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Roman Nadolny Der innere Zwilling

Segelpartie in Kindheitsgewässern: Sten Nadolnys neuer Roman „Weitlings Sommerfrische“ ist ein Alterswerk ohne Groll und Selbstzufriedenheit.

29.06.2012 16:10
Martin Halter
Das Handwerkszeug eines Segelmachers. Foto: ddp/Urban

Seine Radikalität wirkte nicht allzu unfreundlich, und sein Nonkonformismus, ohnehin der Vernunft zugänglich, war letztlich konform genug, um Kapodistrias zu einem Erfolg werden zu lassen. Danach verlor er den Kontakt zum großen Publikum wieder, aber er blieb ein Name“.

Was Sten Nadolny über sein Alter Ego Wilhelm Weitling schreibt (der Schneidergeselle gleichen Namens war einer der wenigen Frühsozialisten, die Marx und Engels neben sich gelten ließen), das gilt auch für seine eigene Schriftstellerkarriere. Sein größter Erfolg, der Roman mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“, erzählte zwar nicht von einem griechischen Politiker, sondern von dem britischen Polarforscher John Franklin, aber das Loblied auf Hartnäckigkeit, Langsamkeit und Geduld traf 1983 den Nerv einer hektischen Zeit. Dass er danach nur noch „ein Name“ war, trug Nadolny mit Franklinscher Gelassenheit.

Jetzt, fast dreißig Jahre nach seinem Durchbruch, zieht er in einem autobiografischen Vexierbild Bilanz, so sympathisch bedächtig, so hartnäckig in seinen Selbstvergewisserungen und trotz aller Enttäuschungen zuversichtlich wie man es von einem Entdecker der Langsamkeit erwarten darf.

Staunen und stille Rührung

„Weitlings Sommerfrische“ ist fraglos ein Alterswerk, ruhig und lebensklug, manchmal auch ein wenig betulich erzählt, aber ohne Groll oder Selbstzufriedenheit. In einer kühnen Konstruktion lässt Nadolny Weitling auf dem Chiemsee zu einer Segeltour auslaufen, die sich als Reise in die eigene Jugend erweist. In einem plötzlich aufziehenden Sturm vom Blitz getroffen und gekentert, findet sich der Berliner Richter a.D. ins Jahr 1958 zurückkatapultiert. Zum passiven Zuschauen und Zuhören verurteilt, sieht der „Geist aus der Zukunft“ für sieben Monate seinem jüngeren Ich, dem sechzehnjährigen Willy, über die Schulter: Tadelt ihn, wenn er sich in der Schule hängen lässt, raucht oder in seinem „wackeligen Atheismus“ gefällt, ermuntert ihn bei seiner Lektüre (Fritz Pachtners Ratgeber „Richtig denken – Richtig arbeiten“, Dostojewskis „Dämonen“), leidet mit dem schüchternen Jungen, wenn er von seinem Schwarm Roswitha zurückgewiesen wird, schleicht sich mit ihm ins Schlafzimmer seines geliebten Großvaters und liest mit Staunen und stiller Rührung seine Tagebücher.

Im Geisterreich zwischen literarischer Phantasie und Kindheitserinnerungen tun sich noch andere, reizvollere Möglichkeiten auf. Was hätte aus Willy, dem „inneren Zwilling“ Wilhelms, werden können? Was wäre gewesen, wenn nicht sein Vater, sondern seine pragmatisch-diplomatische Mutter, Baroness Traumleben, literarische Karriere gemacht hätte? Was, wenn er nicht seine geliebte Astrid, sondern Roswitha geheiratet hätte?

Bilanz kann sich sehen lassen

Aus dem „Jugendarrest“ befreit, sieht sich Weitling im letzten Viertel des Romans tatsächlich mit einer neuen Biografie konfrontiert: Er ist nicht mehr der pensionierte Richter, sondern – wie Nadolny – ein Geschichtslehrer, der spät Romane zu schreiben begann. Er hat (anders als Nadolny) eine Tochter, eine Enkelin und einen kleinen Bauch; nur seine Astrid ist zum Glück fast die Alte geblieben. So spürt Nadolny, ähnlich wie Max Frisch in „Stiller“ oder „Biografie: Ein Spiel“, verpassten Abzweigungen und ungenutzten Chancen seines Lebens nach und vergleicht mit fast olympischer Heiterkeit Konjunktiv und Indikativ, Jugendtraum und Wirklichkeit seines Lebens.

Die Bilanz kann sich sehen lassen. Aus dem zaghaften, ängstlichen, faulen, aber auch neugierigen, mitfühlenden und manchmal anmaßenden Jungen ist doch noch etwas geworden. Nicht der Richter, der seine milden Urteile über Gott und die Welt in seinem Lebenswerk „Spes Divina“ (Die göttliche Hoffnung) niederlegt; auch nicht der „Spezialist für die Neuformulierung von Binsenweisheiten“, der sich nach dem Motto „Sich fügen bringt Segen“ mit allen Enttäuschungen abfindet. Sondern ein bescheidener, aufmerksamer Autor, der mit sich im Reinen ist.

Zweifelnd und staunend ließ er sich nie von den dunklen Schatten der Depression, von seinem Hang zu „Pessimismus und ätzender Formulierungsgabe“ überwältigen.

Ätzende Formulierungen findet man in „Weitlings Sommerfrische“ eher selten, dafür die ein oder andere Binsenweisheit. Nadolnys vielleicht letzter Roman ist kein Ehrfurcht erzwingendes Meisterwerk, aber man lässt sich auch nicht ungern in der Nussschale seiner Kindheitserinnerung in die Fünfzigerjahre hinaustreiben, getragen von den sanften Brisen seiner Ironie und menschenfreundlichen Altersweisheit. Und am Ende steht ja auch nicht der Schiffbruch, sondern der sichere Hafen eines „einigermaßen würdig bestandenen“ Lebens.

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