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Roman von Felicitas Hoppe Das eiskalte Ritterspiel

Übermütig, maßlos, fallsüchtig und sehr schlau: Mit "Hoppe" erfindet Autorin und Journalistin Felicitas Hoppe ihr eigenes Leben neu. Der Roman ist ein übermütiges, ein maßlos fabulierendes, ein sehr humorvolles und ein sehr ernstes Buch.

03.05.2012 17:38
Steffen Martus
Felicitas Hoppe hat ihre „Traumbiografie“ geschrieben. Foto: dpa/Burgi

Sie kennen Felicitas Hoppe? Sie denken, die Autorin sei in Hameln geboren und dort auch zur Schule gegangen? Sie glauben, Hoppe habe ihr Studium in Hildesheim aufgenommen und sich zunächst als Journalistin durchgeschlagen, bis sie 1996 mit „Picknick der Friseure“ die Leser so begeisterte, dass ein Leben als freie Autorin in Berlin möglich wurde?

Sie täuschen sich. „Vermutlich“ zumindest. Felicitas Hoppe soll nämlich sehr früh schon von ihrem Vater von Hameln nach Kanada entführt worden sein. Dort entwickelte sie eine Passion fürs Eishockey, das „eiskalte Ritterspiel“, sowie für den legendären Spieler Wayne Gretzky, ihre erste Liebe. Schließlich entdeckte man ihre musikalischen Neigungen. Der Klavierunterricht bei Lucy Bell, einer Nachfahrin des Telefonerfinders, wurde jedoch jäh von der Übersiedelung nach Australien unterbrochen. Von hier aus startete Hoppe ihre Karriere als Dirigentin in den USA. Dort, ausgerechnet an einem German Department, fand sie ihren literarischen Förderer. „Prof. Dr. phil. Hans Herman Haman“ verdanken wir es letztlich, dass Hoppe mit „Picknick der Friseure“ debütierte.

Ein Lebenslauf im Konjunktiv

Felicitas Hoppes „Hoppe“ ist ein übermütiges, ein maßlos fabulierendes, ein sehr humorvolles und ein sehr ernstes Buch. Hoppe geht in dritter Person zu sich selbst auf Distanz, um sich selbst näher zu kommen. Sie schreibt ihre Autobiographie als Lebenslauf jener Figur, die sie hätte sein können oder wollen, wenn der Konjunktiv Lebensläufe bestimmen würde. In dieser „Traumbiographie“ prahlt Hoppes Traum-Ich, was das Zeug hält, es schneidet auf, rühmt und beschert Hoppe viele spektakuläre Auftritte vor großem Publikum. Aber die Autorin lässt ihre Felicitas auch scheitern und schickt sie auf die vergebliche Suche nach der großen Liebe. Wenn man den Traum vom eigenen Leben ernst nimmt, dann verläuft es offenkundig nicht unbedingt besser als die Realität.

Spielerischer Ernst bestimmt alle Aktivitäten Hoppes – auf dem Eishockeyfeld, am Klavier, vor dem Orchester oder am Schreibtisch. Überall kurvt sie mit Hingabe hin und her, verlockt ihre Gegner, Mitspieler, Zuschauer, Hörer und Leser. Und auf allen Feldern zeigt sie sich ins „Fallen verliebt“, ein wenig überambitioniert, mit dem Willen zum Sieg, aber auch mit den unheilvollen „Hang, übers Ziel hinaus zu schießen“ und „über das Spielfeld hinauszudenken“, wie ihr Trainer Bamie Boots bemerkt – ein „guter Verlierer“ eben. Kein Wunder, dass auch Hoppes Handschrift zu schwungvoll ausfällt und unleserlich wird, weil sie „immer über die Ränder hinaus“ schreibt. Freilich muss man schon ganz genau hinsehen, so Hoppe über Hoppe, wenn man die raren Hinweise auf die Spielleidenschaft im Gesamtwerk entziffern will. „Nur intimen Kennern ihrer Biographie werden sich die wenigen und nicht immer leicht zu entschlüsselnden Details erschließen, die … zum Verschwinden sparsam in ihr Werk eingestreut sind“.

Spuren und Fährten des geistigen Lebenswegs

Tatsächlich hat das biographische Interesse am Autor zwei Seiten: Auf der einen Seite lenkt die Lebensgeschichte vom Werk ab, verdeckt es und dient als Surrogat für die Lust am Konkreten, Handfesten, am persönlichen Schicksal und an klaren Verhältnissen, die große Literatur so wenig und allenfalls so indirekt stillt wie das Leben selbst. Aus diesem Grund verachten viele Autoren und Leser die Biographie als ein Medium, das die Verhältnisse trivialisiert und die Aufmerksamkeit von dem abzieht, was eigentlich zählt: vom feinen Gewebe des Textes sowie von all jenen Umwegen, Verstrickungen und unübersehbaren Bezügen, die einen Menschen ausmachen. Auf der anderen Seite schärft das biographische Interesse die Sinne auch für eben jenes filigrane geistige Band, dass sich durch ein Werk hindurchziehen mag, für jene feinen thematischen und motivischen Zusammenhänge, für die Spuren, Überbleibsel und Fährten, die der geistige Lebensweg eines Autors hinterlässt.

