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Roman Unterhaltsamer einsam sein

Grandios komponiertes Werk: Nathan Hill legt mit „Geister“ einen Familienroman ohne Familie vor. Viel darüber zu verraten wäre jedoch fahrlässig, denn das Buch lebt von überraschenden Wendungen.

Bei einer Hippie-Hochzeit, 1967. Foto: afp

Samuel Anderson, Juniorprofessor für Literatur an einem College in der Nähe von Chicago und in nebenberuflichen Ausmaßen süchtig nach nächtlichen Sitzungen vor dem Computerspiel World of Elfscape, hat in seiner Kindheit ziemlich viel gelesen. Am meisten liebte er die Bücher aus der Reihe „Wähle dein eigenes Abenteuer“. Ob die Geschichten vom Planet der Drachen oder von einer Verfolgungsjagd auf dem Amazonas handelten, das Prinzip war stets das gleiche: An den Weggabelungen der Handlung konnte der junge Leser zwischen verschiedenen Fortsetzungsoptionen wählen, je nachdem, wo er weiterlas. Das Schicksal lag in seiner Hand. Davon berichtet wird in dem Roman „Geister“ von Nathan Hill auf Seite 103. Samuel spielt darin die Hauptrolle, als Kind und als, wenigstens dem nominellen Alter nach, Erwachsener. 740 Seiten später, fast am Ende des Buches, ist Samuel um eine nur scheinbar simple Einsicht reicher: „Was geschieht, geschieht“. Die Weggabelungen des Schicksals, an denen wir frei wählen können – es gibt sie nicht.

Oder nur im Konjunktiv. So lauten die ersten Sätze dieses grandios komponierten Buches: „Hätte Samuel gewusst, dass seine Mutter weggehen würde, hätte er vielleicht besser aufgepasst, hätte ihr genauer zugehört, sie eingehender beobachtet, sich ein paar wichtige Dinge aufgeschrieben. Vielleicht hätte er sich auch anders verhalten, anderes gesagt, wäre ein anderer Mensch gewesen. Vielleicht ein Kind, für das es sich gelohnt hätte, zu bleiben.“ Und schon sind wir mittendrin im Drama dieses Lebens.

Man spürt schon bei diesen ersten sechs Zeilen, dass Nathan Hill ein Erzähler ist, der einen langen Atem hat, ein Gespür für schwingende Variationen, die in einer dramatischen Pointe enden und ihren Pfeil ins Herz des Lesers schicken. Und so geht es weiter, 860 Seiten lang, ohne einen einzigen Hänger. Dabei ist der Autor, Professor für Literatur wie seine Hauptfigur, erst 38 Jahre alt und „Geister“ nach zahlreichen Erzählungen sein erster Roman. Schon wird er in den USA in eine Reihe gestellt mit John Irving, Donna Tartt und Jonathan Franzen.

Nachdem also Samuel Anderson 23 Jahre lang von seiner Mutter Faye nichts mehr gehört hat, taucht sie 2011 plötzlich wieder auf. Im Fernsehen. Wieder und wieder laufen auf allen Kanälen die Bilder der Frau, die einen an Donald Trump gemahnenden Gouverneur namens Packer mit einer Handvoll Kies attackiert. Ein paar Stunden Recherche brauchen die Sender, dann erfährt Samuel schon etwas mehr über seine Mutter. Die Schlagzeilen lauten: „Radikale ehemalige Hippie-Prostituierte und Lehrerin trifft bei bösartigem Angriff Gouverneur Packers Auge“. Die Frage, wer diese Frau ist, interessiert für einen Moment eine ganze Nation. Samuels Verleger, bei dem er erhebliche Schulden hat, wittert eine Chance, doch noch an sein Geld zu kommen. Samuel soll sich an die Arbeit machen und die Geschichte des „Packer Attackers“ schreiben – aus der Sicht des Kindes also, das aus rätselhaften Gründen von ihr verlassen wurde. Und so treffen Mutter und Sohn aufeinander.

Mehr zu verraten wäre fahrlässig, denn das Buch lebt von überraschenden Wendungen. Es ist eine große Familiensaga, aber eine ex negativo, die aus Leerstellen zusammengesetzt wird. Der Held ist ja, wie man so treffend sagt, die meiste Zeit mutterseelenallein.

Trotzdem bilden die versprengten Glieder der Familie über Generationen hinweg Konsistenz, weil sie ihre Neurosen und Traumata in immer neuen Brechungen vererben. Samuels Großvater im Krieg, die Jugend seiner Mutter in Iowa und bei den Studentenprotesten von Chicago, sein unglückliches Liebesleben selbst – wie das zusammen- und gegeneinander wirkt, wie man geprägt, zusammengeschustert und -geknetet wird, kurzum, wie Schicksal entsteht, das deckt „Geister“ mit einer Erzählfreude auf, die das Vertrauen ins Erwartbare mit verblüffenden Wendungen immer aufs Neue provoziert.

„Geister“ ist vieles zugleich: Eine breitwandige Sittengeschichte der amerikanischen Gesellschaft von den fünfziger Jahren bis heute, eine berührende Coming-of-Age-Geschichte, ein Campus-Roman mit satirischen Zügen und eine Liebes- und Dreiecksgeschichte fast ohne Erfüllung. Und es ist eine erzählerische Vision der mediendurchtränkten Gegenwart, beherrscht von voyeuristischen Fernsehnachrichten, einem durchgeknallten Sachbuchmarkt, pseudosozialen Netzwerken und künstlichen Spielwelten. Unterhaltsamer ist der Mensch nie einsam gewesen.

Unvergesslich wird dem Leser ein Videogamer bleiben, der sich unter dem Namen Pwnage einloggt, um mit Sam und anderen gegen die Mächte des Bösen zu kämpfen, eine Figur, deren schier tagelange Teilnahme an den World-of-Elfscape-Kämpfen dem Lauf der Sonne folgt, der nämlich auch dann noch spielt, wenn sich seine Landsleute längst ausgeklinkt und sich stattdessen die Hardcore-Spieler aus Japan und Australien zugeschaltet haben. So intensiv, wie er mit Drachen und Elfen kämpft, wie er mit seinem Greif über die Gestade von Wyrmmist und Gurubashy fliegt, wie er in den Höhlen von Jedenar seine Kämpfer lenkt und das Geräusch genießt, das das virtuelle Leben macht, wenn es aus einem feindlichen Ork-Körper entweicht, während in seinem wirklichen Körper ein Gerinnsel eine verhängnisvolle Reise durch die Arterien beginnt – so intensiv sind Glanz und Elend der Videospielwelten noch nie beschrieben worden.

Mit Nathan Hill ist ein Erzähler auf der Bildfläche erschienen, der es an Intensität mit den Methoden der digitalen Wunder aufnimmt und gewinnt. Vermutlich ist das auch ein Akt der Selbstheilung. Und ganz sicher ein Triumph der Schrift.

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