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Russische Literatur Bekenntnisse eines Hochstaplers

Der interessanteste Schklowskij, den es je gab: Der Band „bdquo;Sentimentale Reise“ erzählt von Revolution und Leid im 20. Jahrhundert. Eine ungewöhnliche Selbstlobpreisung, darüber eine Selbstmitleidswolke.

Russland 1917
Russland 1917: Bolschewisten gegen Truppen der provisorischen Regierung. Foto: afp/tass

1. Bei jeder Revolution herrscht zunächst ein allgemeines Durcheinander, dann beiderseitiger, genauer gesagt, allseitiger Terror. Bald beginnen neue Revolutionen und Gegenrevolutionen, jede macht das Leben des einfachen Menschen noch ein Stück schlimmer. So war es in Frankreich nach 1789, so war es auch in Deutschland nach der Novemberrevolution. Putschversuche und Terror der unterschiedlichen Gruppierungen blieben ständige Begleiter des unfreudigen Lebens des Reichsbürgers. Am Ende kam die „National-sozialistische Revolution“, wie sie offiziell hieß.

Entspricht eine Revolution dieser Sequenz von Revolutionen und Gegenrevolutionen, Terror und Gegenterror nicht, bedeutet das nur eines: Es handelt sich hier um ein Imitat, wie in England (Glorious Revolution, 1688) oder in den USA (1775 bis 1783), um einen Versuch, die Bevölkerung zu überzeugen, dass sie es gewesen sei, die aufbegehrt hat. Dem ist natürlich nicht so.

Diese strukturellen Gesetzmäßigkeiten muss der Leser von Viktor Schklowskijs Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg und die russische Revolution vor Augen haben. Seine „Sentimentale Reise“, nun frisch in der Anderen Bibliothek erschienen, ist Selbstrechtfertigung und Selbstlobpreisung zugleich, sie ist auch ein Bild Russlands zwischen 1917 und 1921 – eines Russlands, das infolge von Umstürzen und Kriegsniederlagen (die selbstverständlich auch durch die absolute Inkompetenz der Zarenregierung zustande gekommen waren) in Chaos, Hunger und Gewaltherrschaften unzähliger Banden versunken war.

2. Viktor Schklowskij, geb. 1893 in Petersburg, ist im allgemeinen Gedächtnis als Schriftsteller und Philologe, neben Boris Eichenbaum und Jurij Tynjanow einer der Begründer des Formalismus, der neuen Wissenschaft über die Literatur, geblieben. Er, ein vielseitig begabter Mensch, war auch vieles mehr – Militär, Revoluzzer, ständig auf der Flucht, ständig inmitten der historischen Turbulenzen. Sein Vater war getaufter Jude, seine Mutter russisch-deutsch, deshalb hielt er sich (berechtigterweise) nicht für einen Juden, was ihm erlaubte, über Juden mit einer gewissen Herablassung zu sprechen. Er behauptete, er liebe Russland, und war fleißig an dessen Zerstörung beteiligt, der glückbringenden Revolution wegen. Die richtigen Revolutionen bringen nie Glück – höchstens Krieg und Armut, das hätte der belesene Schklowskij wohl wissen müssen.

Was der Leser der autobiographischen Texte von Schklowskij hauptsächlich im Gedächtnis behalten muss: Sie sind in erster Linie belletristisch, ihr Wahrheitsgehalt ist kaum zu prüfen. „Sentimentale Reise“, benannt nach Laurence Sternes Buch, über welches Schklowskij seinerzeit eine Arbeit verfasst hatte, schrieb er 1922 in Berlin, wohin er geflohen war wegen des Prozesses gegen die militärische Organisation der Sozialistischen Revolutionäre (SR), der er angehörte. Der Prozess wurde von den Bolschewisten nicht gerade geschickt gestaltet, Erich Mühsam, in Niederschönhausen sitzend, empörte sich 1922 darüber. So weilte Schklowskij in Berlin, arm, unglücklich, unglücklich verliebt, von anderen russischen Exilanten als Revolutionär geächtet, und schrieb über sich. Die Aufgabe: Seine Großartigkeit zu unterstreichen, aber jegliche politische Bedeutung zu leugnen. Eine richtige Hysterie-, eine Selbstmitleidswolke kommt von diesen Seiten empor und schwebt über ihr.

