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Roland Barthes zum 30.Todestag Wie Trauer tötet

Es war der Tod seiner Mutter, der Roland Barthes Anlass gab zu seinen schönsten Werken. Sein erstmals übersetztes "Tagebuch der Trauer" zeigt aber, dass er nie lernte, ohne die Mutter zu leben. Von Arno Widmann

Der französische Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes um 1976. Foto: dpa

Am 25. Oktober 1977 starb Roland Barthes" Mutter. Am 26. Oktober begann der französische Zeichen-, Kultur- und Literaturtheoretiker (1915-1980) ein "Tagebuch der Trauer". Der erste Eintrag lautete: "Erste Hochzeitsnacht. Doch erste Nacht der Trauer?". Es wird viel geweint auf diesen Seiten.

Die plötzlich auftauchenden Erinnerungen und die Grundstimmung tiefer Trauer erzeugen eine Verletzlichkeit, eine ständig das Sentimentale streifende Empfindlichkeit, die vielleicht schwer zu ertragen ist, wenn man sich nicht selbst einmal in einer Situation erlebt hat, in der man tief bewegt, dieser tiefen Bewegung doch gleichzeitig als ein erschrockener Fremder gegenüberstand.

Roland Barthes - das macht seinen Text so schwierig oder aber so schön - hat diesen Abstand nicht. Er vermisst seine Mutter. Er hatte sie acht Monate lang gepflegt. Er hatte Jahre, Jahrzehnte eng mit ihr zusammengelebt, sie waren gemeinsam in den Urlaub gefahren. Wenn er etwas Schönes, etwas Interessantes erlebte, so wurde es noch einmal schöner und interessanter für ihn, nicht nur, weil er es ihr mitteilen konnte, sondern, weil er sich darauf freute, es ihr mitzuteilen.

Er teilte sein Leben mit seiner Mutter. Wie wir alle es einmal taten. Als Kinder. Manche lernen es nicht zu rauchen oder Alkohol zu trinken. Roland Barthes lernte nicht, ohne seine Mutter zu leben. Der letzte Eintrag im Tagebuch der Trauer ist mit dem 16. Juni 1978 datiert. Nicht einmal zwei Jahre später, am 26. März 1980, heute vor dreißig Jahren, starb Roland Barthes.

Neben diesem Tagebuch entstanden Bücher, die zu seinen schönsten gehören: Ausgangspunkt für die Arbeit an "Die helle Kammer. Auslösendes Erlebnis zu "Fotografie" war das von Tränen begleitete Stöbern in der Fotoschachteln seiner Mutter. Damals entstand auch seine Vorlesung über "Das Neutrum" und seine Skizzen für den zu schreibenden Roman "Vita Nova". Der sollte in allen Entwürfen mit einem Prolog "Trauer" beginnen.

Das Neue Leben wäre eines ohne seine Mutter gewesen. Das Buch wurde nie geschrieben. Dieses neue Leben niemals gelebt. Wir Heutigen wissen das. Wir nehmen darum die seltenen Anläufe Roland Barthes" für ein neues Leben in diesen Notizen besonders schwer.

Am 15. Dezember 1978 notiert Roland Barthes: "Wahrscheinlich wird es mir schlecht gehen, solange ich nicht etwas geschrieben habe, das von ihr ausgeht (Photo, oder etwas anderes)". "Ausgehen" ist in seiner Vieldeutigkeit eine wundervolle Übersetzung, aber wie hart ist das französische Original! "À partir d"elle" steht dort.

"Die helle Kammer" war also als eine Bewegung gedacht, die von der Mutter und ihren Fotos ausgehend ein Weg ins Freie, ins neue Leben hatte sein sollen. Man versteht jetzt die Rolle, die das Festhalten des Augenblicks in dem Essay hat, besser. Es ist darin nicht nur die Übersüße der Nostalgie, sondern auch die Verzweiflung über den Klebstoff, der einen festhält an der Vergangenheit.

Wer das Tagebuch der Trauer liest, wird leicht eingelullt von der alles andere überwältigenden Empfindung des Verlusts. Er übersieht leicht die wenigen Augenblicke, da dem Autor dämmert, dass exakt dieser Kummer - "Ich wünsche mir nichts anderes, als in meinem Kummer zu wohnen" - der Strick ist, der ihm die Luft abschneidet, der ihn umbringen wird.

Einer der letzten Einträge, der vom 22. Juli 1979 lautet: "Alle "Rettungen" des Projekts - seines Romans Vita Nova - scheitern. Ich bin plötzlich in der Situation, dass ich nichts zu tun, kein Werk vor mir habe - außer eintönigen Routineaufgaben Es ist als träte erst jetzt (bisher verzögert durch eine Serie von Trugbildern) mit aller Klarheit hervor, wie ernst sich die Trauer auf die Möglichkeit auswirkt, ein Werk zu schreiben."

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