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Ronald M. Schernikau Ach, kluge Kinder

Was für ein schöner Kommunist: Matthias Frings porträtiert Ronald M. Schernikau. Von Jürg Sundermeier

27.02.2009 00:02
JÖRG SUNDERMEIER
Schernikau, bei Frings die zweite Hauptrolle. [ Foto: Archiv Matthias Frings/ddp

Ein junger Schriftsteller hält am 1. März 1990, auf dem letzten Schriftstellerkongress der DDR, seine Antrittsrede. Er beginnt mit den Worten: "Der Eine weiß das Eine und der Andere das Andere. Ich bin Ronald M. Schernikau, ich komme aus Westberlin, ich bin seit 1. September 1989 DDR-Bürger, ich habe drei Bücher veröffentlicht und ich bin Kommunist."

Da reiben sich die Genossen, die sich zu einem nicht geringen Teil schon in Ex-Genossen verwandelt haben, verwundert die Augen. Doch der schöne 29-jährige Mann fährt ungerührt fort. Er schildert den Untergang der DDR, spricht über "die Moral", mit der "der Westen" politische Vorgänge verklärt, und schließlich sagt er: "Der Sieg des Feindes versetzt mich nicht in Traurigkeit, eine Niederlage ist eine Niederlage, das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts. Was mich verblüfft, ist die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlass gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten. (...) Kaum ist Honecker gestürzt, da lösen die Universitäten den Marxismus auf, da wirbt die DEWAG für David Bowie (immerhin), da druckt die ,FF dabei' Horoskope und die Schriftsteller gründen Beratungsstellen für ihre Leser oder gleich eine SPD. Wo haben sie ihre Geschichtsbücher gelassen?"

Diese Rede (in voller Länge unter www.schernikau.net) ist die Rede eines heiteren Mannes, eines unbeirrbaren Optimisten, der gerade seine selbstgewählte Heimat verliert, seine Genossen, seine Partei, sein Leben. Ronald M. Schernikau hat Aids, er ahnt es. 19 Monate nach dieser Rede stirbt er. Doch er glaubt, nein, er weiß, dass er unsterblich ist, unsterblich als Künstler. In seinem letzten Buch "legende", dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebt, schrieb er seinen Tod mit ein. "alles lässt sich würdevoll leben, alles lässt sich leben, auch der eigene tod."

Der 1960 in Magdeburg geborene Schernikau, der als kleiner Junge mit seiner Mutter in den Westen umgesiedelt war, galt als Wunderkind. Noch vor dem Abitur erschien seine "kleinstadtnovelle", ein spektakulärer Text über ein unspektakuläres Coming Out. Denn seine Hauptfigur hadert nicht mit ihrem Schwulsein, sie hadert mit der Gesellschaft. Schernikau wird zu Lesungen und ins Fernsehen eingeladen, er zieht nach Berlin (West). Der schöne Mann wird Darling der Schwulenszene und engagiert sich in der SEW. Er ist zu radikal für die meisten Verlage, ein schmales Buch erschien in Kleinstauflage, ein anderes im Selbstverlag, sein zweites Meisterstück, "die tage in l.", ein Essayroman über sein Studium an der Leipziger Literaturuni, die er ab 1986 besuchte, erscheint zeitgleich zum Mauerfall und geht weitgehend unter. 1989 siedelt er in die DDR um, zwei Jahre später ist er tot. Er hinterlässt mit der kurz zuvor abgeschlossenen "legende" einen umfangreichen Roman, der zugleich eine halbe Werkausgabe ist, denn Schernikau hat ihm einen Großteil seiner in Zeitschriften veröffentlichten Texte "eingelegt". Das Buch erscheint 1999 mit Unterstützung von Elfriede Jelinek und Peter Hacks und wird als Meisterwerk gefeiert. Das Weiterleben des Dichters Ronald M. Schernikau ist garantiert.

Matthias Frings war ein enger Freund des Dichters. Mit dem nun erschienenen und sogleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Buch "Der letzte Kommunist" hat er die erste Biographie verfasst. Frings versucht nicht, die enge Bekanntschaft zu verbergen, im Gegenteil stellt er sie offensiv aus. "Mein Name ist Helmut Frings" lautet der erste Satz, Matthias wird erst später - auf Anregung Schernikaus - sein Rufname. Helmut Matthias Frings beschreibt die Zeit unter den zwei Helmuts, Schmidt und Kohl. Auf der Insel Berlin (West) fordert die "geistig-moralische Wende" die linke und die schwule Szene permanent zu Protesten heraus. Frings hat jahrelang recherchiert, hat Interviews geführt, Schernikaus Nachlass gesichtet und Briefe gelesen, und doch ist "Der letzte Kommunist" vor allem ein Buch über Matthias Frings geworden; Schernikau spielt sozusagen die zweite Hauptrolle.

Denn obschon Frings von Kindheit und Jugend Schernikaus aus der Perspektive von dessen Mutter erzählt und diese Passagen sehr kunstvoll mit seinen Beobachtungen und Berichten aus den Achtzigern verflochten hat, hält er sich nie mit Bewertungen zurück. Zudem erzählt er von seinen eigenen Schwierigkeiten damals, von seinen Lieben und seinem Versuch, Schriftsteller zu werden.

Und jetzt? Frings feiert mit dieser Biographie über einen toten Freund sein eigenes, endlich gelungenes Coming Out als Buchautor. "Der letzte Kommunist" packt seine Leser mit romanhaften Mitteln (bis hin zum Kitsch), zieht sie in den Freundeskreis um Schernikau hinein. Man lernt Schernikau als albernen Kindskopf zu sehen, als Lover, Dichter oder verstockten Kommunisten. Das Letztere allerdings demonstriert ein für das gesamte Buch spürbares Problem: Frings hadert noch immer mit seinem kommunistischen Freund. Er wird oft genau auf die Weise moralisch, die Schernikau in der oben zitierten Rede benannt hat, Frings vermag die entschiedene kommunistische Haltung nicht als politisch ernstgemeint nachzuvollziehen - was sie aber war.

Er neigt dazu, sie als Spleen abzutun. Dies hindert ihn schließlich daran, seine Bücher richtig zu lesen. Wo Schernikau über die Gesellschaft redet, liest Frings Anspielungen auf den Freundeskreis. Das macht die Anteilnahme, mit der man dieses Buch liest, nicht kleiner. Wenn man aber wissen will, wie der unsterbliche Schernikau geschrieben hat, kommt man um die Lektüre seiner Bücher nicht herum.

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