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Sachbuch Das Glück hat viele Stimmen

Auch die Philosphie hat viele Stimmen. Michael Hampe erzählt in vier unterschiedlichen Versionen, wie das vollkommene Leben gelingen könnte. Von Dirk Pilz

MIchael Hampes neues Buch über das Glück ist für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Foto: Hanser Verlag

Im letzten Sommer bin ich einige Wochen täglich in den Schweizer Bergen unterwegs gewesen. Und jedes Mal, wenn ich oberhalb der Baumgrenze entlanglief, den weiten Himmel und die pfeifenden Murmeltiere beobachtete, war ich glücklich. Nichts fehlte mir, nichts wünschte ich geändert. Es schien mir, dass Carl Seelig es sehr gut getroffen hat, als er in seinem Buch "Wanderungen mit Robert Walser" schrieb, das Glück sei selbstgenügsam: "Es kann in sich zusammengerollt schlafen wie ein Igel." Worin mein Glück in den Bergen genau bestand, weiß ich nicht; vielleicht war es die Ruhe, vielleicht war es das Gehen und Rasten. Ich hatte damals auch kein Bedürfnis, das Glücksempfinden zu ergründen.

Überzeugend finde ich daher, was Michael Hampe behauptet: "Die Lösung des Problems des Glücks merkt man am Verschwinden des Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, die zu einem glücklichen Leben gefunden haben, nicht sagen konnten, worin dieses Glück besteht.)" Einleuchtend finde ich das jedoch nicht, weil es meinen Überzeugungen entspricht. In dieser Frage teile ich die Ansicht von Gabriel Kolk. Er sagt, dass er gar nicht anzugeben vermag, welche Überzeugung über die Welt oder die Menschen glücklich macht, weil er nicht glaubt, dass irgendeine Überzeugung, die lediglich von oder über irgendetwas handelt, glücklich macht. Gabriel Kolk lehnt das so genannte "Haben" von Standpunkten generell ab; wie Kierkegaard will er sich nicht zu einem Standpunktvertreter erniedrigen.

Alles "Haben" sei schließlich auch ein Besitz, eine Sicht auf die Welt stelle jedoch gerade keinen Besitz dar, den es zu verwalten und bewahren gelte. Vielmehr würden einem Überzeugungen, so Kolk, ja stets zustoßen, gerate man in eine bestimmte Weltsicht mehr hinein, als dass man sie frei wählen könnte. Denn man komme zu ihnen immer auf der Grundlage von Erfahrungen, deren Bedingungen man nicht allein bestimmt, und immerfort seien zudem sehr verschiedene Stimmen und Erfahrungen in einem, die zu einer Überzeugung hin- oder wieder wegführen. Entsprechend sind auch die Menschen und ihre Glücksvorstellungen verschieden. "Die Anerkennung der individuellen Verschiedenheiten des Lebens, der Erfahrungen und des Denkens", meint Kolk daher, "ist zu Recht als Voraussetzung des menschlichen Glücks angesehen worden."

Vielstimmigkeit von Wittgenstein bis Schelling

Dieser Gabriel Kolk ist eine Erfindung von Michael Hampe. Er ist eine Stimme in seinem Buch "Das vollkommene Leben". Hampe, Philosophieprofessor in Zürich, lässt mehrere Stimmen auftreten, die über das Glück nachdenken. Diese Vielstimmigkeit ist ihm wichtig, weil er glaubt, dass seit Platon die Philosophie in ihren besten Momenten immer polyphon gewesen ist. Er wirbt deshalb wie Wittgenstein und Schelling vor ihm für ein Philosophieren des "anerkennenden Zeigens von Unterschieden". Darin steckt, wie Hampe in seinem Nachwort betont, auch die Hoffnung, dass eine "entdeckende und zeigende Beschreibung verschiedener philosophischer Standpunkte" eine berechtigte Alternative zu den heute vorherrschenden, wissenschaftlich begründenden Philosophien darstellt.

Die schönste Bestätigung dieser Hoffnung hat Hampe mit seinem Buch geliefert: Es ist das wunderbare Beispiel eines Philosophierens, das sich dicht an der Grenze zur Literatur bewegt und dabei nicht an Beweisen für richtige oder falsche Ansichten, sondern an der kritischen Beschreibung von Stimmenvielfalt interessiert ist.

Hampe bedient sich dabei eines Tricks. Er imaginiert einen Sonderling namens Stanley Low. Dieser Stanley Low ist ein gescheiterter Universitätsphilosoph. Seine Habilitationsschrift wurde abgelehnt, verbittert zieht er sich auf einen bescheidenen Posten an der "Calenberger Akademie der Wissenschaften" in Pattensen zurück.

