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Roman-Debut Im Vergessen eingerichtet

„Deutsches Haus“, der erste Roman der Drehbuchautorin Annette Hess.

Das Beschweigen der Vergangenheit durch Väter und Mütter war möglich, solange Söhne und Töchter unwissend waren. Kenntnislos blieben die Kinder, weil die Vergangenheit als erledigt galt. Im Fall der als lästig hingestellten NS-Verbrechen hatten die Alliierten nach Auffassung der meisten Deutschen mit ihrer ungeliebten „Siegerjustiz“ alles getan. Nach den Nürnberger Prozessen konnte ruhigen Gewissens ein Schlussstrich gezogen werden.

Als Ende der 1950er Jahre in Politik und Justiz freilich die Erkenntnis reifte, dass die Verbrechen längst nicht aufgeklärt waren und als sodann in öffentlichkeitswirksamen Prozessen der Massenmord verhandelt wurde, taten sich Vergangenheiten auf. Das scheinbar heile deutsche Haus, mit Fleiß und Tatkraft nach dem Krieg erbaut, bekam Risse. Familien zerfielen. Die trotzige Stummheit der Eltern und das durch die Strafverfahren entfachte Erkenntnisstreben der Kinder prallten aufeinander.

In ihrem Frankfurt-Roman „Deutsches Haus“ erzählt Annette Hess die Geschichte der Wirtstochter Eva Bruhns. Durch ihre Tätigkeit als Dolmetscherin im Auschwitz-Prozess erfährt sie nicht nur vom Geschehen in der Todesfabrik, sie schaut auch in die Abgründe ihrer Familie. Vater Ludwig, der in der oberen Bergerstraße eine florierende Gastwirtschaft betreibt, ist dagegen, dass seine Tochter im Bürgerhaus Gallus tätig wird. Auch der Verlobte in spe, Spross eines vermögenden Versandhändlers, will Eva von der Arbeit abhalten. Selbst Nachgeborener eines Nazi-Opfers, vermeidet er die Befassung mit der Vergangenheit. Alle weichen aus, alle vermeiden den Blick zurück. Alle haben sich in der Gegenwart geschichtsvergessen eingerichtet.

Die von Opferzeugen im Prozess geschilderten Leiden überwältigen die unbedarfte junge Frau und führen sie in ihre eigene, völlig im Dunkeln liegende Vergangenheit zurück. Der herzensgute Vater war nicht Soldat an der Westfront, er war in Auschwitz gewesen. Mit Kind und Kegel lebte er da und sorgte als Koch im SS-Kasino für das leibliche Wohl der „SS-Führer“. Kein Mörder zwar, aber einer, der dabei gewesen war und dageblieben ist.

Auch stellt sich heraus, dass die Eltern eifrige Gefolgsleute des Verbrecherregimes waren. Sie denunzierten den in Frankfurt vor Gericht stehenden Hauptangeklagten wegen einer kritischen Bemerkung über Hitlers Propagandaminister Goebbels. Die Dolmetscherin muss erleben, wie ihre Mutter als Zeugin auftritt und die in Auschwitz begangene Schandtat eingestehen muss. Im Verlauf des Prozesses kommt bei Eva Bruhns die Erinnerung. Sie und ihre Schwester wohnten mit den Eltern in Auschwitz. Die Mutter brachte die Mädchen zu einem Häftlingsfriseur ins Lager. Eines Tages verletzte der Pole beim Lockenlegen das Kind mit der Brennschere.

Eine ruhige Hand hatte der Häftling nicht mehr. Seine Tochter war an der Todeswand erschossen worden. Nach dem Prozess sucht Eva den Friseur in Warschau auf. Überwältigt von Schuldgefühlen und getrieben von Sühneverlangen bittet sie den alten Mann, sie kahl zu scheren. Der Friseur verweigert das absonderliche Ansinnen. Ihr stehe nicht zu, sich zum Opfer zu machen. Trost könne sie bei den einstigen Verfolgten nicht finden. Eva muss mit ihrer Vergangenheit allein fertig werden.

Annette Hess wurde bekannt durch ihre Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“. In ihrem ersten Roman bringt die Autorin Figuren zusammen, die ihr nicht immer gelungen sind. Da ist der Opferzeuge, der nach seiner Vernehmung aus dem Gerichtssaal stürzt, in ein Auto läuft und verstirbt. Er steht für die unsagbaren Leiden der Überlebenden. Auschwitz scheinbar entronnen, werden sie von Überlebensschuld heimgesucht.

Der junge Referendar hingegen, der dem Anklagevertreter assistiert, ist eine überzeichnete, wortwörtlich aus dem Roman fallende Figur. Der Jurist sucht eigenmächtig einen Angeklagten vor dem Prozess auf. Ihm hält er vor, seinen Bruder in Auschwitz zu Tode gefoltert zu haben. Bei dem in Auschwitz durchgeführten Ortstermin stellt sich freilich heraus, dass der Anklagevertreter ein eingebildetes Opfer ist. Die Geschichte des ermordeten Bruders ist seiner Phantasie entsprungen. Die jüdische Familie hatte Deutschland ins rettende Exil verlassen können.

Nach seiner durch polnische Auschwitz-Häftlinge erzwungenen Selbstentlarvung verschwindet er und bleibt verschollen. Zuvor hat er aber noch mit Eva geschlafen. Nach seinem Eingeständnis, ein falsches Opfer zu sein, schlägt er sich den Kopf an einer Mauer blutig. Eva nimmt sich seiner an, und sie tun „das Einzige, was man dem allen vielleicht entgegensetzen kann: Sie liebten sich“. Hier entgleitet Hess der wagemutig gewählte Erzählgegenstand.

Nach ihrer Warschau-Reise, vom einstigen Opfer unversehrt, wird Eva in den Schoß ihrer Familie zurückkehren. Weihnachten steht bevor. Das deutsche Haus hat Auschwitz überlebt.

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