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Rumänien-Roman Wintermäntel und Straßenhunde

Andrei Mihailescus atmosphärisch beklemmender Debütoman erzählt vom perfiden Ceausescu-Regime.

10.11.2015 16:29
Christoph Schröder
Widerstand gegen das Ceaucescu-Regime gegen Ende des Jahres 1989. Foto: REUTERS

Da steht Stefan Irimescu an einem glühend heißen Julitag des Jahres 1980 vor einer Baustelle in Bukarest. Er weiß nicht genau, wo er sich befindet; sein Geist ist verwirrt, sein Körper traktiert von der Behandlung, der er durch den Geheimdienst ausgesetzt ist: Schläge, Folter, Nahrungsentzug. Er sieht die Baustelle und die Bauarbeiter und denkt: Wasser.

Das ist ein Fehler. Das weiß Stefan nicht, aber kurz darauf wird es ihn erneut erwischen; die Bauarbeiter werden ihn sich vornehmen, weil sie einen Sündenbock brauchen, den sie der Architektin und Ehefrau des Partei-Bezirksvorsitzenden vorführen können. Die Baustelle ist in Verzug; es hat Diebstähle gegeben. Da kommt ihnen eine abgerissene Gestalt wie Stefan gerade Recht.

Es ist der Auftakt zu einem ungemein spannenden und erhellenden Roman. Denn schon die erste Szene zeigt: Alles, was hier geschieht, ist reine Willkür. Wenn es eine Logik gibt, dann die der Schuldverlagerung, des Duckmäusertums und der Gewalt gegen Ausgelieferte und Schwächere. Ein Wechselspiel aus Denunziation und Machtdemonstration.

Andrei Mihailescu wurde 1965 in Bukarest geboren, kam im Alter von 16 Jahren in die Schweiz und arbeitet heute als Informatiker. „Guter Mann im Mittelfeld“ ist sein Debütroman. Und auch wenn dieses Buch sprachlich, vor allem in den Dialogen, hin und wieder nahe am Trivialroman ist, so liefert es doch Einblicke in die Feinmechanismen eines diktatorischen Systems, das paranoider nicht sein könnte und das man aus gebührendem Abstand als einen Produzenten unfreiwilliger Komik bezeichnen könnte. Nur ein Beispiel: Stefan ist Journalist, kein Widerstandskämpfer, sondern ein anständiger Schreiber, der eigentlich keinen Ärger haben will.

Nonstop unter Feinden

Den bekommt aber trotzdem, als er eine Reportage schreibt. Was genau an seinem Text so verwerflich erscheint, versteht Stefan zunächst gar nicht, erst der obligatorische (und höllisch gefährliche) Securitate-Spitzel in der Redaktion erklärt ihm seine Verfehlung. Zum einen habe Stefan von einer Frau berichtet, die in ihrem Wintermantel am Tisch sitze. Zum anderen habe er aufgeschrieben, dass auf der Straße die Kinder mit Hunden spielten. Beides sei aber unmöglich, denn die Partei habe in besagtem Stadtteil sowohl kürzlich das Heizungssystem auf Vordermann gebracht als auch sämtliche Straßenköter beseitigt. Mithin sei sein Text bösartige Wirklichkeitsverfälschung und Agitation. Darauf muss man erst einmal kommen.

Immer wieder gelingen Mihailescu derart prägnante Szenen. Und ganz nebenbei erzählt er eine Geschichte, die im Kleinen die ganze Widerwärtigkeit des Ceausescu-Regimes sichtbar macht. Die Architektin, Raluca ihr Name, ist es, die Stefan aus seiner misslichen Lage auf der Baustelle befreit. Die beiden werden ein Liebespaar und fliegen, wie könnte es anders sein in einem Überwachungsstaat, auf. Ralucas Ehemann, der Bezirksvorsitzende, rächt sich auf die ihm mögliche Weise: Er bringt den Staatsapparat gegen Stefan und Raluca in Stellung. Zynisch gesagt, gehen das Private und das Politische hier eine sehr enge Verbindung ein.

Mihailescu entwirft psychologisch glaubwürdige Charaktere, die auf ihre jeweils eigene Weise versuchen, dem Druck der Macht zu widerstehen. Als Stefan einen oppositionellen Radiosender hört, wirft Raluca ihm Leichtsinn vor. „Es ist Krieg“, antwortet er, „Krieg ist gefährlich, es ist nicht eine Situation, in die du hineingehst, ein wenig schwitzt, eine Stunde später rauskommst, duschst und dann friedlich den Abend genießt. Du bist nonstop drin, deine Liebsten sind drin.“

Die feindselige Atmosphäre dieses Landes hat Mihailescu exakt eingefangen. Und die letzte Erkenntnis seines Romans ist nicht so banal, wie sie zunächst klingen mag: Es gibt für diejenigen, die beschlossen haben, dagegen zu sein, kein Glück mehr. Noch nicht einmal ein kleines.

Andrei Mihailescu: Guter Mann im Mittelfeld. Verlag Nagel & Kimche, München 2015, 348 Seiten, 22,90 Euro.

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