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Roman von Ernst Kaiser Die Vernunft des Irrsinns

Eine echte Ausgrabung: Ernst Kaisers Roman „Die Geschichte eines Mordes“ ist wieder aufgetaucht und jetzt erstmals veröffentlicht worden. Der Wiener Jude Kaiser (1911-1972) floh 1938 nach England, machte sich als Musil-Forscher einen Namen, konnte aber für seinen eigenen Großroman keinen Verlag finden.

Ernst Kaiser: Die Geschichte eines Mordes. Roman.

Ernst Kaisers Roman „Die Geschichte eines Mordes“ berichtet vordergründig von einem Mann, der wahnsinnig wird. Bald merkt man jedoch, dass er eigentlich von einer Welt berichtet, die wahnsinnig ist. Eine klassisch expressionistische Ausgangssituation. Sie führt zu einem seltsamen Monstrum von einem Text, der jahrzehntelang auf seine Veröffentlichung warten musste.

Der Wiener Jude Kaiser (1911-1972) floh 1938 nach England, machte sich als Musil-Forscher einen Namen, konnte aber für seinen mindestens seit 1947 vorliegenden eigenen Großroman allen Bemühungen zum Trotz keinen Verlag finden. Nach seinem Tod schien das Manuskript zudem verloren. Erst Anfang des nächsten Jahrtausends fand sich eine Kopie in einem Marbacher Nachlass. Die Schriftstellerin Ingrid Bachér, die Kaiser gut kannte, berichtet nun im Nachwort zur Erstveröffentlichung, dass dessen Manuskripte nach dem Tod seiner Frau an sie hätten geschickt werden sollen. Doch erreichte die Sendung ihr Ziel nicht. Jetzt hat Bachér „Die Geschichte eines Mordes“ leicht gekürzt und bearbeitet. Noch immer ufert der Text aus, er kann gewiss nicht anders und wäre sonst nicht mehr er selbst.

Das Verschwinden eines Manuskripts auf dem Postwege und der Zufall, der es wieder ans Tageslicht bringt, würden sich hervorragend in die Handlung schmiegen. Diese führt vor, wie ein zunehmend psychotischer Einzelgänger durch die Zeitläufte gewirbelt wird und nicht aufhören kann, darüber nachzudenken, was ihm jetzt wieder passiert und was jetzt wieder. „Ein kalter, klarer Gedanke ist da. Aha, sagt er sich. Das ist es. Ja, das ist es ganz ohne Zweifel – ich bin verrückt.“

Eine Welt aus den Fugen

Ein einsamer Industrieller namens Kalm – der bereits in Reading lebende Kaiser muss das englische Wort für „ruhig“ vor Augen gehabt haben – erwacht eines Morgens mit dem Eindruck, ein Mörder zu sein. Was zunächst ein perfider Alb scheint, wird durch die Zeitung, die der treue Diener zur Beruhigung seines angespannten Herrn vorliest, zur bitteren Wahrheit: Eine alte Frau ist erschlagen und ausgeraubt worden, Kalm muss es gewesen sein, auch wenn ihm jedes Motiv fehlt (sieht man von dem „Schuld und Sühne“-Motiv ab). Als Kalm sich der Polizei stellt, erweist sich indes überraschend seine Unschuld.

So ist der effektvoll titelgebende Mord der Einstieg in einen Irrgang durch eine namenlose Großstadt im nicht weiter definierten Kriegszustand, ein Panoptikum einer aus den Fugen geratenen Welt. Kalm findet sich in einem Nachtlokal wieder, bedrängt von einem gewissen „Frosch“, der einem Grosz-Gemälde entsprungen sein muss, und beschützt durch einen anhänglichen Taxifahrer, den Kalm allerdings auch reichlich entlohnen kann. Das Motiv des Reichtums ist dem armen Emigranten wichtig. Kalm gerät auf einen von Flüchtenden überfüllten Bahnhof, „von dem die Reise anfängt, die nirgends hinführt“. Er begibt sich in eine „Kirche der Verlorenen“, in der ihn Respekt als bürgerliches Relikt in grobianischer Zeit überkommt. Den Albtraumszenarien entflieht er schließlich zurück in sein herrschaftliches Heim. Er gibt seinen Dienern einen großen Ball.

Gelobt wurde „Die Geschichte eines Mordes“ von Kaisers Kollegen Hermann Broch als Fallstudie eines Irrsinns. Das ist richtig. Wichtig ist aber auch, dass früh klar wird, wie Kalms Wahn vom Wahn der Welt, in der er herumirrt, eindeutig übertroffen wird. Die Schlagzeilen der Zeitungen – „Kein Frieden ohne wahres Christentum“, „Wir brauchen mehr Nachtbomber!“ – wecken früh Misstrauen. Wobei die Erfahrung sagt, dass Kaiser sich solche Titel kaum ausgedacht haben wird. Kalm denkt sich dazu seinen Teil. „Mord ist jetzt überall und wird dadurch in sehr hohem Grade anonym“, denkt er, „Man drückt nur noch auf einen Knopf, und es mordet für einen ... Und so führt alles dazu, dass man wie ein Narr wirkt, und die Identifizierung mit dem Mörder ist eine Fehlidentifizierung, und dafür ist eigentlich die Irrenanstalt zuständig“.

Im und nach dem Zweiten Weltkrieg, während Kampf, Flucht, Angst, Schuld nicht symbolisch für irgendetwas stehen, sondern unmittelbarem Erleben entspringen, entwirft Kaiser am Ende eine Vernunft des Irrsinns. Als „Narrenkönig“ seiner Angestellten wird Kalm vielleicht Frieden finden. Auch diese letztlich rechtschaffene Flucht erinnert an Dürrenmatts „Physiker“, die gegen Kaisers Visionen aber überschaubar und akademisch abgezirkelt wirken. Sind sie ja auch.

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