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Russland Realität am Ochotskischen Meer

Ein raues Buch über eine raue russische Gegend: Viktor Remizovs Roman „Asche und Staub“.

Russland
Auf der Straße in Sibirien. Foto: YURI YURIEV (AFP)

Gleich zu Beginn des Buches, auf Seite 6 der deutschen Ausgabe, steht ein Satz, der innehalten lässt: „Aber sie wagten nicht gegen Gesetze zu verstoßen, die nicht sie gemacht hatten (…)“. Es geht um Fische, die nicht in der Lage sind, mit der Strömung aus einem Netz herauszuschwimmen. Es widerspricht ihrem natürlichen Verhalten.

In seinem Roman „Asche und Staub“ aber fällt der Autor Viktor Remizov damit ein Urteil über die Bewohner einer kleinen Siedlung an der äußersten Grenze Russlands, weit im Osten. Sie rebellieren nicht gegen die Ungerechtigkeiten, die ihnen von oben aufgedrückt werden. Sie haben sich damit abgefunden, dass die Jäger und Fischer die örtliche Polizei schmieren müssen, um ihrer Arbeit nachzugehen, dass sie gegen eigene Überzeugungen wildern müssen, um den vorgegebenen Obolus zu entrichten, dass sie besser schweigen, denn lauter Protest kann nur noch mehr Ungerechtigkeit bedeuten. Also wagen sie es nicht, die Gesetze infrage zu stellen, die nicht sie gemacht haben. Bis ein Unfall passiert. Ein Fischer aus dem Dorf fährt in Wut einen Polizeiwagen um. Zum Pech des Mannes sitzt in dem Wagen ein Polizist, der erst kürzlich die Arbeit im Dorf aufgenommen hat, vor allem wegen der Möglichkeit, sich illegal zu bereichern.

Und so eine Schmach kann der nun nicht auf sich sitzen lassen. Er fordert einen Trupp Sonderpolizisten aus Moskau ein, der aufräumen soll. Die Balance im Dorf ist dahin, die fremden Vertreter der Staatsgewalt beschlagnahmen Felle, Roggen und Fisch, plündern, was sie können und jagen den Beschuldigten in der Taiga. Viktor Remizov kennt die Region am Ochotskischen Meer im fernen Osten Russlands gut. Er hat ein schier unbegrenztes Wissen über die unzähligen Flüsse, Tiere und Pflanzen. Als Leser fühlt man sich einerseits gut mitgenommen in die Tiefe Sibiriens; andererseits fühlt man sich auch etwas verloren. Womöglich eine Absicht des Autors.

Weil nun ein Mensch des Dorfes es gewagt hat, gegen ein Gesetz zu verstoßen, das nicht er gemacht hat, hat er aus Sicht der Staatsgewalt ein Urteil über sich selbst gesprochen. Es geht um Leben und Tod. Viktor Remizovs Verdienst ist es, auf ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema zu verzichten und die Komplexität des heutigen Russlands in seinen Bürgern deutlich werden zu lassen. Es gibt zwar die eindeutigen Schurken und den eindeutigen Helden, aber sie könnten nicht handeln ohne die Hilfe jener, die sich keinem Lager anschließen wollen. Die scheinbar „Normalen“ sind es, die die Ungerechtigkeit im Ort aufrecht erhalten oder gegen sie opponieren.

In westeuropäischen Medien existiert Russland leider vornehmlich im Abbild Moskaus und anderer russischer Metropolregionen. Das Leben aus der Provinz gelangt eher selten in die Zeitungen oder auf TV-Bildschirme. Remizov entführt mit seinem Buch in diese nicht beachteten Regionen. Dort gärt es. Die Menschen diskutieren über Blockaden wichtiger Versorgungsstraßen (eine Anspielung auf aktuelle Proteste von Lastwagenfahrern), über die Gier der Polizisten (Dauerthema Korruption) und die Arroganz des Zentrums (der Moskauer). Das ist keine Fantasie des Autors, das ist Alltag im fernen Russland. Auch wenn das Drama, das Viktor Remizov entwickelt, schnell klar ist, kann er die Spannung bis zum Schluss durchhalten. Es ist ein raues Buch über eine raue Gegend; es bringt westliche Leser nah an die Menschen in Russlands abgehängten Provinzen heran. Es ist äußerst lesenswert.

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