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Ror Wolf Mit dem Schrecklichsten ist zu rechnen

Zum 85. Geburtstag des einzigartigen Dichters Ror Wolf, der im Allgewöhnlichsten Schönheit entdeckt und Grazie.

Ror Wolf wird 85
Der Schriftsteller Ror Wolf im Jahr 2008. Foto: dpa

Ror Wolf wird am Donnerstag 85. Ror ist ein Künstlername. Wikipedia erinnert daran, dass Ror aus der Zusammenziehung von Richard und Georg, seinen standesamtlichen Vornamen, entstand. Das, was ist, zusammenzuziehen und auseinander zu reißen, ist eine der großen Passionen Ror Wolfs. Nein, das ist ganz falsch. Das, was ist, hat Wolf wohl niemals so sehr beschäftigt, wie das, was wir mittels der Sprache und in Bildern daraus machen.

Ror Wolf, das hat sich längst herumgesprochen, ist einer der bedeutendsten lebenden deutschen Autoren. Er ist einzigartig. Keiner schreibt wie er, keiner erzählt wie er. In Ror Wolf steckt noch Raoul Tranchirer, der Collagist, der Grafik der Gründerzeit, ihren altmodischen Charme, ihre Drastik nutzt, um die Bedrohlichkeit unserer Welt einzubetten in eine altväterliche, aber eben auch vatermörderische Vergangenheit. Das ist vergnüglich und erschreckend zugleich. Gruselliteratur.

Seine ersten Texte soll er in der Frankfurter Studentenzeitung „Diskus“ veröffentlicht haben. Es entstanden Hörspiele, Romane und Essays. Und Lyrik. Vor allem aber jene Prosatexte, für die wir Rezensenten jedes Mal neu nach einer Bezeichnung suchen. Bei Reclam erschien vor vielen Jahren eine von Karl Riha herausgegebene kleine Ror-Wolf-Anthologie. Sie trug den Titel, der jedem sofort klar machte, womit er es bei den Texten von Ror Wolf zu tun hatte: „Ein Komplott von Spiel, Spaß und Entsetzen“. Niemand hat diese Kunst in solche Höhen gezwirbelt wie Ror Wolf. Das gelingt ihm natürlich nur, weil ihm der zutiefst in die Glieder gefahrene Schrecken, unten im Autor, auf ein weites, stets in Bewegung befindliches, auf alles empfindlichst reagierendes Feld der Ironie stößt. Das nimmt nicht nur auf und reflektiert, es federt auch ab.

Wer Ror Wolf liest, rechnet mit dem Schrecklichsten. Er weiß aber auch, dass es danach weitergeht. Es mag blamabel sein, was der Mensch alles wegstecken kann, aber diese Fähigkeit befördert ihn ins Leben. Ror Wolfs Texte erzählen nicht nur von solchen stets travestierten Erfahrungen. Sie bilden sie auch ab, imitieren sie in der Textproduktion selbst.

Ror Wolf: „Viertes kleines Nachtgedicht. Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht./ Hier beginnt es, mitten in der Nacht./ Eins zwei drei vier fünf sechs sieben – eins./ Frankfurt, Nordend, oberhalb des Mains./ Eins zwei drei vier fünf sechs sieben – zwei./Es ist Nacht in Frankfurt, es ist drei.// Jemand sieht die Dinge, wie sie sind./ Doch er sieht sie nicht, denn er ist blind./ Jemand hört: von oben fällt das Laub./Doch er hört es nicht, denn er ist taub./ Jemand wird verschluckt von einem Tier./Er bemerkt es nicht, es ist jetzt vier,// Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht./Es ist fünf Uhr morgens, jemand lacht.“

Er ist der Neil Armstrong unserer Textträume

Das Gedicht stammt von 1959. 27 Jahre alt war er damals. Natürlich ist er in den Jahrzehnten seitdem ein anderer geworden. Aber der Charme ist ihm geblieben, das Spiel mit Klischees und gar zu abgegriffenen Reimen. Von Anfang an verstand er sich auf die Kunst, das Allerbesonderste gerade mit den allerallgemeinsten Mitteln herzustellen. Darin besteht gerade der Dreh. Es gibt, das sei nur am Rande vermerkt, da eine Verwandtschaft mit den Vertretern der Neuen Frankfurter Schule. Wer eine Literatur-, Kulturgeschichte Frankfurts nach dem Zweiten Weltkrieg schriebe, käme an dieser Konvergenz nicht vorbei. Die ja noch stärker wirkt, wenn man das Kontrastmittel, die Ästhetik Adornos, daneben hielte. Die von diesem immer wieder eingeklagte „Avanciertheit der Mittel“ wird von Wolf erfüllt und unterlaufen zugleich. Er führt vor, dass es möglich ist, sich auch von den Allerklügsten keine Fesseln anlegen zu lassen. Ror Wolf war frei. Von Anfang an. Er ist es immer noch. Nicht zuletzt darum, weil er keine Schule gebildet hat.

Er hat nur Leser. Lange nicht genug, heißt es immer wieder. Natürlich stimmt das. Aber es gehört zum Augurenlächeln des Autors Ror Wolf dazu, dass seine Leser sich als etwas Besonderes fühlen, als Menschen mit feiner gestimmten Geschmacksnerven, Menschen, die im Allergewöhnlichsten Schönheit entdecken und Grazie, die aber da, wo alle sie sehen, lächeln oder auflachen müssen, weil sie ihnen gerade dort komisch und ungelenk, fettig oft und pompös erscheinen.

Ror Wolf öffnet uns Augen und Ohren. Für Schriftbild und Klang eines Textes. Er macht uns empfänglich für Subtexte und Nebengeräusche. Mit ihm gelingt es uns immer mal wieder, leichten Herzens die Assoziationsräume zu wechseln. Er ist der Neil Armstrong unserer Textträume.

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