrespondentenstelle der „Frankfurter Zeitung“ in Paris angeboten, seitdem entwickelt er sich zum brillanten Vermittler und Interpreten der am Ende aussichtslosen deutsch-französischen Verständigungspolitik. Sein Buch „Gott in Frankreich?“ von 1929 macht ihn mit einem Schlag in Europa berühmt, ruchbar werden nun auch seine Umtriebe in der Pariser haute société.

Doch je mehr die Erfolge der Hitler-Bewegung das Europa der Nachkriegszeit in Unruhe versetzen, desto stärker wachsen die nationalen Zwiespälte, und bald sollte auch Sieburg zu einer Art Prophet des Deutschtums werden. Hymnisch feiert er den Aufbruch der verjüngten Nation, ihre „Unruhe“ und „Opfersucht“, ja ihre Modernität, zeitweise faszinieren ihn die Erfolge der Hitlerei, und dennoch lässt er es an Vorbehalten gegenüber dem Nazismus nicht fehlen.

Heute weiß man, dass Sieburg ein gewiefter Mitläufer, aber niemals ein überzeugter Nationalsozialist gewesen ist, er war – trotz seines Eintritts in die NSDAP 1941 – kein Antisemit und schon gar kein Freund der blutrünstigen Gewaltverhältnisse. 1939 kehrt er, nach Jahren der selbstquälerischen Camouflage, dem Goebbelsschen Propagandadiktat endgültig den Rücken und will fortan lieber schweigen. Halb freiwillig und halb unter Zwang nimmt er bis 1942 in Brüssel und Paris den diplomatischen Dienst unter Ribbentrop auf, doch soll er bei offiziellen Gelegenheiten mehrfach Nazi-Deutschland verspottet haben. Goebbels und Hitler sahen in dem herausragenden Journalisten-Diplomaten immer nur ein unsicheres Element.

Den Emigranten war er Hassobjekt

Sieburgs Phänotyp erweckte andernorts freilich ganz andere Eindrücke. Vor allem die deutschen Emigranten betrachteten ihn als Verräter und Nazi-Adepten, Sieburg diente als Hassobjekt bei Tucholsky und Joseph Roth, bei Heinrich Mann, Walter Hasenclever und Harry Graf Kessler. Heinrich Mann erklärte ihn 1933 bedenkenlos zum „Parteigenossen Hitlers“, und Lion Feuchtwanger beschrieb den renommierten Journalisten in seinem Roman „Exil“ als „höchst kultivierten, raffinierten, mit allen Ölen der Bildung und des Intellekts gesalbten“ Opportunisten. Es war Carl Zuckmayer, der 1943/44 in seinem „Geheimreport“ zur NS-Verstrickung der Kulturschaffenden in Deutschland, den er im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes verfasst hatte, von Sieburgs „Pakt mit dem Teufel“ und von seiner „Höllenfahrt“ sprach.

Der intellektuell entwurzelte, in dritter Ehe unglücklich verheiratete Sieburg wird nach dem Zweiten Weltkrieg interniert und bis 1948 mit einem Publikationsverbot belegt. Dann folgt das Ergebnis seines Entnazifizierungsverfahrens – er gilt als unbelastet. Aber noch Jahre später werden ihm viele Nachgeborene die Rechnung aufmachen für sein Verhalten während der Hitler-Zeit. Sieburg, der Mann mit entschieden gewandelter Gesinnung, schlägt in brillanter Suada zurück, er spricht von einer „kriechenden“, auf bloße Aktualität versessenen deutschen Nachkriegsliteratur ohne Maßstäbe und Traditionsbindungen. Sie verfüge über nichts als eine erbärmliche „Fistelstimme“ und bestehe zumeist aus „Idealisten oder Dummköpfen, Bastlern oder Schulmeistern“. In einem „dichtmaschigen Netz der Konventionen, der Vorurteile, der Vorsicht, mit einem Wort, der Feigheit“ seien diese Autoren hängen geblieben. Weshalb ihre Literatur zu keinerlei Widerstand in der Lage sei und vonseiten des Staates und der Gesellschaft auf keine Gegenwehr stoße. Das ist ein erbitterter Angriff auf jene, die sich damals als Nonkonformisten und Neuerer der ersten Stunde begreifen.

Schmerzvolle Erfahrungen

Umgekehrt gilt der erfolgreiche Kritiker Sieburg bei vielen entlarvungsfreudigen Kontrahenten als ein nach wie vor „Belasteter“, als Reaktionär und Außenseiter. Noch 1956 wird man ihm den Eintritt in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verweigern, unter Hinweis auf seine Vergangenheit nach 1933. Nur einige wenige literarische Ehrungen sollten ihm zuteil werden, und kein einziges Mal wird man ihn, den leidenschaftlichen Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland, der exquisite Bücher über Robespierre, Napoleon und Chateaubriand geschrieben hat, in die Aussöhnungspolitik beider Länder einbeziehen.

