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Roman aus Kroatien Die Möwen von Rab

Hinreißend erzählt Zoran Feric in seinem neuen Buch „In der Einsamkeit nahe dem Meer“ von einer verlorenen Sommerwelt in Kroatien.

Am Wasser
Bei Sommerwetter ist vieles angenehmer als bei Glatteis. Foto: rtr

Der Krieg ist Jahre her. Die ersten Serben kommen zurück, um auf einer kroatischen Insel ihren Urlaub zu verbringen. Auf der Hotelterrasse spielen behinderte Musiker. So offen, sogar behindertenfreundlich geht es im neuen, modernen Kroatien zu. Die Touristen aus Serbien klatschen begeistert, denn auch sie sind nicht irgendwelche Serben, sondern offene. Da geht Gavran, der Insel-Playboy, nach vorn und flüstert dem Bandleader einen Musikwunsch ins Ohr. Die Truppe auf dem Podium legt gleich los und spielt arglos ein blutrünstiges Hasslied auf Serben. Das Publikum ist wie vom Donner gerührt. Die serbischen Gäste verlassen schockiert und wutentbrannt den Schauplatz.

Die vertrackte Geschichte wirft ein Licht auf ein unverstandenes Verhältnis. Am gründlichsten üben sich in Versöhnungsrhetorik die, die vorher den Hass gepredigt haben. Aber nicht, weil sie sich geändert hätten. Vielmehr war die nachträgliche Versöhnung in dem Konflikt, den sie geschürt selbst haben, immer schon mitgedacht. Erst zerstreiten wir uns. Der eine vertreibt und ermordet vom anderen die Leute. Danach haben wir beide unseren Staat mit Flagge und Mercedesflotte und machen auf deutsch-französische Erbfreundschaft. Zurück bleibt ein betrogenes Volk, das nichts mehr hat, wofür oder wogegen es streiten könnte. Nur mit Zynismus kann Gavran sich ein wenig Luft verschaffen.

Aus solchen doppelbödigen Episoden setzt sich dieser ganze Roman zusammen; keine davon geht in Begriffen auf, jede lässt eine dauerhafte Irritation zurück. Es sind kraftvolle, starke Erzählungen aus mehr als 35 Jahren im Leben eines Freundeskreises, von Klaus Detlef Olof in ein lebendiges, jugendliches Deutsch übersetzt. Nichts ist dabei verrätselt, künstlich oder wirkt ausgedacht. Um die Liebe geht es, um Mann und Frau und auch um Kroatien und Jugoslawien, in einem Kapitel auch um die Jugend der Großmutter.

Munter geflirtet, geknutscht und gevögelt

Es beginnt in den siebziger Jahren. Gavran, Škembo, Kenjo, Dudo, die Brüder Luka und Boris leben oder verbringen wenigstens den Sommer auf der Insel Rab und paaren sich fröhlich mit Touristinnen aus Westdeutschland, Belgien oder der Tschechoslowakei. In kaum einem zeitgenössischen Roman wird so munter geflirtet, geknutscht und gevögelt, schon gar nicht, wenn es um die zarte Jugend geht. Für Romantik oder gar Kitsch haben die Jungen von der Insel – und ihr Autor – wenig Sinn. Wo es tragisch wird, ist nicht die Liebe schuld, im Gegenteil: Sie zeichnet weich, was sonst nicht auszuhalten wäre.

Hier wird von Liebe aus der Sicht des Mannes erzählt. Die Macho-Posen und die starken Sprüche der „galebovi“, der Möwen, wie hier die Papagalli genannt werden, sind aber nur Vorspiel. Die Erfüllung kommt in der Erschlaffung – auch im übertragenen Sinn.

Den Mann, reflektiert später der erwachsene Luka aus dem Blickwinkel einer Frau, gibt es in drei Darreichungsformen: als Hund, also als Kumpel. Als „romantischen Grobian“, der „Frauen erst beleidigt, um sich dann bei ihnen entschuldigen zu können“. Der „Mann als Kind“ schließlich „kann mit einer Frau leicht und rasch, kann aber nicht lange. Nach einem Mann als Kind bleiben keine schönen Erinnerungen, sondern Schuldgefühle und Übelkeit, die sich später in abstoßende Gleichgültigkeit verwandeln“. Keine unterschiedlichen Charaktere aber sind die drei Männergestalten, sondern Rollen, die die Männer auf der Insel sich übergestreift haben „wie eine Haut zum Wechseln“.

„What you like more, Sex Pistols or Bee Gees?“

Bei seiner ersten Übung in der Kunst der Anmache landet der 15-jährige Luka, der Züge des 1961 geborenen Autors trägt, bei einer viel älteren Slowakin. Bei der zweiten trifft er auf Constanze, eine Friseuse aus Braubach am Rhein. „When do you came?“ Es sind gestammelte Dialoge in falschem Englisch, die doch keine Fragen offen lassen. „What you like more, Sex Pistols or Bee Gees?“ Ausgerechnet in Kroatien, das einem politisch wie ein Musterbeispiel für nationalen Autismus vorkommen muss, springen sie im Alltag mühelos über alle Grenzen, sprachliche wie mentale.

Škembo, der perfekt deutsch sprechende Zagreber Bürgersohn, wird im Zuge seiner sommerlichen Balz unversehens Teil einer deutschen Familie und geht mit ihr auf eine Segeltour, die dann tragisch endet. In reifen Jahren trifft er im Puff in Graz eine junge Rumänin, die offenbar dorthin verschleppt wurde und sich von Škembo nun Hilfe erhofft. Škembo würde ihr auch gern helfen.

Aber dann taucht im Grazer Hotel ein österreichischer Anwalt auf und warnt: Škembo hat sich beim Verkehr mit dem minderjährigen Mädchen selbst strafbar gemacht. Lösen könnte das Problem eine Spende an den örtlichen Verein gegen Human trafficking in Höhe von, sagen wir, 5000 Euro. Westlicher Moralismus trifft östlichen Sarkasmus. Oder ist es umgekehrt? Zwischen Graz und Zagreb liegen knapp zwei Autostunden.

Als der erste von ihnen stirbt, treffen sich die fünfzigjährigen „Möwen“ von damals wieder auf Rab. Sie wollen Gavran begraben, den Frauenhelden. Aber statt seiner liegt eine unbekannte Frau im Sarg, wie die entsetzte Trauergemeinde feststellt. Gavran sei nicht tot, hat Jelena, seine Cousine und große Liebe schon zuvor verkündet, er sei in den Vögeln vor dem Fenster. Jelena hat schon vor Jahren den Verstand verloren, aber sie hat ganz recht. Ein wirkliches Ende kann, darf dieser heitere Roman gar nicht haben.

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