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Rolle der Wehrmacht Er solle die Angelegenheit jetzt der SS überlassen

Der 14. Band des Großwerks zur „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ blickt auf Südosteuropa und Italien.

Hitler (l.) und Mussolini in Rom
Hitler (l.) und Mussolini in Rom, 1938. Rechts in der Gruppe ist Joseph Goebbels zu sehen. Foto: afp

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ ist ein Mammutprojekt von 16 Bänden à etwa 800 Seiten. Herausgegeben wird es im Auftrage des Bundesarchives, des Instituts für Zeitgeschichte und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg von Susanne Heim, Ulrich Herbert, Michael Hollmann, Horst Möller, Dieter Pohl, Sybille Steinbacher, Simone Walther-von Jena und Andreas Wirsching. Zehn Bände sind bereits erschienen.

Geschichte einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Thessaloniki

Nun kam Band 14 heraus, „Besetztes Südosteuropa und Italien“, bearbeitet von Sara Berger, Erwin Lewin, Sanela Schmid und Maria Vassilikou. Es handelt sich um 353 Dokumente in einem halben Dutzend Sprachen. Ich habe nur in den 83, die sich mit Italien beschäftigen, geblättert. Vier Stunden lang. Mehr nicht. Das ist ungerecht. Aber zu den Erkenntnissen eines langen Rezensentenlebens gehört, dass man weiß, dass man immer ungerecht ist. Auch nach mehr als dreißig Stunden könnte ich anschließend kaum mehr als 8000 Zeichen darüber schreiben. Vielleicht mit Hinweisen auf andere Stellen.

Die Vernichtung der Juden von Thessaloniki zum Beispiel wäre ein Thema gewesen. Und eine Gelegenheit, endlich einmal Reklame zu machen für das großartige Buch, das der französische Soziologe und Philosoph Edgar Morin 1989 über seinen Vater veröffentlichte: „Vidal et les siens“. Es ist die Geschichte einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Thessaloniki, in der das Spanisch des 15. Jahrhunderts, Griechisch, Italienisch, Französisch und Deutsch gesprochen wurde. Auch diesem sephardischen Judentum machten die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg den Garaus.

Diskussion über die Rolle der Wehrmacht

Vielleicht wäre ich auch auf die Vortragsnotiz eingegangen, die Unterstaatssekretär Martin Luther am 2. Oktober 1941 dem Reichsminister Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker vorlegte, damit der sie Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop vorlegen sollte. Ein Beitrag auch zur Diskussion über die Rolle der Wehrmacht bei der Judenvernichtung: „Wenn der Militärbefehlshaber mit Benzler (dem deutschen Gesandten in Belgrad) dahingehend einig ist, dass diese 8000 Juden in erster Linie die Befriedungsaktion im serbischen Altreich verhindern, so muss meiner Ansicht nach der Militärbefehlshaber für die sofortige Beseitigung dieser 8000 Juden Sorge tragen. In anderen Gebieten sind andere Militärbefehlshaber mit einer wesentlich größeren Anzahl von Juden fertig geworden, ohne überhaupt darüber zu reden.“

Der Band ist von Anmerkungen übersät. Zu Martin Luther (1895-1945) findet der Leser: 1932 trat er in SA und NSDAP ein; seit 1938 war er Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes; 1941 wurde er Unterstaatssekretär. Nachdem er versucht hatte, seinen Chef Ribbentrop zu stürzen, kam er 1943 ins KZ Sachsenhausen. Im Mai 1945 starb er in einem Berliner Krankenhaus.

Stattdessen also nur ein paar Hinweise aus den 83 sich über etwas mehr als zweihundert Seiten Italien betreffenden Dokumenten. Dokument 1 ist ein Schreiben des Präsidenten der Union der Italienischen Israelitischen Gemeinden an den Propagandaminister und Schwiegersohn Mussolinis, den Grafen Ciano. Felice Ravenna beklagt sich darin über den zunehmenden Antisemitismus. Der Brief stammt vom 24. Januar 1936. Ravenna schreibt: „Ich erlaube mir die Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz auf diese für uns als Italiener und Juden so schmerzlichen Äußerungen zu lenken, da sie die wundervolle Eintracht und den Frieden untergraben, die unter der Obhut des Faschismus und dank seiner großen Verdienste zwischen allen Bevölkerungsgruppen in Italien herrschen.“

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