Lade Inhalte...

Roman "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren" Heißer Tee

Shahriar Mandanipurs gewitzter Roman „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“: Die Ironie, dass ein Zensor auf der Spur nach unsittlichen Wörtern eisern und akribisch zu Werke zu gehen hat, wird noch dadurch angespitzt, dass der Schriftsteller schon weiß, was der Zensor zensieren wird.

Shariar Mandanipur: "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren"

Auch in französischen Komödien aus dem 19. Jahrhundert kann es braven Bürgerinnen passieren, dass sie im Zuge von Liebeswirren ohne Begleitung und ohne Hut durch die Straßen eilen. Und sogleich für eine Prostituierte gehalten werden. Wenig besser ergeht es der ganz heutigen Teheraner Heldin in Shahriar Mandanipurs Roman „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“. Als sie endlich im Taxi sitzt, ist der Fahrer die ganze Fahrt über intensiv mit Geglotze und Gefummel befasst.
So gebiert die fanatische Sittenstrenge unabhängig von Ort und Zeit erniedrigte Frauen und vertierte Männer. Es ist übel, aber man kann auch darüber lachen. Leider allerdings nicht im Iran, wo Mandanipurs Buch nicht erscheinen durfte – Opfer der Zensur, die es selbst tüchtig durch den Kakao zieht. Mandanipur, 1957 in Schiras geboren, wohnt derzeit in den USA.


„Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ entfaltet mehr Virtuosität, als sein erst auf den zweiten Blick schillernder Titel verrät. Auf der einen Seite kommen der iranische Schriftsteller und sein Zensor zu Wort, den der Schriftsteller „Petrowitsch“ nennt. Das ist der Mordermittler aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Die Ironie, dass ein Zensor auf der Spur nach unsittlichen Wörtern ebenso eisern und akribisch zu Werke zu gehen hat, wird noch dadurch angespitzt, dass der Schriftsteller sowieso schon weiß, was der Zensor zensieren wird.


Über- und Untertreibung


Auf der anderen Seite geht es um eine iranische Liebesgeschichte – ein Paradox, wie der Leser lernt, in einem Land, in dem Frauen und Männer sich theoretisch gar nicht kennenlernen können. Dieser Roman im Roman wird bereits mit entsprechenden Streichungen abgedruckt. „Wie ein braves Mädchen trinkt Sara ihre heiße Schokolade. Wie ein guter Junge nippt Dara an seinem Tee.“ Dann, leserfreundlich durchgestrichen: „Sara sagt: ,Sie ist ganz schön heiß.‘ Dara sagt: ,Meiner auch.‘“ Der Laie wird kurz überlegen, warum die Zensur eingegriffen hat. Der Autor hingegen ist mit nichts anderem mehr befasst. Seinem Verleger berichtet er: „Petrowitsch hat uns drei Brüste und zwei Schenkel durchgehen lassen.“


Mandanipurs Wortwitz, der mit Über- und Untertreibung jongliert, dokumentiert seine Belesenheit und speziell seine Vertrautheit mit angelsächsischer Literatur (interessanterweise wollte der Autor aus der englischen Übersetzung ins Deutsche übertragen werden). Manchmal ist er nicht witzig, sondern wütend. Manchmal richtet sich sein Spott gegen uns, die ahnungslosen Leser im Westen: „Sie fragen, ob es im Iran Internetcafés gibt? Selbstverständlich gibt es die! Welches Bild haben Sie vom Iran?“


Das erstaunlichste an diesem Buch ist aber: In dieser kräftezehrenden Gemengelage aus Zensur und Selbstzensur, Junge-Leute-Verlegenheit und staatlicher Gewalt entfaltet sich eben doch eine rührende, freche, manchmal Screwball-Komödien-witzige Liebesgeschichte. Das ist das größte Schnippchen, das der Erzähler der Zensur schlägt

.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen