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Salman Rushdie „Romane geben keine Antworten, sie schmuggeln Fragen“

Salman Rushdie über Fakten und Fiktionen in seinem neuen Buch, über Sinnproduktion in der Kunst, indische Mafiosi und die Unmöglichkeit, Literatur über Quantenphysik zu schreiben.

Salman Rushdie
„Wenn Sie sich in dem Geschäftszweig Kunst betätigen, dann sind Sie Sinnproduzent“, sagt Salman Rushdie. Foto: rtr

Das Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg. Auf dem Weg zu Salman Rushdie durchqueren wir die berühmte „Wohnhalle“. Meine Begleitung lächelt. „Als ich das letzte Mal mit Rushdie hier war, saßen wir dort drüben am Fenster. Plötzlich kam eine Frau zu uns und sagte zu Rushdie: ‚Sie sind Salman Rushdie! Ich liebe Ihre Bücher. Ich heiße Tatjana.‘ Rushdie sah mich überrascht an. Mir kam sie bekannt vor, ich googelte und es war das einstige Supermodel Tatjana Patitz. Als sie zurückkam, bat Rushdie sie zu uns an den Tisch.“
 
Ich habe Ihnen zwei Geschenke mitgebracht. Ihre Reaktion darauf ist Teil des Interviews.
Dann muss ich sie jetzt öffnen? In einer bestimmten Reihenfolge?

 
Nein, nein. Ich habe keinen Plot.

„Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint: Eine Reise in die Welt der Quantengravitation“ von Carlo Rovelli. Vielen Dank. Ich bin daran sehr interessiert. Das andere, was ist das?
 
Thomas Demand ist ein deutscher Künstler, der in Los Angeles lebt. 
Ein Maler? Ein Installationskünstler, ein Bildhauer?

 Wenn Sie in eine Ausstellung seiner Arbeiten gehen, sehen Sie nur Fotos. Zum Beispiel diese Aufnahme eines Büros.
Merkwürdig.
 
Es ist nicht das Foto eines Büros. Es ist das Foto eines täuschend ähnlich gemachten Papiermodells eines Büros. So arbeitet er: Er bastelt aus Papier eine Kopie der Wirklichkeit. Die fotografiert er. Dann vernichtet er das nachgebaute Modell. Es bleibt nur das Foto. Nur das wird verkauft. 
...

Sie sagen nichts.
Es bleibt nur das Bild. Großartig. Sehr, sehr interessant. Ich ärgere mich ein wenig, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin. Auch diese Wirklichkeit ist nicht so, wie sie scheint. Ich sehe schon, warum Sie mir diese Bücher mitgebracht haben. Was Sie aber vielleicht nicht wussten: Als Junge wollte ich Physiker werden. In der Schule war ich am besten in Mathematik und Physik. Alle gingen davon aus, dass ich Physiker werden würde. Aber ich studierte Geschichte, Französisch und Latein. Die Physik hörte jedoch nie auf, mich zu interessieren. Ich bin mit dem Chef des Hayden-Planetariums in New York, mit Neil deGrasse Tyson befreundet. Er kann so großartig erzählen von Schwarzen Löchern, Zwerggalaxien, vom Urknall und all dem. Aber ich verstehe die Gleichungen nicht. Leider.

 
Darüber zu schreiben, haben Sie keine Lust? 
Die Quantenwelt kann kein Thema sein für Literatur. Die Ursache folgt der Wirkung, etwas kann gleichzeitig an zwei Orten sein. Das ist alles sinnlos.
 
Sie aber sind ein Sinnproduzent?
Ein Autor bringt das Chaos der Realität in eine Form. Das ist seine Arbeit. Indem Sie der Welt eine Form geben, geben Sie ihr automatisch eine Bedeutung, einen Sinn. Wenn Sie sich in dem Geschäftszweig Kunst betätigen, dann sind Sie Sinnproduzent.
 
Auch ein Sinnzerstörer. Im letzten Kapitel des „Golden House“ zum Beispiel ist Nero Golden tot, seine drei Söhne, seine Frau. Es überleben: der Erzähler, seine Freundin und der kleine Junge, den der Erzähler mit Nero Golden zeugte, die ihn dann Nero Golden unterschob. Der Roman endet also mit einer Hollywood-Idylle: Vater, Mutter, Kind. Dann aber „dreht sich die Kamera so schnell, dass die Gesichter verschwinden, nur noch Verschwommenes, Geschwindigkeitsstreifen, Bewegung. Die Leute – der Mann, die Frau, das Kind – sind zweitrangig. Da ist nur das wirbelnde Leben.“ Das Happyend wird zerstört.
Es gefällt mir, dass Sie es so lesen. Andere sahen die Familie und die Auflösung der Individuen als einen Ausdruck der Liebe.

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