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Sachbuch Galerie der Glaubensbilder

Joseph Leo Koerner erzählt die Bildergeschichte von der Reformation bis zur Romantik.

Das letzte Abendmahl, um 1527. Gemälde von Hans Holbein d.J. und Werkstatt
Übriggebliebene Mitte der Arbeit: „Das letzte Abendmahl“ von Hans Holbein und Werkstatt. Der Rest ging im Bildersturm verloren. Foto: epd

Sechs Monate, nachdem Dr. Martin Luther auf der Wartburg verschwunden war, kam es zwischen dem 27. Januar und dem 5. Februar 1522 in der Wittenberger Stadtkirche zum ersten großen protestantischen Bildersturm. Eine Gruppe von Bürgern drang in Luthers Predigtkirche ein, riss die Altäre herunter, zerschlug Skulpturen, verbrannte Bilder. Bereits am 24. Januar hatte der Rat der Stadt ohne fürstliche oder bischöfliche Zustimmung eine Kirchenordnung zur „Säuberung“ erlassen, um „die Abgötterei zu vermeiden“. Kurz darauf folgte die Umsetzung.

Es lässt sich nicht genau rekonstruieren, was damals geschah und ob es wirklich die neue städtische Kirchenordnung war, die zu den Ausschreitungen führte. Aber auf den ersten Blick scheinen hier eifrige Neu-Protestanten energisch die Sache ihres Glaubens vertreten zu haben. Am 27. Januar 1522 war in Wittenberg die einflussreiche Schrift „Von der abtuhung der Bylder“ von Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, erschienen, mit der er aufforderte, Gottes Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen“ ernst zu nehmen – und also die Bilder aus den Kirchen zu entfernen.

Gegen den gesunden Menschenverstand

Der Ikonoklasmus richtete sich demnach gegen ein falsches Glaubensverständnis und entsprechend auch nicht nur gegen die Bilder. Marien- und Heiligenverehrung, das Papsttum, die Reliquien: das alles sollte nach protestantischer Überzeugung keine Hilfe auf dem Weg zum Heil mehr sein. Einzig das Wort, einzig der Glaube, einzig die Gnade galten – und was ihre Geltung verstellte, wurde als Gefahr begriffen, als jene Irrlehre, den Bildern mehr zu glauben als dem, was sie darstellen.

Solche Idolatrie aber widerspricht dem gesunden Menschenverstand, schreibt der britische Kunsthistoriker Joseph Leo Koerner in seiner großen Studie „Die Reformation des Bildes“. Schon Luther wandte sich gegen die radikalen Bilderstürmer (und gegen Karlstadt), denn „so toll sind die leute nicht gewesen, das sie gemeynet hetten, das die bilde, holts und steine der rechte Gott weren“.

Entsprechend hat Luther die Bilder auch zu schätzen gewusst, allerdings nur, wenn sie „den unfassbaren Gottesgedanken in windeln wickeln, damit er fasslich wird“. Die Bilder braucht’s also „umb der kinder und einfeltigen willen, welche durch bildnis und gleichnis besser bewegt werden, die Göttlichen geschicht zu behalten, denn durch blosse wort odder lere“.

Lange Linien von Caspar David Friedrich bis zur Gegenwart

Luther habe mit diesem an der Pädagogik und der Botschaft der Bilder ausgerichtetem Kunstverständnis die bildende Kunst für immer verändert, sagt Koerner. Und er verdeutlicht seine These, indem er ein Bild in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen stellt, „das nicht wegen seiner interpretatorischen Komplexität, sondern wegen seiner wohldurchdachten Schlichtheit bemerkenswert ist“: Lucas Cranachs Predella des Wittenberger Altars, entstanden 1547, auf der man rechterhand Luther auf einer Kanzel, gegenüber die Gemeinde und in der Mitte ein Kruzifix sieht.

Koerner diskutiert ausgesprochen detailliert, was dieses Bild mit dem Betrachter macht – und was es darstellt, im Kern nämlich jenen „Glauben an den Glauben“, den man Protestantismus nennt. Eingehend untersucht er, was dabei Predigt, Wort und Unterweisung bedeutet, wie die Gestik zu deuten ist, was das für Kirchenbau und Amtsverständnis bedeutet. Und er zieht stets lange Linien bis hin zu Caspar David Friedrich und in eine bildbeherrschte Gegenwart, für die Koerner behauptet, dass die Bilder auch dann bleiben, wenn ihr Zentrum, Christus, verschwunden ist.

Seine theologisch begründete Abneigung gegenüber dem Protestantismus verheimlicht dieses Buch dabei nie. Aber womöglich gelingt ihm gerade aus dieser Distanz heraus eine derart luzide Durchdringung der Kunstgeschichte von der Reformation bis zur Romantik. Unter der Hand gelingt damit auch eine Geschichte des Protestantismus, in der gerade die Bild-Missverständnisse zum Hauptakteur werden. Interessant.

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