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Sachbuch Dem Kontrollwahn der Moderne Tribut gezollt

Ebenso faszinierend wie ungewöhnlich: In seinem Buch "Das Attentat" entfaltet der Literatur- und Medienwissenschaftler Manfred Schneider ein historisches Pandämonium, kurz und zynisch gesagt ein "Best of" folgenreicher Mordanschläge in der Geschichte, die nicht nur als Produkte der Unvernunft abzutun sind.

27.01.2011 17:54
Robin Celikates
Ein Attentäter hat der demokratischen Kongessabgeordneten Gabrielle Giffords in den Kopf geschossen. Sie überlebte schwer verletzt. Foto: epa/House of Representatives

Wir wissen nicht, und werden vielleicht niemals erfahren, was Jared Loughner dazu gebracht hat, auf die US-amerikanische Politikerin Gabrielle Giffords zu schießen. Mit seiner die Öffentlichkeit aufschreckenden Tat und den von ihm hinterlassenen Fragmenten seiner Weltdeutung fügt er sich aber in eine historische Ahnenreihe ein, die letztlich bis zum Vater aller Attentäter zurückreicht: Brutus.

Diesen Bogen vom Mörder Caesars bis zu den School shootern und Selbstmordattentätern unserer Tage spannt jedenfalls der in Bochum lehrende Literatur- und Medienwissenschaftler Manfred Schneider in seinem ebenso ungewöhnlichen wie faszinierenden Buch „Das Attentat“. Auf fast 800 Seiten entfaltet er ein durch literaturgeschichtliche, gesellschafts- und kulturtheoretische sowie zeitdiagnostische Reflexionen erweitertes historisches Pandämonium – zynisch formuliert eine Art „Best of“ folgenreicher Mordanschläge und Attentate.
Ihnen allen ist zumindest gemeinsam, dass sie nicht einfach als Taten verwirrter Menschen gewissermaßen wegerklärt werden können. Auch der Attentäter (seltener: die Attentäterin) folgt nämlich einer Logik, genauer: seiner Logik, die allerdings von einem generalisierten Verdacht getrieben ist, der noch in den zufälligsten Zeichen- und Ereigniskonstellationen eine verdeckte Struktur und geheime Wahrheit entziffert. Der Attentäter neigt zu Überinterpretationen, zu „artifiziellen Deutungen“, die zu viel hineinlesen in das Chaos der Geschichte. Wie Schneider zeigt, sind Attentäter aber nicht allein in diesem übertragenen Sinn passionierte Leser: Der Lennon-Attentäter las noch am Tatort im „Fänger im Roggen“, und Lee Harvey Oswald wollte die Bücher lesen, die Kennedy las.


In seiner „Fatumsgewissheit“ ist der Attentäter überzeugt, Agent der historischen Notwendigkeit zu sein und eine Mission zu haben. Er macht sich selbst zu demjenigen, der dem Lauf der Welt eine neue Wendung geben muss. Aus dieser wahnhaften Selbstüberschätzung folgt der Einbruch der Kontingenz, des Unvorhersehbaren, das deshalb ebenso wenig im Voraus abgewehrt wie im Nachhinein erklärt werden kann, in den Alltag seiner Opfer.


Und Schneider identifiziert noch eine weitere Drehung: Der Ikonoklasmus der Attentäter, die immer auch Bilderstürmer sind und Repräsentanten (Päpste, Könige, Präsidenten, Revolutionsführer, Popstars) und Repräsentationen (die New Yorker Twin Towers) angreifen, geht einher mit ihrem Verlangen nach medialer Sichtbarkeit, der forcierten Einschreibung in die Geschichte und deren bildliche Produktion.


Nur scheinbar archaisch, ist der Attentäter demnach ein Verächter jener Medien, die er zugleich für die Konstruktion seines Wahnbildes benötigt und in deren Scheinwerferlicht er sich gewaltsam drängt. Schneider porträtiert den Attentäter – trotz der weit zurückreichenden Genealogie – deshalb auch als spezifisch moderne Gestalt, die letztlich nur verständlich wird, wenn wir in ihr auch eine Reaktion auf den alle Kontingenzen eliminierenden, zweckrationalen Erklärungs- und Kontrollwahn der Moderne sehen.


Wenn das Denken der Attentäter auch Irrsinn ist, so hat es doch Methode und kann Schneider zufolge nicht einfach als Unvernunft abgetan werden. Daher will er die Paranoia nicht als irrational, sondern als hyperrational verstanden wissen. Die Kritik der für die Paranoia wesentlichen Immunisierung gegen Zweifel und Selbstreflexion ist allerdings selbst wiederum nur als Kritik eines Rationalitätsdefizits zu verstehen. Schließlich diagnostiziert Schneider auch, dass Gesellschaften auf die entfesselte Paranoia des Attentäters unter Umständen selbst recht unvernünftig reagieren, nämlich mit einem Wahn, der – siehe JFK und 9/11 – in einen nicht versiegenden Strom von Verschwörungstheorien münden kann.
Zurecht insistiert er auf den theoretischen wie praktischen Kosten der Leugnung und Verdrängung von Kontingenz. Vor diesem Hintergrund klingt sein Plädoyer, angesichts der nun scheinbar auf Dauer gestellten Terrordrohung nicht selbst in kollektive Paranoia und Sicherheitshysterie zu verfallen, doch sehr vernünftig.


Nicht immer scheinen Schneiders theoretische Spekulationen durch das historische Material gedeckt oder nachvollziehbar darauf zurückzuführen zu sein. Oft werden gerade für den Terrorismus – man denke nur an „Carlos“ – wichtige politische Kontexte und Bezüge ausgeblendet. Dass der Autor sich – bewusst – der Gefahr aussetzt, seinen Gegenstand auch mal überzustrapazieren, mag man schon dem etwas hoch gegriffenen Untertitel „Kritik der paranoischen Vernunft“ ablesen. Symptomatisch hierfür erscheint die Charakterisierung des Selbstmordattentäters als „explodierendes Buch“ oder die These, eigentlich seien Interpretationen und nicht Taten oder „Schwerter und Kanonen“ die wahren Triebkräfte der Geschichte.
Man muss derartigen spekulativen Ausflügen aber nicht immer folgen, um dieses sich auch stilistisch hervorhebende Werk für ebenso zeitgemäß wie gewichtig zu halten.

Manfred Schneider: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Matthes & Seitz, Berlin 2010, 768 Seiten, 39 Euro.

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