Für Sieburg sind das schmerzvolle Erfahrungen, er bleibt ein deutscher Kulturrepräsentant mit nachhaltiger Stigmatisierung. Aber das ändert nichts an seinem Siegeszug durch die bundesrepublikanische Medienwelt. Zunächst wird er zum Star der Zeitung „Die Gegenwart“, er reüssiert rasch beim Rundfunk, und ab 1956 überantwortet man ihm das Feuilleton der FAZ, das er künftig vom heimatlichen Gärtringen aus dirigieren sollte.

Sieburg wird zum berühmtesten kulturkritischen Provokateur der Republik. Was den ideologisch Gebeutelten in Rage bringt, ist die Sorge um die politische als intellektuelle Emanzipation des westdeutschen Teilstaates. Dieser homme de lettre kommt weder als Verteidiger der Adenauer-Republik daher, noch als Apologet irgendeiner umläufigen Restaurationsvorstellung. Mit scharfer Ironie nimmt er den Unterhaltungswahn und die Modetorheiten der Deutschen aufs Korn, die „Kulturindustrie“, wie er mit Adorno und Horkheimer sagt.

Dem verkehrten neudeutschen Bewusstsein setzt er den Anspruch des autonomen Intellektuellen entgegen, der kraft hoher „Gesittung“ die „Geselligkeit“ und das „Wohlwollen“ unter den Menschen zu befördern hat. Doch dazu kann der Geist nur beitragen, wenn er „gesellschaftswidrig“ agiert und radikal auf den Prinzipien der individuellen Freiheit besteht. Konservatismus und demokratische Kritik sollen sich nicht ausschließen, sondern fordern einander, erst sie begründen für Sieburg einen gehaltvollen, traditionsbewussten Nonkonformismus. Vor solchem Widerspruchsgeist finden Autoren mit „Gesinnung“ und Versessenheit auf eine „Aktualität“, die sich als verbrämte Politik entpuppt, keine Gnade.

Auch wo es um die Subtilitäten in Literatur und Ästhetik geht, will Sieburg ein politisches Kritikeramt wahrnehmen, deshalb gilt sein besonderer Widerspruch jedem Sonderbewusstsein der Autoren, zumal der für die Deutschen so typischen Hypostasierung alles Künstlerischen. Bücher hätten keine „Offenbarungsquellen“ zu sein, sondern alltagspraktische Instrumente, massiv tritt der Konservative für die „Gebrauchsliteratur“ ein. Der einstige George-Jünger wirbt jetzt für die Dichtung als „Lebenskunst“, für „Zweifel und Einmischung“, ja sogar für den „Zivilisationsliteraten“ und die so genannte „Asphaltliteratur“. Sieburgs schärfster Vorwurf an die Gruppe 47 lautet „Provinzialismus.“ Seine Angriffe mochten abgestanden und rechts drapiert erscheinen, in ihrer Substanz waren sie dem Geist der linken Provokation nicht unähnlich. Sieburg war ein konservativer Rebell.

Wo sind Zauber und Wunder?

Es galt damals nicht nur, die Panzerung des deutschen Bewusstseins mit obsoleten Geschichtsphilosophien und völkischen Stereotypen abzubauen, sondern es mussten auch wegweisende Kulturimpulse initiiert werden, denn die von außen verordnete Demokratie besaß noch „keine Seele, (ihr) fehlten Bewusstsein und geistige Vorstellung (ihrer) selbst.“ Dass in diesem Deutschland immer weniger geschmacksformende bürgerliche Kräfte erkennbar sind, ja, dass man hier einen unabsehbaren Rangverlust alles Schöngeistigen und Bildungsträchtigen verzeichnen muss, versuchte er seinen Landsleuten einzuprägen.

Wo bleiben im Gegenwartsbewusstsein der Deutschen, das wollte der Ästhet wissen, die Ekstasen des literarischen Pathos, wo bleiben Zauber und Wunder, Feier und Geheimnis des Dichterischen? Von der überkommenen Faszination des Schönen als sittlicher Verheißung hat Sieburg nie lassen wollen, genauso wenig vom Auftritt des Intellektuellen mit Grandezza.

Gewiss hat der Kritiker Sieburg etliches an belletristischer Modernität übersehen oder schlicht ignoriert, aber man darf nicht vergessen – er wusste beredtes Lob zu spenden, wo er Bedeutung und Brillanz wahrnahm, bei Alexander Kluge etwa und mit Vorbehalt bei Martin Walser, bei Arno Schmidt, Heinrich Böll oder Hans-Werner Richter. Der dankte Sieburg einst dafür, dass er die deutsche Nachkriegsliteratur durch seinen Widerspruch „groß“ gemacht habe. Und Walter Boehlich, auch er nicht unbedingt ein Freund des Kritikers, mahnte vor gut fünfzig Jahren: „Es kann doch nicht sein, dass keiner […] sieht, was er in vier Jahrzehnten geleistet hat, dass keiner das Bedürfnis gehabt haben soll, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. […] Ist er nicht in Wirklichkeit einer der ihren, ist nicht auch er ein Schriftsteller, der der Nation, der jungen Intelligenz der Nation etwas bedeuten sollte?“

Der Autor Harro Zimmermann arbeitet derzeit für den Wallstein Verlag an einer „intellektuellen Biographie“ Friedrich Sieburgs.

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