3. Wenn wir aber die Bedeutung des Panzerwagendivisionsausbilders Viktor Schklowskij in der russischen Revolution und im Weltkrieg ganz ausklammern, bleiben uns höchst eindringliche Bilder menschlichen Leids: Das hungernde und frierende Petrograd, in dem die letzten Reste der Zivilisation sichtlich am Verschwinden sind; das persische Urmia-Gebiet, wo Russen, Perser, Armenier, Assyrer, Kurden und Türken einander unter der wohlwollenden Aufsicht der Amerikanischen Mission des Dr. Sheb abschlachten, teilweise bestialisch; die fürchterlichen Judenpogrome in der Ukraine und vieles mehr. Man muss starke Nerven haben und ein großes Interesse an der Geschichte des 20. Jahrhunderts, um dieses stellenweise quälende Buch zu lesen.

Interessant ist übrigens die Rolle der Alliierten: Bei einer aufmerksamen Lektüre der Schklowskij-Erinnerungen merkt man, dass das Hauptanliegen Frankreichs und Englands war, den russischen Staat zu zerstören. Der Weltkrieg war schon gewonnen und Russland konnte theoretisch das beanspruchen, was in den Geheimverträgen stand: Konstantinopel, Persien, Teile der deutschen Reparationen und sonstwas. Die Existenz des bolschewistischen Staates befreite die Alliierten davon und erlaubte es, den Bürgerkrieg in Russland immer weiter zu schüren, unter dem Vorwand, dem früheren Verbündeten (d.h. den „Weißen“) zu helfen (recht halbherzig). Das ist natürlich nicht der einzige Faktor der russischen Tragödie, aber einer der wichtigen und wenig beachteten.

4. Zurück zu Schklowskij. Er war ein Abenteurer, wie sie jede Revolution und jeder Bürgerkrieg hervorbringt. Er mischte sich in jede Unternehmung ein, die starke Emotionen und interessante Erlebnisse versprach, langweilte sich aber schnell und versuchte, sich zu drücken.

Dieses Buch zeigt uns den Typus Mensch, der in jedem Land gefürchtet sein muss, das in geschichtliche Turbulenzen geraten ist. Er kommt, genießt und schweigt nicht. Ist eine Ordnung hergestellt, beruhigt er sich wieder und lebt wie ein Spießbürger weiter, so wie Schklowskij nach der Rückkehr nach Sowjetrussland lebte, und zwar bis ins Alter von 91 Jahren.

Im September 1923 kehrte er also zurück und siedelte sich in Moskau an. Er lebte immer ruhiger und gemütlicher (wenn wir vom Zweiten Weltkrieg absehen, in dem sein Sohn Nikita fiel), als staatspreisgekröntes (1983) und Orden tragendes (drei Orden des Roten Banners der Arbeit, 1939, 1963 und 1973) Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR, bis zu seinem Tod am 6. Dezember 1984. Seine Werke wurden immer uninteressanter, seine literarische und philologische Amateurhaftigkeit, die früher unterhalten hatte, weil er Ideen gehabt hatte, schlug in Langeweile um, als ob er seine ganze intellektuelle Abenteuerlust während der Revolution und des Bürgerkriegs vollständig ausgegeben habe. Aus einem Hochstapler wurde ein Rentner. Der deutsche Leser darf nun den interessantesten Schklowskij kennenlernen, den es je gab.

Viktor Schklowskij: Sentimentale Reise. A. d. Russ. v. Olga Radetzkaja. Die andere Bibliothek 2017. 492 Seiten, 42 Euro.

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