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Roman „Ida“ Lebenslang das Klicken seiner Uhrkette

Katharina Adlers aufschlussreicher Roman über ihre Urgroßmutter Ida, die Sigmund Freuds „Fall Dora“ war.

Katharina Adler
Katharina Adler. Foto: Christoph Adler

Ida Adler, geborene Bauer. Keine angenehme Zeitgenossin. Misstrauisch, scharfzüngig, empathielos, Kettenraucherin. Als sie 1941 nach monatelanger, erschöpfender Flucht vor den Nazis in den USA eintrifft und auf dem Bahnhof von Chicago ihren erwachsenen Sohn wiedersieht, ihn und seine neue zweite Frau, da ignoriert sie die ausgestreckte Hand der jungen Amerikanerin und stürzt mit vorwurfsvollen Bemerkungen Richtung Ausgang. 

So zumindest schildert die Schriftstellerin und Urenkelin Katharina Adler das Zusammentreffen der damals 59-jährigen Ida mit ihrem 35-jährigen Sohn, dem Dirigenten Kurt Herbert Adler. Eine Familie österreichischer, zum Protestantismus konvertierter Juden, denen die Sozialdemokratische Partei bei der Flucht geholfen hatte, denn Idas 1938 im Pariser Exil verstorbener Bruder Otto Bauer hatte in der österreichischen Sozialdemokratie eine bedeutende Rolle gespielt. Abkömmlinge von Industriellen und Künstlern, die vor wie nach dem Ersten Weltkrieg in der Wiener Gesellschaft verkehrten. 

In den USA gab Kurt Adler, in Salzburg Assistent von Arturo Toscanini, zunächst Gesangsunterricht. Ida begann bald nach ihrer Ankunft in einer Lederfabrik zu arbeiten. Sie war eine Frau mit hohen Ansprüchen an andere, aber sie konnte für sich sorgen. Und das nicht erst, seit ihr Erbe versiegt und 1932 ihr Mann Ernst Adler gestorben war. Sondern seit sie 18 Jahre alt war und am Neujahrstag des Jahres 1901 aus eigenen Stücken eine von ihrem Vater angeordnete Psychoanalyse bei Sigmund Freud beendete. Ida Bauers Anamnese als „Hysterikerin“ ist der Psychologiegeschichte als „Fall Dora“ überliefert. Die Urenkelin erzählt das dazugehörige Leben.

Wobei „Ida“ ein Roman ist. Die 1980 in München geborene und dort auch lebende Katharina Adler schrieb fünf Jahre daran, und ihre Basis waren einige wenige Familienanekdoten sowie „Fundstücke und Imagination“, wie sie nach Abschluss des Manuskripts im Dezember 2017 im „Zeitmagazin“ formulierte. Das historisch belegte Kernstück des Buches, Idas Analysesitzungen bei Sigmund Freud, liest sich dabei als Beleg einer haarsträubenden Paternalisierung. Im biografischen Kontext ergibt sich aus heutiger Sicht der gleich dreifache Missbrauch eines jungen Mädchens: durch ihren Vater, einen erwachsenen Bekannten und schließlich den Arzt. 

Idas Widerwillen gegen die Gespräche, dagegen, dass Freud „alles verdrehte, bloß, um im Recht zu bleiben“, dass er ihr verdrängte Verliebtheit unterstellte, wenn sie unter Nachstellung litt, und immerzu auf das Thema der Masturbation kommen wollte, malt Adler genüsslich aus. Und man staunt und freut sich über diesen handfesten Überlebensinstinkt, der ihr nicht in die Wiege gelegt worden war. 

Ida Bauer, jüngeres Kind des Textilfabrikanten Philipp Bauer, der syphilitisch kränkelte und seine Frau doch mit einer Bekannten betrog. Auf deren Kinder musste Ida währenddessen aufpassen, und deren Mann wurde sie – sozusagen als Gegenleistung – ausgeliefert. Tochter einer perfektionistischen Mutter, die ihr auf allen Ebenen Mittelmäßigkeit vorwarf. Ein Mädchen, das gerne etwas gelernt hätte, aber dann nicht einmal die Kraft hatte, einen Roman zu Ende zu lesen, weil die Symptome sie niederzogen: die Heiserkeit, die Ohnmachten, die Bauchschmerzen. 

Wenn hier etwas verdrängt wurde, dann die Wut, denkt man heute. Aber natürlich muss man Sigmund Freuds Analyse aus ihrer Zeit heraus bewerten – dass er weibliche Sexualität überhaupt thematisierte, war ein Schritt, auch wenn Ida Adler davon nichts hatte. 

Das Buch erzählt die Geschichte teils szenisch, teils in gut komponierten Sprüngen und konsequent subjektiv. Katharina Adler taucht vollkommen ein in Idas vermutete Sicht und den Kommisston der auslaufenden k.u.k.-Zeit. Die gesellschaftlichen Umbrüche (der Krieg, die Zwischenkriegszeit, der Aufstieg erst der Sozialdemokraten, dann der Nationalsozialisten) werden über die beteiligten Personen erzählt, wobei die Bemühung um Vollständigkeit nicht ganz anstrengungslos ist. Der Roman will eine Menge Zeitgeschichte transportieren. 

Berührend sind die Contenance und Tapferkeit, mit der Ida voranschreitet. Und die Ergiebigkeit des zweiten Blickes. Wenn man weiß, dass diese Frau ihr Leben lang „das silbrige Klicken einer Uhrkette“ im Ohr hatte, der Uhrkette des Doktor Freud, der hinter ihr saß, während sie lag, und ihre Seele verlangte, auf dass er Material habe, dann wirken ihre spätere Härte und Selbstgerechtigkeit plötzlich nur noch halb so schlimm. Was ja für alle Menschen gilt, denen man begegnet. Man weiß nie, welcher Höllen sie entkamen. Und manchmal wissen sie es auch selber nicht. 

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