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Rock im Buch Zwei Kilo Rock

Der dritte sorgfältige Band der großen Genre-Werkschau ist da – ein Vergnügen!

Im Mai kommt die legendäre Rockband Kiss auf Deutschlandtournee. Das sind die vier mit der Schockschminke und den Plateauschuhen aus dem vorigen Jahrtausend. Nix wie hin. Aber was sollte ich vorher unbedingt noch mal angehört haben, um die entscheidenden Stellen mitzusingen, im passenden Moment die lange Zunge herauszustrecken – und vor allem: Was muss ich mir an Fan-Utensilien zulegen?

Wichtige Fragen wie diese beantwortet ein unlängst erschienenes Nachschlagewerk mit zwei Kilogramm Gewicht: „Rock“, Teil 3, eine Fleißarbeit des Genre-Magazins „Eclipsed“. Es nimmt für sich in Anspruch, „das Gesamtwerk der größten Rock-Acts“ überprüft zu haben – „alle Alben, alle Songs“. Im „Check“ sind, wie schon in den beiden vorangegangenen und von der Kritik hochgelobten Teilen, insgesamt 20 Bands plus drei herausragende Köpfe dieser Gruppen.

Also dann: Was brauche ich fürs Kiss-Konzert? Auf jeden Fall das Album „Destroyer“ aus dem Jahr 1976. Es firmiert in der höchsten Kategorie „Kaufrausch (Sofort zugreifen! Absolut unverzichtbar!)“ und enthält unter anderem den nach Einschätzung der Verfasser zweitbesten Song der Band: „Detroit Rock City“. Bestes Lied ist demnach „Rock And Roll All Nite“ vom freilich nur als „Pflichtkauf“ (zweitbeste Kategorie) eingestuften Album „Dressed To Kill“ (1975). Und auf Platz 3 der tollsten Kiss-Klassiker: „I Was Made For Loving You“ (Album „Dynasty“, 1979, „Qualitätskauf“, dritte Kategorie).

Spannende Insider-Frage: Wird das sogenannte Was/Were-Phänomen thematisiert? Die Hälfte der Schulklasse schwor damals, die Band singe im Original „I was made for loving you, Baby, you was made für loving me“, egal wie oft die Englischlehrerin darauf bestand, dass es in der zweiten Hälfte „were“ heißen müsse. Nein – das Phänomen kommt im Buch nicht vor. War aber womöglich auch nur ein Phänomen des ersten Jahres Englischunterricht.

Thematisiert sind aber Wurzeln, musikalische Verwandtschaft und Erben der Combo – und die riesige Zahl an Fan-Artikeln, von der Zahnbürste über den Kiss-Flipper bis zum Sarg mit Bandaufdruck. Das wäre fürs Konzert ein wenig unhandlich. Aber gut zu wissen. Insofern: Der Rockfreund darf sich bestens informiert fühlen auf insgesamt 16 Kiss-Seiten einschließlich Zeitleiste, vielen Tabellen und unzähligen Fotos.

Dasselbe gilt für die anderen verzeichneten Künstler. Dass Dire-Straits-Boss Mark Knopfler früher Journalist war: steht drin. Dass du von Grobschnitt das Album „Rockpommel’s Land“ aus dem Jahr 1977 unbedingt brauchst (auch wenn es leider im Original einen Apostroph enthält), „Kinder und Narren“ (1984, Kategorie „Fehlkauf“) aber nur als ganz harter Sammler: steht drin. Dass Carlos Santana in Woodstock das Gefühl hatte, auf einer elektrischen Schlange zu spielen (LSD): steht drin. Dass Frank Zappa „eine Maschine“, U2-Sänger Bono politisch und Van-Halen-Sänger David Lee Roth „abgehalftert“ ist: steht drin. Besonders erwähnenswert: der Versuch, Zappas Gesamtwerk aufzuzählen, was schon fast ins Telefonbuchhafte ausartet. Ob alles drin ist, weiß der Himmel. Aber eine tolle Fleißarbeit.

Über die Einordnung der einzelnen Alben in die fünf Kategorien lässt sich natürlich jeweils stundenlang streiten, ebenso über die nicht mehr in den Griff zu kriegende Marotte, jeden Bandnamen mit Plural-Verben zu koppeln („Grobschnitt haben“, „Kansas sind“, „Foreigner wollten“). Aber auch dieses dritte dicke Buch der „Rock“-Serie ist wieder ein großes Vergnügen, eine wochenlange Beschäftigung für alle, die es genau wissen wollen.

Insgesamt plant die „Eclipsed“-Redaktion fünf solcher Verzeichnisse mit zusammen 100 Bands; zwei Bücher stehen also noch aus. Das Prinzip: Die „allergrößten Acts“ abbilden, dazu eine bunte Mischung und etwas zum Entdecken, schildert Autor Christoph Rehe. „Wir haben teilweise bewusst aufgeteilt (etwa die Stones in Teil 1, die Beatles in Teil 2, die Kinks in Teil 3), um immer eine der großen Drei aus den 60ern in einem der drei Bände zu haben“, sagt er. „Ebenso Künstlerinnen: Kate Bush (Teil 1), Patti Smith (Teil 2), Joni Mitchell (Teil 3) oder deutsche Acts: Can & Kraftwerk (Teil 1), Eloy (Teil 2), Grobschnitt & Tangerine Dream (Teil 3).“

Und wer jetzt (berechtigterweise) beleidigt ist, weil Boston immer noch nicht dabei war: In einer der nächsten beiden Ausgaben kommt die Band garantiert an die Reihe, verspricht Rehe. Gesetzt für Teil 4 sind bereits die Beach Boys, Journey, Gentle Giant und Van Morrison. Er erscheint voraussichtlich Ende 2018. Aber im Mai kommt ja sowieso erst mal Kiss.

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