Lade Inhalte...

Roman Literatur aus der Maschine

Matthias Senkels Roman „Dunkle Zahlen“ ist ein so aufregendes wie enervierendes Spiel.

Kabul
1981: Sowjetischer Computertechnikkurs im besetzten Kabul. Foto: afp

Auf dem Umschlag sind die beiden Buchstaben E in „Dunkle Zahlen“ falsch herum gedruckt. Sie greifen nach links zum jeweils benachbarten L wie die Mäuler der kleinen Fresserchen in Computerspielen. In diesem Buch sind Computerspiele weniger Freizeitaccessoire als Forschungsgegenstand, zuweilen auch Tarnung. Computer und ihre Vorläufer, die Rechenmaschinen, stehen für den propagierten Fortschritt des Kommunismus im Lenin’schen Sinne als Sowjetmacht plus Elektrifizierung. Vor allem in der Sowjetunion spielt dieses Buch von Matthias Senkel, der sich in der Titelei nur als Übersetzer ausgibt, der damit dennoch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. 

Die Autorenzeile des Buches gehört GLM3, das ist die Abkürzung für „Golemartige Literaturmaschine“. Sie also soll diese Wundertüte Text von knapp 500 Seiten ausgespuckt haben. „Das Betätigen der Eingabetaste initiiert den Erzählvorgang“, heißt es vorn. Der besteht aus einzelnen fortlaufenden Handlungssträngen, die sich durchkreuzen, die durchbrochen werden von Episoden aus der Vergangenheit bis 1821 und der Zukunft bis 2043. Manchmal gelingt es dem Leser, die Teile zueinander in Beziehung zu setzen, oft lässt der Autor die Bezüge im Datennebel. 

So handelt eine amüsante durchgehende Geschichte von der „II. Internationalen Spartakiade der jungen Programmierer“ in Moskau im Mai 1985. Spartakiaden hat man in der Sowjetunion und der DDR Sportwettkämpfe genannt, doch wenn man bedenkt, dass Schach als Sport gilt, kann es sich mit Programmieren doch auch so verhalten. Die Dolmetscherin der kubanischen Delegation, Mireya Fuentes, vermisst ihre vom Flughafen direkt in Quarantäne verschickte Truppe und irrt den Spartakisten durch das Buch hinterher. 

Ein anderer Strang widmet sich dem „lebensverneinenden“ Dichter Gawriil Jefimowitsch Teterewkin, den Matthias Senkel schon glaubwürdig in seinem 2012 bei Aufbau erschienenen Debütroman „Frühe Vögel“ erfunden hatte. Hier führt er ihn mit einem – Achtung! – Nachwort auf Seite 94 ein. Später erzählt er von dessen verhindertem Duell mit Puschkin, das in ein gemeinsames Birkhuhn-Mahl mündet, noch später verhilft er ihm mit einem Wikipedia-Artikel zu gegenwärtiger Glaubwürdigkeit. Den als Screenshot im Buch abgebildeten Artikel gibt es bei Wikipedia nicht. 

Matthias Senkel, 1977 in Greiz geboren, in Leipzig wohnend, ist ein Leser und Dokumentefresser. Seine Schreibweise, die im Rhythmus und in den Zeiten springt, lässt tatsächlich an einen Automaten denken, der auf Knopfdruck alles kann. Senkel spielt mit Versatzstücken aus der Geschichte, lässt Gagarin um die Erde kreisen und die Perestroika offiziell anerkennen und erinnert an die stolze DDR-Legende vom größten Mikrochip der Welt. Er nutzt Tschechows Ausruf „Nach Moskau!“, schickt Michail Bulgakows schwarzen Kater um die Ecke, lässt die schöne Warwara aus den russischen Märchen auftauchen und verwandelt die Übersetzerin Mireya in eine fliegende Hexe. 

Die Literaturmaschine spuckt Witze, ein Dramolett und Verse aus, auch solch verquere zu etwa 90 Orten: „Ich liebte ’ne Frau aus Bratsk, die ist kurz nach der Hochzeit geplatzt. ... Ich liebte ’ne Frau aus Jakutsk, doch das hat mir überhaupt nichts genutzt.“ Nach dem verfrühten Nachwort kommt ein weiteres Ende mit Anmerkungen und Personenverzeichnis Anfang der 300er-Seiten, also immer noch lange vorm Schluss. 

Zwischen Begeisterung und Spannung

Beim Lesen schwankt man zwischen Begeisterung und Spannung und fällt dazwischen in Verzweiflung. Es bereitet Vergnügen, literarische Zeichen zu deuten und parodistische Szenen zu lesen, etwa wenn die Spartakiade-Teilnehmer von deutschen Spitzeln abgehört werden oder sowjetische Techniker versuchen, IBM-Computer nachzubauen. Spannend ist die Geschichte des Programmierers Leonid, der zwischen Studium und Forschung von Anerkennung zu Verurteilung und Rehabilitierung durch die Weiten der Sowjetunion reist, durch erfundene Orte mit Namen wie Wosduchogorsk; deutsch: Luftberg. Er ist dabei, wenn die GLM, die Literaturmaschine, mit Lochkarten gefüttert wird, ein „kadettenblau“ lackierter Blechkasten, der surrt und hin und wieder wie ein Brummkreisel aufheult. 

Doch auch die Verzweiflung lauert hinter vielen Seiten: Senkels fleißige Recherche, perlende Fantasie und ironiedurchzogene Sprache reißen Zusammenhänge auseinander und geben Figuren verloren. Ein Zeitgenosse urteilt in dem pseudowissenschaftlichen, mit zahlreichen Fußnoten garnierten Nachwort über Teterevkins Hauptwerk „Die Welt“, es entziehe sich „der vereinfachenden Nacherzählung ebenso wie der empfindsamen Aufnahme“. So verhält es sich mit Matthias Senkels Werk auch: Es macht Spaß, aber erklären kann man es nicht. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen