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Saleem Haddads „Guapa“ Immer einer von „denen“

Saleem Haddads starker Debütroman „Guapa“ erzählt von einem homosexuellen Araber zwischen den Fronten.

Saleem Haddad
Saleem Haddad nimmt seine Leserinnen und Leser auf eine Zeitreise mit, ohne den Kern der Geschichte je aus den Augen zu verlieren. Foto: Sami Haddad

„Guapa“ – „schön“ – nennt sich ein verrauchtes Kellergewölbe, irgendwo im Nahen Osten, dem Stammlokal des homosexuellen Rasa. Im „Guapa“ trifft er auf all jene, die nur an verborgenen Orten wie diesem ihre Identität jenseits des gesellschaftlich-traditionellen Status quo ausleben, weil die öffentliche Moral sie als „verdorben“ und entsprechend als das Gegenteil von schön definiert. Verdorben ist, was der religiösen Lehre widerspricht, was sich dem moralischen Zwang entzieht, den der Staat als Machtinstrument einsetzt und der in den Köpfen der Menschen fest verankert ist.

Doch nicht nur Fragen nach Identität und Moral behandelt der Debüt-Roman des in Kuwait-Stadt geborenen Saleem Haddad. Das Buch ließe sich auch als Coming-out-Geschichte eines jungen Mannes in einer namenlosen nordafrikanischen Stadt in der Zeit politischer Unruhen beschreiben. Als Polit-Roman über den arabischen Frühling aus der Perspektive eines Homosexuellen, der erlebt, wie die Revolution schließlich zwischen Militärdiktatur und islamischem Regime taumelt. Als Schilderung eines Lebensabschnitts von nur 24 Stunden, in dem Zeitgeschichte und kulturelle Identitätsfindung Platz finden, nicht zuletzt biografische Brüche.

Bemerkenswert ist, dass „Guapa“ jede der Lesarten erlaubt, ohne sich dabei zu verzetteln. Das liegt vor allem an der geschickten Erzählstruktur, mit der Haddad seine Leserinnen und Leser auf eine Zeitreise mitnimmt, ohne den Kern der Geschichte je aus den Augen zu verlieren. Und der wird bereits zu Beginn des Buches offenkundig. Ich-Erzähler Rasa und sein Freund Taymour werden zusammen im Bett erwischt.

Genaugenommen hat Teta, Rasas Großmutter, durch das Schlüsselloch gespäht und gesehen, was sie womöglich bereits geahnt, aber stets verdrängt hat: Ihr Enkel tauscht Zärtlichkeiten mit einem anderen Mann aus. Für Rasa ändert sich alles. Es ist sein unfreiwilliges Coming-out vor der traditionell eingestellten Frau, die seit seiner Pubertät die Rolle von Vater und Mutter mit übernommen hatte. Teta ist seine Familie, sein Halt und gleichzeitig ein Fels in der Brandung gegenwärtiger Umbrüche, Kämpferin für die kulturelle Tradition, die andere Lebensmodelle jenseits der klassisch patriarchal-religiösen Strukturen nicht duldet. Sie weiß wohl, dass sie den Kampf im Innern nicht gewinnen kann, doch zumindest dem äußeren Schein will sie genügen – und mit ihr wollte das bislang auch Rasa, der seine innere Zerrissenheit auf die Frage zuspitzt, ob es denn bloß seine Homosexualität ist, die ihn „shaat (abartig) macht“, oder ob da nicht noch viel mehr ist.

Aber spielt das eine Rolle? Rasa wird zumindest seiner Großmutter künftig mit dem beidseitigen Wissen um seine Sexualität in die Augen schauen müssen. Und sie ihm, ihrem einstigen Häftling, der sich unfreiwillig aus seinem inneren Gefängnis befreit hat. Er könnte auch alles hinter sich lassen, in die USA auswandern, wo er mehrere Jahre studiert hat. Doch wäre das tatsächlich für ihn ein Schritt in ein Leben jenseits von Zwängen? Es scheint eine Frage der Perspektive, des Ortes, welchen inneren Freiheitsentzug man ausgeliefert ist, der sich in erster Linie manifestiert über die Wahrnehmung anderer Menschen und die von ihnen vorgenommene Fremddefinition.

Der schwule Mann in seiner arabischen Heimat, der religiösen Fundamentalismus ablehnt und sich mit den kulturellen Artefakten des Westens identifiziert, sich zugehörig fühlen will zum kapitalistischen Mainstream, muss in der Fremde feststellen, dass er eben nicht dazugehört. Dass er plötzlich für das wahrgenommen wird, wogegen er eigentlich ankämpft, dass ihn seine Umwelt in eine Schublade packt, die nicht daran interessiert ist, wer er wirklich ist. „Nun wurde ich einer anonymen Masse zugeordnet: Araber. Muslim. Ich war jetzt einer von ‚denen‘.“ Einer von denen, zu denen er qua sexueller Identität nicht gehören kann.

Rasa, wieder zurück in seiner Heimat, wird die ganze Härte des Regimes miterleben, den Bruch innerhalb der Gesellschaft, den antiemanzipatorischen Rollback der Revolution. Das „Guapa“ existiert, er wird dort einige Schnäpse mit der lesbischen Wirtin Nora trinken, und beide werden sie dem singenden Maj in seinen Frauenkleidern zujubeln.

Saleem Haddad verharrt nicht bei den äußeren Einflüssen der politischen Ereignisse, bei der Terror-Angst in den Vereinigten Staaten nach 9/11. Vielmehr macht er durch seine Protagonisten plausibel, was die Pauschalisierung von Menschen mit jedem Einzelnen macht, wie sie ihr Herkunftsland aller inneren Konflikte zum Trotz als ihren neuen Fluchtpunkt wählen oder sich radikalisieren, als scheinbare Verteidigung der eigenen Wurzeln, nur um irgendwohin zu gehören. Insofern hat Haddad einen hochpolitischen Roman geschrieben, der über die Problematisierung der Lage Homosexueller in islamisch geprägten Ländern hinausreicht.

Klug analysiert er arabische und amerikanische Gesellschaftsstrukturen, ohne gängige moralische Hierarchien zu bestätigen. Anhand der kulturübergreifenden Geschichte von Rasa stellt er die weltpolitischen Ereignisse in den Zusammenhang einer Identitätsfindung, die es dem Einzelnen oft nicht erlaubt, das Problem der eigenen Zerrissenheit jenseits der Einflüsse von außen zu lösen. „Alle hatten mich im Stich gelassen. Also wandte ich mich Karl Marx zu“ – für Rasa ist der Dschihad keine Option, für viele andere, Männern wie Frauen, durchaus.

Saleem Haddad: Guapa. Roman. Aus dem Engl. von Andreas Diesel. Albino Verlag, Berlin 2017. 400 Seiten, 16,99 Euro.

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