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„Schreiben macht wach“

Der Schauspieler und nun auch Romanautor Burghart Klaußner über Literatur und über die Frage, wie Kunst und Kultur die Zivilgesellschaft retten können.

Burghart Klaußner
„Wenn Leute brüllen ,absaufen, absaufen‘, weiß man, man ist unter Mördern“, sagt Klaußner. Foto: Gene Glover

Herr Klaußner, Sie sind ein vielgelobter Theater- und Filmschauspieler. Nun haben Sie einen Roman geschrieben. Wie ist es, jetzt noch einmal Debütant zu sein?
Etwas in der Hand halten, es lange aufbewahren zu können – ein Buch ist schon etwas Besonderes. Ich habe die Branche immer geliebt, da sind sehr viele intelligente Menschen versammelt. Ich bin froh, dort angekommen zu sein.

Sie sprechen allerdings schon lange Hörbücher ein.
Das ist ja eher ein dienendes, interpretierendes Gewerbe. Das Schreiben dagegen ist die höchste Form der Autonomie auf künstlerischem Sektor. Das alleine hat mich immer fasziniert. Wo bist du am unabhängigsten? Am Schreibtisch.

Haben Sie denn eines Tages einfach damit angefangen oder wie war das?
Ich habe schon immer geschrieben, aber es ging mir damit wie vielen anderen: Wenn man denkt, was es schon für Bücher auf der Welt gibt, warum soll ich gegen diesen Berg anarbeiten? Es war Karin Graf ...

... die Literaturagentin ...
... mit der ich befreundet bin, die mich drängte. Schließlich habe ich ihr in ihrer Küche einen Abriss vorgetragen. Genau so weiter, hat sie gesagt.

Als Schauspieler haben Sie immer andere um sich herum, als Autor sind Sie über Wochen, Monate allein mit sich. Wie haben Sie es ausgehalten?
Drei Monate oder länger noch am Schreibtisch – das fiele mir schwer. So habe ich gelernt, auch unterwegs zu schreiben. Und wenn ich mal nicht weiterwusste, hatte ich ja zum Glück beruflich immer noch andere Sachen, die mich über eine solche Zeit wegtrugen.

Das Buch spielt in Berlin, es geht einmal quer durch. Was bedeutet Ihnen die Stadt?
Das ist so eine Frage, die leicht zu Kitsch und Irrsinn führt. Mir bedeutet Berlin viel. Ich bin hier geboren. Mein Urgroßvater kam vom Bauernhof hierher, aber auch mein Vater und Großvater stammten aus Berlin. Da könnten wir sogar von Heimat reden.

Ein wichtiges Thema heutzutage.
Ja, vor allem für die Zeugen Seehofers ... Als unsere Familie nach München umzog, weil durch die Russenbedrohung in West-Berlin geschäftlich nichts mehr los war, und als die anderen Kinder in Bayern mich so triezten, da habe ich mich mit der Vorstellung gerettet, ich sei was Besseres, weil ich ein Berliner sei. Dazu neigt der Berliner ja. Der Abstand von der Stadt hat mir aber auch sehr gut getan, ich habe Fehler erkannt und denke mir: Vorsicht, Berliner, von deiner Stadt sind zwei Weltkriege ausgegangen!

Sie haben den Dialekt Ihrer Geburtsstadt noch so in sich, dass die Dialoge, die Sie zum Teil auf Berlinisch führen im Roman, funktionieren. So etwas gelingt selten.
Vielleicht ist das eine Frage des Maßes. Es ist unschön, wenn Literatur pausenlos im Dialekt daherkommt. Das habe ich versucht zu dosieren.

Der eine, Fritz, ist Gastwirt.
Richtig.

Und Ihre Eltern hatten auch eine Gastwirtschaft.
Richtig.

Erinnern Sie sich an das Lokal der Eltern?
Ja, schon, aber ich war dort nie unterwegs, wenn es hoch herging, weil ich zu klein war. Mir wurde eingeprägt, mein Vater sei Gaststättenkaufmann. Ich durfte nicht etwa sagen, er ist Wirt oder Kneipier – oder Budiker, ein schönes Berliner Wort. Nein, Gaststättenkaufmann oder Handelsrichter. Solche Sachen hat er gemacht. Sehr bürgerlich angestrichen. Es kam wohl daher, dass die Familie Anfang des 20. Jahrhunderts durch diesen wahnsinnigen Durst der männlichen Bevölkerung ziemlich vermögend geworden war und sehr kommod lebte. Es wurden manchmal in 24 Stunden 2800 Liter Bier getrunken. Eine Zahl, die verbürgt ist. Das ergab eine seltsame Mischung aus Bürgerlichkeit und Anarchie.

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