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Rudolf Steiner Propagandist des Okkulten

Selbst Franz Kafka holte sich bei ihm Rat: Der Anthroposoph Rudolf Steiner wäre 150 Jahre alt geworden. Anlässlich seines Geburtstags reflektieren gleich drei Autoren in neuen Biografien sein Leben.

16.02.2011 22:33
Oliver Pfohlmann
Imposante Krawatte, fleckiger Gehrock: Rudolf Steiner. Foto: dpa

Im März 1911 war unter den vielen, die sich von Rudolf Steiner geistige Führung erhofften, auch ein junger Versicherungsbeamter aus Prag. Dieser berichtete dem in einem Berliner Hotelzimmer residierenden Meister von seiner Zerrissenheit zwischen Beruf und Berufung, von der Tristesse im Büro und den Glücksmomenten beim eigenen Schreiben, die ihn an die von Steiner beschriebenen Zustände des Hellsehens erinnerten. Ob ihm Steiners Lehre helfen könnte?

Leider hat Franz Kafka in seinem Tagebuch nicht überliefert, welche Antwort er erhielt. Bemerkenswert fand er dagegen Steiners schwarzen Gehrock, der neben Zylinder, Schleife und schwarzer Haartolle zu den Markenzeichen des Mystagogen gehörte. Aus der Nähe sah der Rock überraschend staubig und fleckig aus. Bemerkenswert schien Kafka auch Steiners Schnupfen: „es rann ihm aus der Nase, immerfort arbeitete er mit dem Taschentuch bis tief in die Nase hinein, einen Finger an jedem Nasenloch.“

Abendländisch und christlich

1911 war Rudolf Steiner in Deutschland noch der offizielle Repräsentant der Theosophie, einer internationalen Bewegung zur Erforschung von Weisheitslehren und Religionen aus aller Welt. Erst ein Jahr später machte sich der „Geistesforscher“ mit der von ihm begründeten Anthroposophie selbstständig – ein Schisma, vergleichbar den Abspaltungen in der psychoanalytischen Bewegung. Während die Theosophen um Annie Besant das Heil der Menschheit in Indien suchten, hielt Steiner an abendländisch-christlichen Denktraditionen fest.

Dass Steiner bei jener denkwürdigen Begegnung womöglich vor Kafkas Lebensproblematik kapitulieren musste, darf man getrost ausschließen. Denn um Antworten war der Autor von Werken wie „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“ oder „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ nie verlegen. Jedenfalls nicht, seit er sich um sein 40. Lebensjahr neu erfand: Um 1901 wechselte Steiner von der Berliner Bohème, in der er sich bis dahin als Theaterkritiker durchgeschlagen und als Nietzscheaner den Esoterikboom verspottet hatte, in die vom betuchten Bürgertum hofierte Okkultismus-Szene.

Noch heute weiß man nicht, was man erstaunlicher finden soll, Steiners Produktivität oder sein Selbstbewusstsein. 6000 Vorträge, viele in ausverkauften Konzertsälen, hielt der ständig umherreisende Prediger bis zu seinem Tod 1925. Diese Vorträge waren nach Ansicht von Steiners Biografin Miriam Gebhardt so etwas wie der „Wissens“-Generator eines Universaldilettanten, den schon zeitgenössische Kritiker als „modernen Warenhausbesitzer“ verspotteten: Krebskranke heilte er mit Misteln, trauernden Witwen stellte er als Medium Kontakt zum verstorbenen Gatten her. Schauspielberühmtheiten kamen, um sich von ihm über die Zukunft des Dramas belehren zu lassen, Ärzte ließen sich von ihm in eine ganzheitliche Medizin einweihen, Bauern in eine quasi über Nacht entworfene anthroposophische Landwirtschaft, Lehrer in die von Steiner begründete Waldorfpädagogik.