Hier arbeitet auch Kolk, als ungewöhnlich belesener Gärtner. Diese Calenberger Akademie veranstaltet ein Preisausschreiben. Zu beantworten ist die Frage: "Kann das menschliche Leben vervollkommnet werden und wenn ja, auf welchem Weg können die Menschen das Glück finden?" Vier der eingesandten Essays veröffentlicht Stanley Low - sie bilden das Herzstück von Hampes Buch. Und in jedem der vier Essays wird eine mögliche Perspektive auf die Frage nach dem Glück entworfen.

Das richtige Bild liefern die Wissenschaften

Der Weg zum Glück, so die erste der vier Stimmen, liegt in der Vermeidung des Unglücks; und das beste Mittel dafür sind Wissenschaft und Technik. Aus dieser Perspektive, der eines Physikers, gibt es tatsächliche Fortschritte in der Wissenschaft, die uns bessere Glücksbedingungen schaffen. Voraussetzung ist allerdings, sich ein richtiges Bild von der Wirklichkeit zu machen; nur so kann sie auch zugunsten des Menschen verändert werden. Dieses richtige Bild liefern die Naturwissenschaften.

Eine zweite Stimme meint dagegen, dass es falsch sei, die Welt zu verändern, damit wir in ihr glücklich werden können. Das Glück wohnt nicht im Fortschritt, sondern in der Seelenruhe - wer glücklich werden will, muss sich von Abhängigkeiten befreien, vor allem vom Streben nach Reichtum, Ehre und Lust. Glück finden die Menschen nicht, wenn sie die Welt ihren Süchten anpassen; man muss sie vielmehr von ihren Süchten befreien.

Eine psychoanalytische Antwort auf die Preisfrage liefert der dritte Essay: Die Vorstellung vom Glück ist eine unrealistische Phantasie; die einzige erreichbare Verbesserung des Lebens besteht in der Befreiung vom Druck, etwas Unmögliches wie das Glück erreichen zu müssen. Es gilt, diese Verbesserung anzustreben, statt zu versuchen, das vollkommene Leben zu erreichen. Denn das Glück ist eine Illusion, die in keinem Kontext erreichbar ist.

Lieber ein unglücklicher Sokrates als ein glückliches Schwein

Dennoch ist es besser, wie John Stuart Mill schon vor Sigmund Freud gesagt hat, ein unglücklicher Sokrates als ein glückliches Schwein zu sein; denn ein Leben ohne Illusion ist ein Leben mit der Wahrheit. Die vierte, soziologisch ausgerichtete Perspektive sieht das Glück wiederum anders, nämlich als etwas, das sich einstellt, wenn intensive Erfahrungen in unbedrohten Kontexten möglich werden.

Es ist jenes Gefühl, wenn man sich am richtigen Ort mit den richtigen Menschen und Dingen glaubt. Solches Glück ist nichts, was man herstellen kann, sondern etwas, das einem widerfährt. Dafür aber muss die Umgebung stimmen, und eine rein kapitalistische Umgebung, so diese vierte Stimme, scheint eher geeignet, die Menschen unglücklich zu machen.

Ohne es explizit zu machen, beziehen sich diese vier Essays aufeinander; sie kritisieren und kommentieren sich gegenseitig. Das ist es vor allem, worauf es Hampe ankommt: auf jene Vielstimmigkeit, die dem Leser die Freiheit des Selbstdenkens lässt. Er plädiert mit diesem Verfahren nicht für einen haltungslosen Relativismus, sondern für ein Philosophieren, das die Differenzen aufrechterhält und anerkennt statt sie einzuebnen.

Eine philosophische Erzählung über das Glück

In seinem Nachwort lässt er Kolk dann vom Tod Stanley Lows berichten - er stürzt auf einer Wanderung in den Schweizer Bergen zu Tode. Ein Maler findet ihn, der als Künstler noch eine fünfte Glücksvariante ins Spiel bringt: das Glück der ästhetischen Erfahrung. Auch dieses findet seine größte Herausforderung im Sterbenmüssen - jede Frage nach dem Glück ist immer genauso eine nach dem Tod.

Den Abschluss des Buches bildet ein kurzer Anhang, in dem Hampe das Verfahren seines Buches erklärt. Das scheint auf den ersten Blick überflüssig, zumal er hier überraschenderweise das Glück als ein Leben in theorieloser, letztlich romantischer Standpunktlosigkeit zu erklären scheint. Begreift man aber dies ebenso als Bestandteil des fiktionalen Rahmens, ergibt sich eine weitere Glücksmöglichkeit. Und auch diese gibt es wie alle anderen nicht als Abstraktum, sondern nur in konkreten Lebenszusammenhängen: Jedes Glück ist Ausdruck eigener Erfahrung, jede Glückserfahrung erzählt vor allem etwas über das Leben dessen, der sie macht.

Hampe hat also weder einen Glücksratgeber noch eine Glücksabhandlung geschrieben. Sein Buch ist eine philosophische Erzählung, die das Glück nicht in Begriffen, sondern in der Vielstimmigkeit sucht - und findet.

Michael Hampe: "Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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