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Sachbuch Träumen Die Errungenschaft des Durchschlafens

Stefan Kleins klares, kluges Buch über das weite Feld der Träume erklärt auch, dass und warum der Mensch früher viel mehr von seinen Träumen wusste.

Bären, die bekanntlich wie ein Bär schlafen, schlafen noch viel länger durch als der moderne Mensch. Foto: REUTERS

Ich liebe dieses Buch. Ich liebe seine Klarheit, seinen Verstand. Ich habe viel gelesen über die riesige Bedeutung von Träumen für die Menschen in früheren Zeiten. Aber erst bei Klein habe ich diese so einleuchtende Begründung gefunden: „Einer der am wenigsten beachteten Umbrüche in der Menschheitsgeschichte ist, dass unsere Vorfahren erst vor etwa acht Generationen begannen durchzuschlafen.“ Wer sein Bett mit der Familie teilt, der schläft nicht durch, den weckt das Schnarchen, das Zappeln der Schlafgenossen aus seinen Träumen. Er erinnert sich nicht nur besser an sie; erwachend steckt er noch in ihnen. Damals wusste man noch, dass man unentwegt träumt, dass die Seele, so sagte man wohl, nie ruht. Sie hetzte und wurde gehetzt.

Ich liebe das Buch auch, weil Klein sich vor großen Sprüngen nicht scheut. Selbst nicht vor dem von dem träumenden Ich zur Physik der Elementarteilchen: „Ein menschlicher Körper, ein Stein, ein Stahlträger, auf dem ein ganzes Haus lasten kann – sie alle bestehen aus Leere. Die winzigen Atomkerne und noch kleineren Elektronen sind von hunderttausendmal größeren Zwischenräumen getrennt. (...) Im Traum löst sich das Ich in seine Elementarteilchen auf. Zu erleben, dass unsere Persönlichkeit nicht so festgefügt ist, wie wir glauben, kann beunruhigend sein – aber auch befreiend.“

Ein mixtum compositum

Eine Analogie? Ein Versuch, das eine, das wir nicht verstehen, zu erklären mit etwas anderem, das wir auch nicht verstehen? Vielleicht aber auch das Aufscheinen einer Ahnung, dass wir Produkte eines Zusammenhanges sind, über den wir gerade erst beginnen, uns klar zu werden. Die Träume sind unsere Träume, wie unser Körper unser Körper ist. Dieser Satz ist wahrer, als wir annehmen. So wenig nämlich wie unser Körper unser Körper ist, so wenig sind auch unsere Träume unsere Träume. Selbst unser Ich, auf das wir so stolz sind, ist ein mixtum compositum. Nichts darin, was sich nicht auch anderswo fände. Und doch in dieser Verbindung einzigartig.

Man kommt ins Träumen in diesem Buch über Träume. Es sind auch jene dabei, in denen wir verschmelzen mit allem, was ist. Ohne Angst, ohne Freude – einfach, weil wir wissen, dass wir dazugehören. Wir sind nicht das Subjekt, das allem anderen gegenübersteht. Oder doch auch nicht anders, als die andern Subjekte sind.

Es sind Träume ähnlich denen, die einen in Konferenzen anfallen. Sie sind da, sie werden sogar registriert. In Wahrheit aber ist man „mit den Gedanken woanders“. Das ist nicht ganz korrekt, denn man hat die Konferenz nicht verlassen, man ist den Argumenten gefolgt, aber daneben schweifen andere Gedanken quer durch die Welt der Lebenden und der Toten.

Ich mag auch sehr die Stelle, an der Stefan Klein darauf hinweist, dass wir bis zu zwanzigmal pro Minute die Augen schließen, „viel öfter als es zum Verteilen der Tränenflüssigkeit nötig wäre. Doch offenbar ist unser Hirn damit überfordert, ständig zu sehen. Die wenigen Zehntelsekunden, während derer sich unser Gesichtsfeld bei jedem Lidschlag verdunkelt, verschaffen ihm winzige Ruhepausen, um die Reize zu verarbeiten. So sind in jede Stunde des Tags tausendfach Vorstufen des Traums eingestreut.“

Stefan Klein: Träume – Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit. S. Fischer 2014, 283 Seiten, 19,99 Euro.

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