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Roman Thomas Raab "Still" Er möchte doch nur Frieden bringen

Thomas Raabs Roman „Still“ über einen so hellhörigen wie mörderischen Jungen, der sich zuletzt entpuppen darf.

Thomas Raab Foto: imago

Schon das Baby hält es in dieser Welt nicht aus. Es schreit und schreit und schreit. Nur beim nächtlichen Spazierengehen, an des Vaters Brust geschnallt, und einmal, als es der Mutter beim Baden unter Wasser gleitet, ist es augenblicklich still. Einen schrecklichen Gedanken hat da die Mutter, ob sie es nicht besser unter Wasser lassen soll. Sie tut es nicht. Und das extrem hellhörige Baby – darum brüllt es so, es ist vom Lautklang der Welt gepeinigt – wird zu einem Jungen, dann Mann, der sich die ersehnte Stille – „Frieden!“ – nur zu beschaffen weiß, indem er tötet. Und der glaubt, seinen Opfern damit (auch) einen Gefallen zu tun.

Der Österreicher Thomas Raab, geboren 1970, ist durch eine Reihe von eher heiter-harmlosen, im Tonfall den Schmäh und die Ironie pflegenden Kriminalromanen um einen Restaurator namens Willibald Adrian Metzger bekannt geworden, zum Beispiel „Der Metzger holt den Teufel“, „Der Metzger geht fremd“, „Der Metzger muss nachsitzen“.

Von ganz anderem Kaliber ist dagegen „Still“, das den Untertitel trägt „Chronik eines Mörders“. Eine gleichsam überlebensgroße, legendenhafte Figur wird hier gezeichnet; man käme nicht auf die Idee, etwa einen Scherz zu machen über Karl Heidemann. Über jenes Schreikind, das, weil es immer nur mit Stöpseln in den Ohren im Keller hockt, ein blasser, fetter Junge wird; dann, übers Land fliehend bis in ein italienisches Kloster in den Bergen, ein fitter schlanker junger Mann; dann ein Stummheit vorgaukelnder Mönch. Und zuletzt ein Suchender nach seiner Marie, dem Mädchen, das er zu befreien versuchte vom prügelnden Vater. Ein einziges Mal ging Karl hier der Mordanschlag schief, der „Tyrann“ überlebte.

Die Welt ist ihm zu viel Lautklang

„Still“ bannt einen und ist dennoch kein Buch, das man wegen seiner Spannung liest. Viele der Morde des Karl Heidemann steckt Raab ganz unkrimihaft in einen Nebensatz. Und zwar gibt es einen gewissen Horst Schubert, einen feinfühlig-klugen Polizisten, der Jahr auf Jahr nicht locker lässt, aber irgendwann hat er fast schon väterliche Gefühle für Karl. Beinah ertrinkt er, weil er den Mörder zu retten versucht. Und wird von ihm gerettet.

Thomas Raab schreibt aus der Sicht des Mörders und hält doch gleichzeitig, die Ich-Form meidend, Distanz zu seiner Hauptfigur. Sprachmächtig, -wuchtig packt er die Geschichte ein, zielt mit aller Formulierungskunst aber nicht auf eine psychologische Plausibilisierung und Erklärung, sondern blickt fast immer von außen auf Karl.

Auch dessen Gefühle sind oft nur ein Nebenaspekt, angedeutet zum Beispiel in einem „erfüllt huschte Karl Heidemann abseits der Wege durchs Dickicht“. Erfüllt, weil er das Herz seiner Großmutter im Glas bei sich trägt, als Geschenk an seinen Vater (Hatte der Junge nicht von Erwachsenen gehört: „Ein Kind bleibt im Herzen der Mutter auf ewig“? Eben). Stolz ist er da noch, den Großeltern einen gemeinsamen Tod beschert zu haben (Hatten sie sich diesen nicht sehnlichst gewünscht?). Und begreift endlich, weil er das nicht für seine Ohren Bestimmte hört, dass der Vater ihn für eine „Bestie“ hält.

Karl rennt also weg. Und rennt. Und wandert, meist durch den Wald, stiehlt sich nachts Kleidung und Essen zusammen. „Die weggeworfene Welt wurde ihm ein Schlaraffenland. Die schlafende Welt ein Paradies. Ein wie ausgestorben wirkendes Paradies, als wollte es flüsternd erzählen, wie wenig ihm das Treiben der Menschen fehle, wie sehr ihm darum selbst der Tag als Plage erschiene.“

Hellhörig und -sichtig ist Raabs Figur, ein famoser Zeichner menschlicher Gesichter. Aber sein moralischer Kompass ist nicht wie der anderer Menschen eingenordet – kann man deswegen sagen, dass Karl ein geborener Mörder ist? Frieden lediglich möchte er denen bringen, die, wie er doch beobachten kann, unter Stress stehen. Die krank sind. Unglücklich sind. Bisweilen genügt es ihm, wenn er kommenden Streit spürt, etwa zwischen einem Paar. Bald will er auch alle töten, die anderen Unrecht tun. Man nennt das Selbstjustiz, aber auch das ist ihm nicht klar. Denn jahrelang abgeschirmt war er in seinem Keller, mit seinen Ohr-stöpseln.

Aber er lernt, vor allem im Kloster, wo er Bruder Vitus („der Lebendige“) wird. Den fetten, wabbeligen Jungen haben die Nachbarn einst als Wurm verhöhnt. Raab lässt ihn mehrfach schlüpfen, zuletzt zum Schmetterling werden.

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