Wenn Hoppe in „Hoppe“ als rückwärtsgewandte Prophetin jenes Leben erfindet, das zum Werk gehören könnte, dann parodiert und ironisiert sie das autobiographische Verfahren, vielleicht denunziert sie es auch und verweigert sich dessen Zumutungen und Zudringlichkeiten. Zugleich macht sie sich unsere Neigung zunutze, wissen zu wollen, wie es wirklich gewesen ist. Dafür müssten wir freilich tief in den „Hoppe-Kosmos“ einsteigen, ihre Werke lesen, nach Vorträgen und Essays recherchieren, uns mit Hoppes Poetologie und ihren Texten befassen. Um uns den Fangstricken und Halbwahrheiten dieses Buchs zu entwinden, müssten wir uns in andere Bücher versenken.

Fiktionen unserer selbst

Wie der in „Hoppe“ viel zitierte Rattenfänger von Hameln lockt sie uns in einen dunklen Berg. So prall und vollmundig Hoppe ihre „Traumbiographie“ erzählt, so rasant und kurvig sie uns durch ein erfundenes Leben führt, so subtil poetisch ist doch die Einstellung, die auf diesem Weg vermittelt wird. Denn in all den kuriosen Geschichten und Anekdoten steckt die Frage, wie man mit Literatur umgehen sollte und wie es sich mit den Fiktionen unserer selbst verhält.

An dem, was wir sind, sprechen viele Stimmen mit. Dies gilt zumal für den Literaturbetrieb. Der Literaturkritiker Reimar Strat etwa, der die erträumte Hoppe geradezu manisch mit missgünstigen Rezensionen verfolgt, liegt in der Regel daneben. Die Literaturwissenschaftlerin Yasmine Brückner und der Kulturwissenschaftler Kai Rost kommen der Sache im Roman schon näher. Beide Parteien stehen für typische Zugänge zum literarischen Werk: Seit die Literaturkritik die Literatur begleitet, blinzelt die Poesie – gewollt oder nicht – den Rezensenten zu und versucht sie zwischen den Zeilen auf ihre Seite zu ziehen. Und seit sich die Literaturwissenschaft der Gegenwartsliteratur zugewendet hat und die meisten Autoren zudem ein literaturwissenschaftliches Studium absolviert haben, bestehen auch zwischen der Poesie und ihrer Wissenschaft intime Bande.

Während der Literaturkritiker sich – mit den Worten Walter Benjamins – das literarische Werk zurüsten mag wie ein Kannibale den Säugling, lehnt sich die Literaturwissenschaft ein wenig weiter zurück, lässt sich mehr Zeit und luxuriert geradezu mit ihrer Aufmerksamkeit. Sie pflegt eher jene „Behutsamkeit“ im Urteil, die sich die Poesie seit der Aufklärung von ihren Kritikern wünscht. In „Hoppe“ schreiben jedenfalls Rezensenten und Wissenschaftler, die es so nicht gibt, über eine erfundene Hoppe.

"Unverbesserliche Romantikerin"

Jede ihrer Aussagen ist „faktisch falsch, trifft aber einen für Hoppe typischen Wesenszug“. Die fiktive Autobiographie als poetisches und poetologisches Manifest gibt Hoppe die einmalige Chance, nicht nur einen Blick ins Archiv ihrer „Hoppe“ zu werfen, das mittlerweile selbstredend im Deutschen Literaturarchiv aufbewahrt wird; sie erschreibt sich nicht allein die Möglichkeit, das Frühwerk Hoppes in Auszügen bekannt zu machen oder Versuche einer ersten Autobiographie zu zitieren, sondern sie kann aus der skeptischen Distanz der dritten Person auch Kritik und Gegenkritik konfrontieren, Missverständnisse korrigieren und schiefe Urteile gerade rücken.

Hoppe sei eine „unverbesserliche Romantikerin“, pöbelt der Literaturkritiker Strat in einem seiner vielen Verrisse, und zumindest mit diesem Urteil hat er recht. Dies gilt für die eigentümliche Sehnsucht nach einer Heimat, die es nicht gibt. Dies gilt für die Prinzipien einer musikalischen Variationskunst, denen der Roman folgt. Und dies gilt für sein hohes Maß an Selbstbewusstsein: Wir haben es mit einem Fall von dem zu tun, was Friedrich Schlegel „Transzendentalpoesie“ genannt hat, mit Poesie also, die zugleich Poesie der Poesie ist – „glücklicherweise ist es eben eins von den Büchern, welche sich selbst beurteilen, und den Kunstrichter sonach aller Mühe überheben“. Denn alles, was über Hoppes „Hoppe“ gesagt werden könnte, hat Hoppe selbst schon darin formuliert. Ohne jede eitle Besserwisserei, mit betörendem Charme und klugem Witz.

Wie ein schwarzes Loch saugt das Buch alle Urteile auf, die positiven wie die negativen. Man sieht also: Keiner kann es besser als die Autorin selbst. „Hoppe“ ist tatsächlich „das Beste, was bislang über Hoppe geschrieben wurde!“

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