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Russische Literatur Den ganzen Kommunismus im Detail

Ein Meisterwerk der verlorenen Utopie: Andrej Platonows Roman „Tschewengur“.

Alexa Hennig von Lange.
Alexa Hennig von Lange. Foto: Marie Haefner

Dieses Buch handelt vom Kommunismus, also auch von seinem Scheitern. Es erzählt Geschichten vom Ende der Geschichte als Ausweg aus dem Kreislauf von Not und Unterdrückung, von falschen Versprechen und trotzigen Hoffnungen. Die hat nicht nur der Kommunismus produziert.

Eine der zentralen Figuren ist Sascha Dwanow, der Sohn eines einfachen Fischers, der die Fische „als besondere Wesen“ liebte, „die wahrscheinlich das Geheimnis des Todes kannten“. Dieses Geheimnis will der Vater erkunden – und stürzt sich in den See, die Füße zusammengebunden, um nicht doch zu schwimmen. Er glaube nicht an den Tod, heißt es im Text, er wolle nur sehen, was es dort gibt, vielleicht sei das ja viel interessanter, als im Dorf zu leben oder am Ufer des Sees.

Mit dieser Untergangsgeschichte beginnt der Roman, und mit ihr weist er auf das Kommende voraus. Am Ende wird Sascha am Ufer dieses Todessees seine Kinderangel wiederfinden, heimkehren damit zum Grab des Vaters, reich geworden an Erfahrungen und Enttäuschungen, aber, so scheint es, noch immer einer, der „ohne den geringsten Widerstand mit jedem beliebigen Leben“ fühlen konnte, „mit der Schwäche hinfälliger Hofgräser und einem nachts zufällig vorübergehenden Menschen“.

Sascha ist nach dem Verlust des Vaters Waise, ein „Vaterloser“. Das russische Original, aus dem Renate Reschke den Roman wunderbar übersetzt hat, verwendet dafür das Wort „strannik“, das nicht nur Waise bedeutet, sondern auch „Heimatloser“, zudem für die Wallfahrer steht, jene zugleich tief religiösen wie unabhängigen, besitzlosen, aber freien Wanderer – daher auch der Untertitel des Erzählwerkes, „Die Wanderung mit offenem Herzen“. Sascha beginnt sie, nachdem er von seinem Halbbruder Proschka aus der Stieffamilie vertrieben wird, ein „überflüssiger Esser“ weniger.

Also geht Sascha auf Wanderschaft, hinaus in die russische Steppe („Höhe, Weite, tote Erde – alles war feucht und groß und wirkte darum fremd und beängstigend“),begleitet von einem Kopjonkin, der sein Pferd „Proletarische Kraft“ genannt hat und das Grab von Rosa Luxemburg sucht. Sie haben von Tschewengur gehört, einer fernen Steppenstadt, in der elf Bolschewiken (und ein „Verräter“) den Kommunismus errichtet haben sollen.

Der Kommunismus! Das ist die Verheißung einer besseren, lichten Zukunft, das „Paradies auf Erden“, das Ziel auch dieses Wanderduos, das von Beginn an auffallend an die Versuche des berühmte Duos Don Quijote und Sancho Panza erinnert, „Birnen vom Ulmbaum zu schütteln“, wie es bei Cervantes heißt. „Wenn sie auch Bolschewiki und Großmärtyrer ihrer Idee sind, du musst dir alles ganz genau angucken“ – das ist der Rat von Saschas Stiefvaters vor der Reise nach Tschewengur. Und das tut dieser Roman: Er untersucht „den ganzen Kommunismus im Detail“, schaut sehr genau den Menschen bei ihrem Versuch über die Schulter, den Himmel auf die Erde zu zwingen. Die Tschewengurer glauben, der Kommunismus entstehe von selbst, wenn nichts ihn behindert. Sie tun auch nichts, sie lassen alles die Sonne verrichten – und die Menschen „füreinander wie Ideen“ sein.

Es sind nicht nur der Hunger, der Neid, die „Fremdartigkeit der Natur“, die den Kommunismus am Ende sterben lassen. Es gelingt den Tschewengurern nicht, den „Rohstoff“ Mensch „kleinzukriegen“; sie scheitern daran, sich selbst zu überlisten: „Der Mensch war da und behielt seine Rätselhaftigkeit.“ Von dieser „verlustreichen Wahrheit“ vor allem erzählt dieser ungemein anspielungsreiche Roman, und sie ist eben keineswegs nur eine Geschichte über den Kommunismus, sondern über alle Versuche, Geschichte gegen den Menschen zu machen.

Andrej Platonow hat „Tschewengur“ in den Jahren 1926/27 geschrieben, aber erst 1988 konnte das Buch in der Sowjetunion erscheinen. Die Gründe liegen auf der Hand – Platonow hat seinen Roman als Korrektiv, als seelen- und bewusstseinserweiternde Gegenerzählung zur sowjetischen Geschichte verstanden; sie spielt deshalb in den Jahren nach der Revolution. Aber sie ist viel mehr, ist eine umgekehrte Schöpfungs- und Heilsgeschichte, ist ein Gedicht über die Fliehkräfte der Schwermut, „das Dunkel der Unruhe“. Über Liebe und Gewalt, die Einsamkeit, die Sehnsüchte. Wie ungemein eindringlich Platonow vom Sterben einiger Kinder erzählt zum Beispiel – das wird man nicht vergessen. Überhaupt macht die sonderbar sirrende Sprache die „vergebliche Schönheit“ dieses Romans aus, mehr noch als in der „Baugrube“, dem anderen Großwerk Platonows, das vor zwei Jahren in einer Neuübersetzung erschien.

Ingo Schulze sagt in einem dieser Neuausgabe beigegebenen Gespräch, die Lektüre sei ein Genuss ganz eigener Art. So ist es.

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