Lade Inhalte...

„Rückkehr nach Samthar“ Der Sinn des Lebens

Anna Katharina Fröhlich schickt eine höchst individuelle Heldin auf eine Reise nach Indien.

Inderin in Kathmandu
Was ist ein Zara-Home-Schlafanzugsstoff gegen einen Sari, denkt die Erzählerin. Foto: rtr

Die Schriftstellerin Anna Katharina Fröhlich legt nicht permanent neue Bücher vor, und in denen, die sie alle paar Jahre schreibt, folgt sie eigenen, versponnenen Plänen. Unter ihrer leichten Hand bekommen diese eine Selbstverständlichkeit, über die man sich nur wundern kann, sobald man ihren Bannkreis wieder verlassen hat. Dass ein zehnjähriges Mädchen ausgesandt wird, um in Indien eine Art halboffizielle Bräutigamswerbung für die Mutter durchzuführen, ist seltsam genug, verläuft hier aber insofern erfolgreich, als eine dauerhafte Liebe zu Land und Menschen geweckt wird.

Nun kehrt die inzwischen 45-Jährige noch einmal bester Laune zurück nach Samthar, die offenbar unwichtige, aber halbwegs intakte Residenz eines Maharaja, der sich über die Zeit gerettet hat. Hier herrscht, denkt die Besucherin „eine Freiheit, die weit über der angeblichen Freiheit der modernen Demokratie stand“. Auch hat die Mutter seinerzeit den niveauvollen FAZ-Korrespondenten – er „verkörperte von Kopf bis Fuß das, was zu allen Zeiten als Herr bezeichnet wurde“ – dann tatsächlich geheiratet, wenngleich er nicht ihr letzter Ehemann sein wird. Möglicherweise, das wird nicht kommentiert, ist er zu modern für die Frau, für diese Frauen. „Meine Augen sahen nicht, was seine Augen sahen“, erinnert sich die Erzählerin an ihren Kindheitsaufenthalt. „Offenbarte sich meinem zukünftigen Stiefvater auf der Festung vielleicht das bittere Geheimnis, dass jene Diener den Sinn des Lebens gefunden hatten, ohne ihn zu suchen, im Unterschied zu ihm, dem Aufklärer, der den Sinn des Lebens suchte, ohne ihn zu finden? ... War er vielleicht gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass diese Männer den Zweifel an sich selbst nicht kannte, da sie sich dem Maharaja angehörig fühlten, dem von den Göttern die Aufgabe erteilt worden war, jeden aufkommenden Zweifel für sie auszuräumen?“

„Rückkehr nach Samthar“ erzählt eine unorthodoxe Damals-heute-Geschichte, amüsant und wertkonservativ, und dass das Wertkonservative nicht peinlich wird (überhaupt nicht), liegt an dem lakonisch gewitzten, wirklich vergnüglichen und individuellen Ton, den Fröhlich anschlägt. Es ist nicht der Ton eines Snobs und vor allem nicht der einer Rechthaberin. Es ist ein Ton, der nichts will vom Lesenden. Hier redet eine dauerhafte, stillvergnügte Außenseiterin (traditionell darin auf eher männlich besetztem Terrain), für deren Sehnsüchte es eben keine einfache Lösung gibt, wie sie sich im rudimentären, aber funktionstüchtigen, aber auch blödsinnigen Hofleben zu zeigen scheint.

Oder in dem Besitz eines rosafarbenen Huts, der dem Kind zum Greifen nahe ist: „Die Vorstellung, die Eigentümerin eines rosa Hutes zu sein, veränderte meinen Blick auf das Leben, schürte zum ersten Mal ein gesellschaftliches Unbehagen in mir, eine vage Sehnsucht nach großbürgerlichen Verhältnissen.“ Oder darin, dass die Mutter ihr beibrachte, dass irgendwann die Zeit gekommen ist, sich einen Mann zu suchen. Die Erzählerin sucht sich weiß Gott keinen Mann. Sie hat in der Heimat dennoch einen gefunden. „Seine Gestalt weckte unbekannte Empfindungen in mir, die meine ernsthafte und zugleich unbesonnene Natur erregten.“ Der Kummer folgt, sodann die Reise, getreu der Losung der Mutter (oder Chamforts oder beider): „Wer an der Liebe leidet, soll auf Reisen gehen.“

Manchmal wird die Erzählerin auch böse: „Wenn der Geist, woran ich fest glaube, die Materie beeinflusst, sie formt und prägt, so waren die sich pestartig vermehrenden Glastürme in Frankfurt Ausdruck eines von mir als feindlich empfundenen Geistes.“ Der zuneigende, aber nicht verklärende Blick auf Indiens Schönheit, der wie sie selbst ein wenig an E. M. Forster erinnert, hält sich von Tagesaktualität ganz frei. Natürlich richtet sich die Tagesaktualität nicht danach. Während die Erzählerin sich in Begeisterung für sanft übers Gesicht gezogene Sarisäume steigert, muss der Maharadscha auf eine Dienstreise, weil sich eine vergewaltigte junge Frau das Leben genommen hat.

Die Residenz selbst zeigt sich als verwunschenes, aber auch reichlich heruntergekommenes Exmärchenschloss. Tagsüber wird geplaudert, mit Buhei ein Ausflug unternommen, umgeben von Hofschranzen, dem debilen Sohn und einem unsympathischen angeheirateten Verwandten. Er hat 300 000 Follower auf Twitter und blamiert das moderne Indien aufs Schönste. Der Chauffeur fährt wie ein Irrer. „Gefasst stellte ich mich auf den Tod in der Runde dieser alten Herren ein, die, weiß und würdig, das unsichtbare Banner eines untergegangenen Indiens vor sich her trugen. Fast war es schön, mit Glenn Miller messerscharf an der Grenze zum Jenseits entlangzufahren.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen