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Roman Die Nacht ohne hinnehmbares Ende

Nino Haratischwilis überkonstruierter, im Kern allerdings bitter wahrer Roman „Die Katze und der General“.

Nino Haratischwilli
Die Autorin von "Die Katze und der General": Nino Haratischwilli. Foto: G2 Baraniak

Nino Haratischwili, die zunächst als Dramatikerin bekannt wurde und mit den Zwängen und Beschränkungen einer Bühnenarbeit vertraut ist, neigt als Romanautorin zum Ausufernden: zuletzt 2014 mit dem Epos „Das achte Leben (für Brilka)“, jetzt mit dem neuen Buch, „Die Katze und der General“, seit Dienstag auf der Liste der letzten sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis. Dabei ist markant, dass vieles von dem, was der Autorin vor vier Jahren mit scheinbar so leichter Hand gelang – das Verschlungene des Schicksals aufzuzeichnen, seine Überrumpelungsaktionen und den holprigen und doch unverhinderbaren Fortgang der Dinge von Generation zu Generation –, diesmal schwerfälliger wirkt, konstruierter. Aber damit auch so bleiern, wie sich die Vergangenheit an die Füße der Menschen hängen kann, und so durchgeplant, wie es dem Gehirn eines Mannes entspringen mag, der nichts mehr hofft und fürchtet und nurmehr etwas wieder zurechtrücken will, was nicht mehr zurechtzurücken ist.

Das Leben dieses Mannes hat mit einem ganz anderen Plan begonnen, und das Buch hat mit dem Plan eines ganz anderen Menschen begonnen. Nura, eine 17-jährige Tschetschenin, die zwischen den Bergen und den Stammesgesetzen festsitzt, träumt sich 1994 aus dem Kaukasus fort. Eine mexikanische Telenovela, russisch synchronisiert, hat ihr einen Eindruck von der Farbigkeit der Welt gegeben, dann ist noch eine hier gestrandete russische Lehrerin hinzugekommen. Ihre Schüler sind überrascht. „Niemals zuvor war es ihnen erlaubt worden, ihre eigene Meinung zu äußern.“ Die Erwachsenen sind nervös, ohnehin ist die Russin nicht mehr gerne gesehen in den wachsenden ethnischen Aggressionen.

Ihrer neugierigsten Schülerin hinterlässt sie einen Rubik-Würfel, ein ohne Hilfe schwer zu lösendes Wunderwerk, das zugleich von großer Haltbarkeit ist und dem Buch nicht abhanden kommen wird. Nura, schon bedrängt vom heiratswilligen und neuerdings frömmlerischen Ex-Spielkameraden Musa – „Zweifelst du nie, dass du vielleicht im Unrecht sein könntest? – Wieso sollte ich? – Weil du auch nur ein Mensch bist“ – und hellhörig für den anrollenden Ersten Tschetschenien-Krieg, nimmt sich vor, „eine Karte des Überlebens“ anzufertigen.

Dass das nicht funktionieren wird, führt zu dem Dreh- und Angelpunkt des Buches, den Haratischwili im Folgenden kaum verschleiert, aber als geschickte Geschichtenarchitektin erst spät auserzählt. Früh ist klar, dass Nura ein Jahr später, 1995, das Opfer einer Folter-, Vergewaltigungs- und Mordorgie sein wird, die selbst im Krieg ein monströses Ereignis darstellt. Sie ist im Krieg aber leichter zu übergehen, die Beteiligten haben das auch vor, aber einer will dabei nicht mitmachen. Das ist der Mann, den man nachher „General“ nennt, inzwischen, 2016, ein russischer Milliardär moderner Prägung.

Aus tragischen Gründen – seine Tochter hat sich das Leben genommen – bringt er den Fall zwanzig Jahre später zur Wiedervorlage. Keiner weiß, was er vorhat, aber er lässt seine Leute die einstigen Soldaten auftreiben, die damals dabei waren. Und eine georgische Schauspielerin in Berlin engagieren, die der Toten verblüffend ähnlich sieht. Das ist die junge Frau, die man „Katze“ nennt. Sie braucht das Geld. Ein sinnfälliger Satz aus „Antigone“ verbindet die Katze und den General fürs Erste: „Heiß wallt dein Herz bei schauerlichem Werk.“

Jetzt aber braucht man, jetzt fordert Haratischwili einen langen Atem. Jetzt erzählt sie geruhsam von Katzes Familie, einer sympathischen Frauendynastie, die ihr Glück im Westen sucht und nur teilweise findet. Verrückt und schön, der Westen. Eine Sanduhr fürs Zähneputzen, das ist der erste Gegenstand, der Katze hier geschenkt wurde. Die Großmutter bestaunt die „menschenfreundliche Gestaltung“ der Stadt (Radwege, piepende Ampeln …). Dazwischen lernt man einen schlaksigen deutschen Journalisten näher kennen („Krähe“ genannt, Namen gehen hier irgendwie unter), der sich einst aus Recherchegründen auf die Fährte des Generals setzte, dessen Tochter und Achillesferse Ada kennenlernte, sich in sie verliebte, jetzt selbst eingeklemmt ist in die gesamte Konstruktion. Das sind Figuren mit manchmal holzschnitthaften Zügen, aber um sie herum schwirrt es doch von Leben und von Lebensträumen. Es leuchtet ja auch ein, dass das Leben sich auffalten und verzweigen muss, damit die Unerträglichkeit des Todes sich zeigt.

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