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Romandebüt Blaumachen, Blausaufen, Blaufrieren

Lisa Kränzlers Debütroman weckt Erwartungen und raubt Illusionen. Der Roman besticht durch feinsinnige und originelle Beobachtungen und lässt die 16-jährige Hauptfigur ihre Grenzen ausloten.

31.08.2012 16:25
Astrid Kaminski
Lisa Kränzler gewann in Klagenfurt den 3Sat-Preis. Foto: verbrecher verlag

Ein knappes Jahr Rausch. Für Eltern, die sich überlegen, ihre Kinder zum Highschool-Jahr nach Übersee zu schicken, ist Lisa Kränzlers Debütroman „Export A“ nicht zu empfehlen. Außer, sie suchen ohnehin nach Argumenten, die Sache zu verbieten. Denn die 16-jährige Protagonistin Elisabeth Kerz, kurz Liz, lotet die Grenze dessen, was Eltern ertragen können, ziemlich aus.

Innere Wildnis

Blaumachen, Blausaufen, Blaufrieren gehören dazu. Verachtende Teenagerherablässigkeit am Telefon, gemischt mit hochgradiger, unabfederbarer Verzweiflung sorgen dafür, den inneren Draht zwischen Liz und ihren Eltern in jedem Elementarteilchen zu verstopfen. „Wir sind entzwei“, wird die Mutter eines Tages zitiert. Und all die Trauer und schmerzhafte Resignation davon sind durch Lisa Kränzlers Sätze zu spüren. Außerdem lässt sie die Protagonistin tragisch weit in eine wohl schon vor dem Austauschjahr akute bulimische Magersucht stürzen.

Zu ungepolter innerer Wildnis kommt äußere Ödnis. Denn Liz ist im kanadischen Nirgendwo zwischen White Horse und Old Crow, fast schon in Alaska gestrandet. Clubs vom Format wie das Berghain, das im Adoleszenzthriller „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann auftaucht, hat das kanadische Hinterland wahrscheinlich nicht zu bieten – und so wird die WG des Kleinkriminellen Josh zum Absumpfparadies erklärt.

„At Josh“s“, das bedeutet: außerhalb der Aufsichtszone von Erziehungsberechtigten und Lehrkräften, eine mintgrüne Insel, auf der sich die Gesetzlosen zusammenrotten, Vogelfreie, die keine Möbel haben und nichts im Kühlschrank brauchen, solange die Musik laut und der Stoff gut ist.“

Der Hinweis auf Helene Hegemann steht hier eher für eine Gegenüberstellung als für große Nähe. Denn Lisa Kränzlers Roman ist kein prononciertes Überfliegerbuch, es ist nicht mit einem stilistisch-experimentellen Teilchenbeschleuniger geschrieben, nicht aus der Vogelperspektive und nicht aus einem intellektuell-theoretischen Treibhaus heraus. Außerdem ist eine vollständige „Playlist“ der montierten (Punk) Songs angefügt. Die Protagonistin Liz wirkt auf ehrliche Art bieder und unabgebrüht gegen Helene Hegemanns Mifti. Lisa Kränzler verpasst Liz dabei keinen sehr weiten Horizont. Zwar blickt die Ich-Erzählerin immer wieder aus zehnjährigem Abstand auf die Erlebnisse zurück, nicht jedoch, um eine Reflexion darüber anzustimmen, als vielmehr den Stand des Verarbeitungsprozesses anzumerken: „Ich erforsche nichts. Die Geschichte ist da. Sie lässt mich weder leben noch sterben.“

Äußere Ödnis

Die Erlebnisse von Liz sind nichts, was man mit einem Wort wie „Jugendsünden“ wegwischen könnte, sondern Prägungen, die tief in die psychosomatische Konstitution eingreifen. Insofern lässt die Autorin die Idealisierung des Alles-mal-Ausprobierens zu Gunsten einer nicht unbitteren Kosten-Nutzungsrechnung platzen. Kleine Höllen werden hier ein großes klaustrophobisches Perpetuum Mobile.

Sprachlich sind die Beobachtungen der Ich-Erzählerin oft derart feinsinnig und originell, dass es einzig schwer fällt, ihr die fast ungehemmte Sucht- und Exzessverdumpfung vollständig abzunehmen. Kränzlers Beschreibungen können bis in kleinste Nuancen animiert sein. „Der schlafende Blake presst die Sofapolster zusammen wie Trockenblumen“, heißt es da, und man sieht diesen dicken Jugendlichen sofort vor sich. Aus dem Sortiment genommene Fertigkekse, die im Supermarktlager ihre „letzte Deportation“ erwarten, sind hingegen recht unverdaulich.

Und ohne den etwas aufgesetzten Mord am Ende wäre dieses Debüt noch mehr gewesen, was es bis dahin ist: Die Erweckung von Erwartungen an eine begabte und beobachtungsverliebte Autorin. Die hat sie beim Bachmannpreis begonnen einzulösen.

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