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Ronja von Rönne "Wir kommen" Junge Frau im Selbstgespräch

Ronja von Rönnes Debütroman „Wir kommen“ ist trotz aller Weglesbarkeit eine hermetische Art von Text.

Ronja von Rönne. Foto: dpa

Das Wir kann für das Ich zum Problem werden. In „Wir kommen“, dem ersten Roman der 24-jährigen Ronja von Rönne, rettet die Protagonistin sich vor dem Leiden am Leben in eine polyamouröse Beziehung zu drei anderen Personen, was aber auch nicht die Lösung ist. Und derweil sterben daheim die Leut’.

So ungefähr ließe sich der Inhalt knapp zusammenfassen. In einer etwas ausführlicheren Version wäre zu erklären, dass der Roman eine Ich-Erzählerin hat, die Nora heißt und deswegen diesen Roman erzählt, weil ihr Therapeut sie dazu aufgefordert hat, sich Notizen über ihr Leben zu machen. Den Therapeuten braucht Nora wegen ihrer Panikattacken und weil sie die Wirklichkeit nicht in Deckung bringen kann mit ihrer Vorstellungswelt – einer Welt, in der die Kindheitsfreundin, deren Todesanzeige gerade mit der Post kam, noch lebt.

Zum Glück besitzt Exfreund Karl, mit dem Nora gewissermaßen noch zusammen ist, wenn auch innerhalb jenes Beziehungsvierecks, zu dem auch Karls neue Freundin und deren Exfreund gehören, ein Sommerhaus am Meer. Dorthin fährt das Viereck in Krisenstimmung, um mit der Welt wieder ins Reine zu kommen. Denn auch die anderen haben permanent Krise. Das sieht man daran, dass Leonie, die andere Frau, manchmal ihren Kopf gegen die Wand hauen muss. Und daran, dass Jonas, der andere Mann, sich mit Leonies Tochter vorerst aus dem Staub macht. Und Karl kommt auf die Idee, sämtliche elektronischen Geräte zu zerstören, um die Reinheit von was auch immer wiederherzustellen. Das Viereck implodiert.

Im Scheinwerferlicht

Dass „Wir kommen“ auf enormes Interesse stößt, liegt an dem Wirbel um Ronja von Rönne im vergangenen Jahr. Von Rönne ist Kulturredakteurin bei der „Welt“ und schrieb dort einen langen Artikel darüber, warum sie „den Feminismus nicht leiden“ kann. Ein flott formulierter Text und so hypersubjektivistisch gehalten, dass sich inhaltlich praktisch nichts dazu sagen lässt. Er hätte vermutlich weniger öffentliches Aufsehen erregt, wenn seine Autorin – die kreatives Schreiben studiert hat – nicht wenig später zum Vorlesen beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt eingeladen worden wäre. Auf diese Weise ins Scheinwerferlicht geraten, fiel Ronja von Rönne, die auch im Internet umtriebig ist, zudem dadurch auf, dass sie nicht nur sehr jung, sondern auch fotogen und womöglich irgendwie ungewöhnlich ist. Ein Hype war geboren.

Ein Hype ist immer übertrieben, aber nicht immer nur doof. Rönnes Schreiben hat schon jetzt etwas, das gemeinhin „eigener Ton“ genannt wird. „Wir kommen“ ist keineswegs ein schlechter Roman; als Debüt einer 24-Jährigen sowieso nicht. Das Problem liegt eher in der Stimme, beziehungsweise darin, dass Ronja von Rönne bisher offenbar nur diese eine Stimme hat. „Wir kommen“ scheint nämlich von genau derselben Person erzählt zu werden, die auch den Blog der Ronja von Rönne schreibt. Spricht da nun Nora mit Ronjas Stimme, oder ist es sogar umgekehrt?

Beide Erzählerinnen, Blog-Ronja und Roman-Nora, haben überdies dasselbe Problem: Form und Inhalt klaffen merkwürdig weit auseinander. Die Form: ein bisschen flapsig, ein bisschen komisch, ein bisschen ironisch. Der Inhalt: Weltschmerz, Depression, Panik, Verlustängste (bei Nora deutlich ausgeprägter). Weil das Flapsig-Ironische sich so unterhaltsam liest, kann man diese ganze Lebensproblematik, die da angeblich transportiert wird, nicht vollständig ernst nehmen. Es mag noch so viel von Selbstmordgedanken und Kindheitstraumata erzählt werden – viel hilft da nicht viel, alles wirkt doch wie Pose. Die Pose an sich ist vielleicht generell ein Vorrecht der Jugend, ein Schutzmechanismus oder aber auch Kalkül. Oder eine Mischung von allem. Es lässt sich nicht sagen, weil man beim Lesen an dieser Oberfläche glatt abprallt.

So bleibt „Wir kommen“ trotz aller Weglesbarkeit eine hermetische Art von Text. Wenn das nicht ein so altmodisches Wort wäre, das zu dieser Hipster-Weltschmerz-Thematik rein stylemäßig nicht passt, könnte man „eigenbrötlerisch“ dazu sagen. Als Leserin fühlt man sich jedenfalls ziemlich überflüssig.

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