Zu seinem 150. Geburtstag versuchen gleich mehrere Biografen, dem Phänomen Steiner auf die Spur zu kommen, neben der Historikerin Gebhardt der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich sowie Helmut Zander, der bereits 2007 eine gewichtige Studie über „Anthroposophie in Deutschland“ vorgelegt hat. Immerhin ist Steiner als einziger von den vielen Propheten, Erlösern und „Kohlrabi-Aposteln“ der Lebensreformbewegung um 1900 noch aktuell. Einig sind sich die Biografen darin, dass eine kritische Neubewertung Steiners und der Anthroposophie jenseits von Polemik und blinder Nachbeterei überfällig ist.

Und darin, dass Steiners auf Assoziationen und Analogien beruhende Theorien außerhalb seiner Anhängerschaft wirkungslos geblieben sind. Überaus folgenreich war dagegen die „angewandte“ Anthroposophie: Die Waldorfschulen sind in der Dauerkrise des staatlichen Schulsystems und nach den Skandalen in Reformschulen und kirchlichen Internaten angesehener denn je. Auf „Weleda“-Naturkosmetik schwören sogar Hollywood-Diven, und die von Futtermittel-skandalen verunsicherten Konsumenten greifen immer häufiger zu „Demeter“-Produkten.

Die überzeugendste Antwort auf dieses Phänomen gibt Gebhardt in ihrem erfrischend respektlosen, aber auch klug pointierenden und differenziert urteilenden Buch. Während Ullrich eher eine Einführung in die Anthroposophie vorlegt, an deren Beginn ein biografischer Abriss steht, und sich Zanders material- und kenntnisreiche Studie ein wenig im Dickicht der Dokumente zu verlieren droht, profiliert Gebhardt einen ganz anderen, aufregend modern anmutenden Rudolf Steiner. Der mit seiner Absage an die vom Vater für ihn vorgesehene technische Laufbahn und Hinwendung zu Literatur und Philosophie anderen Vertretern seiner Generation wie Hermann Broch oder Robert Musil plötzlich ähnlicher erscheint als Goethe, als dessen Inkarnation er verehrt wurde. Überzeugend bettet Gebhardt den 1861 im kroatischen Kraljevec, damals Teil der Donaumonarchie, geborenen Sohn eines Eisenbahnbeamten in historische Kontexte ein und sorgt durch kluge Vergleiche für erhellende Einsichten.

Modern und prophetisch

Steiners Lehren waren zwar nicht originell, schließlich schöpfte auch dieser „moderne Prophet“ (Gebhardt) aus identifizierbaren Quellen. Doch erwiesen sie sich für ein nach Lebensreform dürstendes Publikum als überaus anschlussfähig. Heute mehr denn je: Gebhardt zieht eine Linie vom Bildungsbürgertum um 1900 bis zum heutigen Milieu der Grünen. Der Suche nach alternativen Lebensformen werde man nicht gerecht, betrachte man sie als nur rückwärtsgewandt, so Gebhardt, vielmehr ist sie selbst ein überaus modernes Phänomen.

Steiners Erfolgsgeheimnis sieht die Historikerin darin, dass er dem von der Moderne überforderten Einzelnen Heilung und Sinnstiftung versprach, nicht anders als die Psychoanalyse, die dem asexuellen Guru im Übrigen als Irrlehre galt, prophezeite er doch, dass sich spätere Generationen allein durch den Kehlkopf fortpflanzen würden. Sein zweites Erfolgsgeheimnis war Gebhardt zufolge die Popularisierung des bis dahin nur in kleinen Zirkeln weitergegebenen okkulten „Wissens“. Vor dem Tor zu seiner „Geheimwissenschaft“ sollte niemand durch Türhüter abgewiesen werden, auch ein Franz Kafka nicht. Dass es heute ein „AnthroWiki“ gibt, wäre ganz in seinem Sinne gewesen.

Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner – Ein moderner Prophet. DVA , München 2011, 368 Seiten, 22,99 Euro.

Heiner Ullrich: Rudolf Steiner – Leben und Lehre. Verlag C.H. Beck, München 2011, 272 S., 19,95 Euro.

Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biografie. Piper Verlag, München 2011, 535 S., 24,95 Euro.

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