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Schriftsteller Franketienne über das Erdbeben Zombies gibt es nicht nur in Haiti

Der Schriftsteller Franketienne im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über die Folgen des Erdbebens in Haiti und warum Kunstwerke wie eine ins Meer geworfene Flaschenpost sind.

08.06.2010 00:06
Aber das Volk ruft heute nicht mehr Legba an, sagt Franketienne. Foto: afp

Franketienne, durch das Erdbeben vom 12. Januar wurde ein großer Teil Haitis bis auf den Grund zerstört. Wie stark hat das Erdbeben auch das kulturelle Leben vernichtet?

Haiti steht zurzeit unter Vormundschaft. Es ist nicht souverän. Alle Entscheidungen werden von den Geldgeberländern getroffen. Die Pläne zum Wiederaufbau wurden von außen entwickelt, Autoritäten, die aus dem Innern Haitis kommen und scheinbar über Macht verfügen, haben komplizenhaft an diesem Vorgehen mitgewirkt. Der Erziehung, einer der wichtigsten Säulen der haitianischen Kultur, wurde in diesen internationalen Plänen ein allzu geringer Platz eingeräumt.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für sich als Schriftsteller, der seit fünfzig Jahren das kulturelle Leben Haitis mitgeprägt hat, auf den Wiederaufbau Einfluss zu nehmen?

Jedes Kunstwerk, jeder literarische Text ist wie eine Flaschenpost, die man ins Meer geworfen hat. Es gibt keinerlei Gewissheit, dass die Botschaft eines Tages gehört wird. Wer das behauptet, ist eher ein politischer Aktivist, der die Feder gegen ein Gewehr einzutauschen sucht. Mit der Feder kann man jedoch niemanden zwingen, sein Verhalten zu ändern. Was kann der Satz eines Schriftstellers zum Beispiel gegen die Amerikaner ausrichten, wenn gleichzeitig das eigene Volk unter Zelten ausharrt und auf Trinkwasser wartet! Dieses Volk richtet heute seine Hilferufe nicht mehr an Legba (Vodou-Gott, Hüter des Weges) und Ogoun-Ferraille (Kriegsgott), sondern an Jesus. Es löst sich damit von den eigenen Wurzeln.

Möchten Sie in dieser Lage aufhören zu schreiben?

Nein. Wenn ich jetzt schreibe, schreibe ich nicht nur für meine Nachbarn im Armenviertel von Bel Air. Ich schreibe auch für Sie, ich setze mich für einen planetaren Wandel ein. Zombies findet man nicht nur in Haiti, es gibt auch planetare Zombies. Ich weigere mich anzuerkennen, dass Staaten wie Deutschland, die Schweiz oder Japan als abgesonderte Einheiten zu verstehen sind. Die Probleme, denen wir gegenüberstehen, sind globale Probleme. Menschen, die durch die Wirtschaftskrise ihr Haus verloren haben, sind genauso wichtig, wie diejenigen, die in Haiti leben und tagelang nichts zu essen haben. In meinem Theaterstück "Melovivi ou le Piège" ("Melovivi oder die Falle), das drei Monate vor dem Erdbeben entstanden ist und fast prophetisch die Zerstörung vorweg nimmt, habe ich mit keinem Wort Haiti genannt. Die Probleme, die ich beschreibe, haben planetaren Charakter.

Gibt es in der haitianischen Kultur Kräfte, die außergewöhnlich zu sein scheinen und beim Wiederaufbau der Gesellschaft besonders berücksichtigt werden sollten?

Ich würde mir wünschen, dass man im Ausland aufhört, Haiti als einen Sonderfall zu betrachten, den man mit Neugier betrachtet. Wir sind alle Menschen, die zu demselben bedrohten Planeten gehören. Doch gibt es einen Reichtum Haitis, den ich nicht als "Kultur", sondern als "Spiritualität" bezeichnen möchte. Wenn man von Kultur spricht, denkt man an den gebildeten Menschen, der Bücher schreibt, Kunstwerke malt oder musiziert. Die Spiritualität hingegen ist ein Verhalten, das das Sichtbare berührt und zugleich das Unsichtbare, Nicht-Greifbare anspricht. Spiritualität schließt die Kultur mit ein, sie bezeichnet die Art des Essens, sich Kleidens und die Art, wie man einem Fremden begegnet, sich gegenüber dem Nachbarn oder den Göttern verhält. Dieses spirituelle Ensemble bildet die Achse meines Denkens und hat früher die großen haitianischen Maler der "naiven Kunst" inspiriert. Meine Denkweise findet jedoch selbst bei Freunden nicht immer Verständnis, einige Schriftsteller haben sich ganz der westlichen Rationalität verschrieben. Ich bin in dieser Hinsicht außergewöhnlich.

Haiti hat sich 1804 als erster Staat der Welt von kolonialer Herrschaft befreit und einen unabhängigen Staat gegründet. Welche Bedeutung hat diese Zäsur für die gegenwärtige Entwicklung Haitis?

1804 setzten wir die Welt in Erstaunen. Wir haben den Kolonialismus und die Sklaverei abgeschafft, die Négritude-Bewegung ist hier entstanden und hat weltweit Bedeutung erlangt. Haiti war wegweisend für alle Leidenden. Wir haben jedoch unser Ziel verpasst, eine einheitliche Nation zu werden. Haiti ist ein zerrissenes Land geblieben. Westliche Herrscher wurden nach der Unabhängigkeit lediglich durch lokale Herrscher ersetzt, die Kluft zwischen den Menschen blieb. Diese durch das koloniale Gesellschaftssystem entstandene Spaltung, die bis heute besteht, ist viel gefährlicher als das Erdbeben. Unsere Schwierigkeiten haben hier ihre Ursache. Die Abschottung und die Einteilung in schwarz und weiß, arm und reich, Bauer und Städter, Analphabet und Gebildeter, Vodou-Anhänger und Katholik, Kreolisch und Französisch gehören zu den Problemen, die wir bis heute nicht gelöst haben.

Die moderne Welt ist vielfältig vernetzt. Mobiltelefon und Computer prägen den Alltag vieler Menschen auch in Haiti. Ist ein an traditionellen haitianischen Werten orientiertes Engagement heute noch zeitgemäß?

Ich mache einen feinen Unterschied zwischen "mondialisation" und "mondialité". "Mondialisation" bezeichnet den Prozess der Globalisierung, der sich unter dem Deckmantel des demokratischen Humanismus als große Maschinerie über die Welt ausbreitet. "Mondialité" beschreibt einen Zustand der Großzügigkeit, eines miteinander teilenden Zusammenlebens, eine geeinte Welt. Kultur hat die Möglichkeit, auf die geistige Haltung der Menschen einzuwirken. In dieser Hinsicht kann sie einen kleinen Platz beim Wiederaufbau Haitis einnehmen. Denn es geht in Haiti nicht nur darum, zerstörte Häuser und Regionen wieder aufzubauen, sondern auch die spirituellen Kräfte des Volkes in diesen Prozess gebührend einzubinden.

Interview: Andrea Pollmeier

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