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Romandebüt Küsse fallen wie Mauern

Markus Feldenkirchen, Journalist, Jahrgang 1975, erzählt in seinem erstaunlich reifen Romandebüt „Was zusammengehört“ von der ersten großen Liebe aus zwanzig Jahren Entfernung. Gleich zu Beginn hält der Leser einen Brief in der Hand, der auch ungeöffnet trägt....

02.09.2010 15:45
Anja Hirsch
Melancholie: Markus Feldenkirchen, Jahrgang 1975. Foto: maurice weiss

Große historische Momente brennen sich vermutlich tiefer ins Gedächtnis, wenn auch privat das Leben entflammt. Benjamin hat diesbezüglich allen Grund zum Feiern: Gerade sechzehn Jahre alt, ist er 1989 als Austauschschüler in Irland, der Mädchenwelt zugetan, aber noch ohne Resonanz. Mit seinem Fußballfreund Bruno teilt er das Schicksal, dem „Club der Ungefickten“ (CDU) zugerechnet zu werden. Da fordert ihn am ersten Abend die Tochter des Bürgermeisters von Killarney schüchtern zum Tanz auf, und das Glück hat einen Namen: Victoria. Es fällt der erste ungelenke Kuss, halb Mund, halb Wange. Und fern in Deutschland fällt die Mauer.

Die geheimnisvollen Korrespendenzen von Innen- und Außenwelt zeigen sich aber auch hier erst im Rückblick. Und so erzählt Markus Feldenkirchen, Journalist, selbst Jahrgang 1975, in seinem erstaunlich reifen Romandebüt „Was zusammengehört“ von der ersten großen Liebe aus zwanzig Jahren Entfernung.

Benjamin arbeitet als Investmentbanker, auch nachts, das Kapital schläft nie

Benjamin ist inzwischen 36. Er arbeitet als Investmentbanker in Frankfurt am Main, auch nachts, weil das Kapital ja nie schläft. Er hat eine Freundin und eine Geliebte. „Chronisch unentschlossen“ scheint er zu sein, im Leben nicht so recht angekommen. Gerade hat er für eine Geschäftsreise nach Irland gepackt. Da erreicht ihn ein Brief, wie er ihn von früher kennt, in braunem Umschlag, „mit einem Stich ins Eierlikörige“.

Mit diesem Brief, der erst auf den letzten Romanseiten geöffnet wird, beginnt die Reise nach Irland und in die Vergangenheit, unterbrochen von Einsprengseln über Benjamins gegenwärtiges Leben, die immer trauriger neben dieser ersten großen Liebe baumeln.

Gleichförmigkeit hier, tosende Einsätze für ein winziges Stück Telefongespräch zwischen Irland und Deutschland dort. Nie und nimmer wird sich das Erstgefühl ins spätere Leben einnisten.

Diese frühe Liebesgeschichte allein wäre hinreißend genug, zumal Feldenkirchen sie derart gedehnt preisgibt, als forme er die großen Unterbrechungen dieser Fernbeziehung im Text nach. Was dieses Debüt aber so außerordentlich macht, ist seine allgemeine Jungfräulichkeit: Es erzählt vom ersten Verstehen und seinen verspäteten Korrekturen genauso intensiv wie vom ersten Glück. Und zwar mit der Ruhe und Souveränität eines Autors, der weiß, dass er hier aus klassischen Zutaten – erste Liebe, ein ungeöffneter Brief – vertrautes literarisches Baumaterial arrangiert. Und der sich trotzdem nicht scheut, eben dies zu tun. Kaltblütig kreuzt er eine private Erweckungsgeschichte mit der Zeitgeschichte, als fielen schon immer äußere und innere Mauern zeitgleich.

Benjamins erstes Verstehen beginnt schon auf der Busfahrt von Dublin nach Killarney. Ein Bilderbuch-Irland zeigt sich ihm: Kühe, die sich träge unter Wolken fläzen; darunter ein Baum wie ein Gespenst in der Landschaft, „die knochigen Glieder von sich gestreckt“; eine Burgruine, die am Fuße eines Hügels verwittert; ein Bach, der seinen Weg durch die Wiese bahnt. In diesem Augenblick spricht der Irland-enthusiastische Lehrer im Bus das Wort „Melancholie“ aus. Und Benjamin, heißt es, ahnt das erste Mal, was dieses Wort bedeuten könnte.

Mit leichter Ironie, aber doch ernsthaft am erwachenden Liebesleben seiner Figur entlang, erzählt Markus Feldenkirchen von ersten Prägungen. Er lässt uns am Erfahrungsprozess der Figur teilnehmen, nie greift er vor. Seine Prosa ist millimetergenau gearbeitet, mit Sinn für den richtigen Moment einer neuen Information. Sie ist getragen vom erstaunten und leicht verstörten Blick eines Ich-Erzählers, der Jahre zu spät registriert, wie eine große Liebe „ins Reich der Wehmut gewandert war“; und wie einmalig zart das im Geheimen gepflegte „Tunnelsystem“ dieser Liebe aus Briefen und kurzen Telefonaten gewesen ist.

Ein Netz aus Käfigen

Elegant speist Feldenkirchen außerdem diese Erfahrungen in ein Netz aus Käfigen ein: Irland, die DDR, das Pubertätskorsett, die Flucht, selbst Bölls Irlandbild – all dies wird im Verlauf des Romans beziehungsreich miteinander verflochten. Zeile für Zeile ergreift einen so das unbestimmte Gefühl, dass Zeitgeschichte überhaupt nur merkbar bleibt, wenn sie auf der Festplatte des eigenen Erlebens abgespeichert ist. Für Benjamin ist das die Begegnung mit Victoria, die ihr tyrannischer bis besorgter, erzkatholischer Vater einsperren lässt – schon die ältere Schwester war von einem Austauschschüler geschwängert worden und hat abgetrieben. Danach war ihre Fröhlichkeit verschwunden. Sollte sich die Geschichte wiederholen?

„Mein Lieblingsmoment war jener Augenblick, in dem der Ball den Fuß gerade verlassen, sich auf den Weg gemacht hatte und ich bereits wusste, dass dieser Weg im Tor enden würde, weil sich die Berührung von Ball und Fuß genau richtig angefühlt hatte.“ Ähnlich ergeht es einem mit diesem kurzweilig zu lesenden Debüt: Man hält zu Beginn einen geschlossenen Brief in der Hand. Und weiß schon bald, dass er sogar ungeöffnet trägt, weil es nicht nur um dessen Inhalt geht. Vielmehr: Um die Einkörperung eines Generationengefühls ins unaustauschbare, eigene Erleben. Davon erzählt Markus Feldenkirchen mit wunderbarer Leichtigkeit.

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