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Roman Sie sind schon so weit unten

In Denise Minas unerbittlichem Kriminalroman „Blut Salz Wasser“ sind eine Tasse Tee und Kekse schon das pure Glück.

Polizeihubschrauber
Ein Polizeihubschrauber am Loch Lomond. Foto: rtr

Knapp 15 000 Einwohner hat das schottische Helensburgh, das gern, wie man liest, ein angesagtes Seebad mit einem aufgewerteten historischen Stadtkern sein würde. Dann darf das Städtchen im Westen aber keinesfalls mit Denise Minas jüngstem Kriminalroman um die Ermittlerin Alex Morrow werben – da fahren gleich auf der ersten Seite zwei (zwar widerwillige, aber egal) Killer mit ihrem seit Tagen festgehaltenen Opfer an den schönen Loch Lomond: „Nachdem Wee Paul morgens angerufen und Tommy seine Entscheidung mitgeteilt hatte, konnte Iain sie nicht mehr ansehen.“ Sie töten die Frau (Tommy überlässt das unfairerweise auch noch komplett Iain), versuchen sie für immer im See zu versenken. Das funktioniert allerdings nicht gerade gut. 

Bald wird also die Polizei da sein, bald wird sie sich außerdem damit beschäftigen, dass eine wohlhabende „Unternehmerin“, wohl eher: Drogenschmugglerin, verschwunden ist. In Helensburgh laufen Menschen herum, die weißes Puder an der Nase haben und manch einer versucht, sich mit dem Unterwelt-Boss zu arrangieren und notfalls seine Schulden zu bezahlen, indem man eben jemanden umbringt. Sogar der Landschaftspfleger ist zugedröhnt im Roman-Helensburgh. Und das Ortsgasthaus Sailor’s Rest wird in Flammen aufgehen, der Eigentümer und seine Tochter werden verbrennen – um des Prinzips einer Abrechnung und einer Lektion willen. 
Denise Minas Krimis sind unbarmherzig. Die Schottin schert sich auch wenig um Genreregeln und denkt gar nicht daran, die Dinge übersichtlich zu halten. Niemand käme auf die Idee, diese Romane Whodunnits zu nennen, denn ist man als Leserin nicht als erstes dabei, wie Tommy und Iain ihren Mordauftrag erfüllen? Und ist es nicht paradoxerweise so, dass man Iain Fraser bald ziemlich sympathisch findet? Ein armer Tropf halt, der schon so weit unten ist, dass er den Rand des Lochs, in dem er steckt, gar nicht mehr erreichen kann. 

Bald lernt man noch mehr Helensburgher kennen, denen man manches, aber keineswegs alles zutraut. Die mal anständig sind und mal Abkürzungen nehmen. Man lernt zum Beispiel Boyd kennen, der in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, um das Paddle Café aufzumachen – aus Berechnung, nicht Überzeugung: „Bio, Regio, Bauernmarkt. Verwertung von der Nase bis zum Schwanz“, dafür zahlen die Leute mehr. Man lernt Susan Grierson kennen, die nach 20 Jahren USA plötzlich wieder auftaucht und offenbar einen Job und Koks sucht. Frischt sie alte Bekanntschaften nicht etwas zu eifrig wieder auf? Man lernt, in der „gelben Backsteinsiedlung“, den heranwachsenden Underdog kennen, dick und zuckerzeuggemästet. Diese Teenagermädchen müssen bereits weitgehend alleine zurechtkommen, die Eltern haben andere Prioritäten. Wenn sie über etwas froh sind, sagen die Kinder also: „Verfickte Scheiße sei Dank“. Denn eigentlich sind sie freundlich. 

Die Farben Schwarz und Weiß hat Denise Mina weitgehend abgeschafft. Ihre Figuren sind vielschichtig. Unglücklich verstrickt, statt böser Masterminds. DI Morrows Unterwelt-Bruder Danny liegt nach einer Gefängnis-Attacke lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus und sie, die Gesetzestreue, hofft in einem Winkel ihres Herzens, dass er stirbt. Damit sie nicht immer wieder mit ihm in Verbindung gebracht wird. Damit sie mit ihrem Mann auf der Couch sitzen, entspannt nur nach dem Babyfon horchen und Danny vergessen kann. „Es gab sogar eine Tasse Tee und Kekse.“ Das ist schon das pure Glück in einem Roman Denise Minas.

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