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Robert Spaemann Autobiographie Nichts ist erledigt

Der Philosoph Robert Spaemann hält es mit Karl Kraus und sagt, "ich interessiere mich nicht für meine Privatangelegenheiten". Dennoch schreibt er eine Autobiographie. Ist das ein Widerspruch?

26.06.2012 17:12
Von Dirk Pilz
Robert Spaemann, geboren 1927 in Berlin. Foto: dpa

Da sagt einer, dass er sich nie überlegt habe, was für ein „Jemand“ er habe sein wollen, weil er eine gewisse Abneigung gegen Reflexionen über seine Person hege, weswegen er das Wort von Karl Kraus liebe: „Ich interessiere mich nicht für meine Privatangelegenheiten.“ Und dennoch schreibt er eine Autobiographie. Ist das ein Widerspruch?

Es ist ja keine Selbsterzählung, jedenfalls keine gewöhnliche. Robert Spaemann, der Philosoph, vor 85 Jahren geboren, hat sich von Stephan Sattler, seit 20 Jahren Kultur-Chef beim Focus, befragen lassen. Es sind lange, geduldige Gespräche über Gott und die Welt, und das heißt für Spaemann: über eine philosophische Welt, in der Gott keine bloß historische Fußnote ist. Wichtig ist, sagt Spaemann, was immer ist. Und immer ist: Gott. Dass dieser Gott für ihn aus katholischem Hause kommt, ist nicht entscheidend. Aber die Haltung, die Spaemann als Gläubiger mitbringt. Er nennt es die „Haltung des Vertrauens“. Sie steht für ihn nicht zur Disposition, was ihn jedoch keineswegs daran hindert, frei zu denken. Im Gegenteil: „Der Gläubige hält mehr für denkbar und für möglich als der Ungläubige, dessen Hintergrundüberzeugungen oft ähnlich unerschütterlich sind wie die des Offenbarungsgläubigen.“

Es ist (auch) diese Freiheit des Denkens, die Spaemanns Philosophie Größe verleiht. Sie will niemand gefallen und muss keiner Mode hinterherrennen. Sie will verstehen, ohne Denkverbote und ohne Rücksicht auf die Wetterwendungen des Zeitgeistes. Jeder Zeitgeist bestehe aus einer Ansammlung von Vorurteilen, die Selbstverständlichkeit beanspruchen, so Spaemann. Die Aufgabe der Philosophie bestehe deshalb darin, über das Selbstverständliche nachzudenken.

Ein früher Atomkraft-Gegner

Er hat das immer wieder getan in seinem philosophischen Leben. Die kriegerische und friedliche Nutzung der Atomkraft hat er bereits, sehr überzeugend, abgelehnt, als alle Welt noch an ihren Nutzen glaubte, das Zerbrechen Europas schon befürchtet, als kaum jemand sich die derzeitige Krise vorstellen konnte. Und dass heute von Europa als „Wertegemeinschaft“ die Rede sei, erinnere an die Wertegemeinschaft, „die wir zwölf Jahre hatten und die an die Stelle einer Rechtsordnung getreten ist“. Auch Demokratien seien nicht gefeit gegen die Tyrannei der politischen Korrektheit, gegen das, was Carl Schmitt die „Tyrannei der Werte“ nannte. Wie wahr das ist, kann heute täglich erfahren werden.

Zehn Kapitel und ein Glossar hat dieses Buch. Spaemann spricht über seine Jugend im Dritten Reich und den Wunsch, Mönch zu werden, über die Lehrjahre bei seinem Doktorvater Joachim Ritter, die Professuren in Stuttgart und Heidelberg, die zwei Jahrzehnte an der Universität in München. Er spricht von seinen Freunden Ernst-Wolfgang Böckenförde und Heinrich Böll, von Diskussionen mit Studenten während der 68er-Erregungen, von den Begegnungen mit Papst Johannes Paul II. und seiner Berufung in die Päpstliche Akademie für das Leben. Er spricht auch von seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern. Das Thema dieses Buches ist aber seine Lieblingsleidenschaft: die Philosophie.

"Lass dir Zeit" beim Lesen

Diese Autobiographie ist damit auch eine Einführung in sein Lebenswerk und Anstiftung zum Lesen seiner Bücher und Aufsätze. Es trifft sich gut, dass jetzt auch der zweite Band seiner gesammelten Reden und Aufsätze vorliegt. Vieles, was Spaemann in den Gesprächen eher kursorisch erwähnt, seine Bezüge auf Thomas von Aquin, sein Verständnis der Moderne als Projekt der Selbsttäuschung, lässt sich hier genauer studieren. Man macht dabei die Bekanntschaft eines fröhlichen Skeptizismus. Fortschritt in der Philosophie!, fragt sich Spaemann. Aller Fortschritt in der Philosophie wie in der Theologie ist immer ein „Zurückkommen auf Früheres“. Denn der jeweils nächste Schritt integriere nie restlos, was vorher gedacht wurde: Nichts in der Philosophiegeschichte ist erledigt, es wird allenfalls zeitweise beiseite gelegt.

Spaemann ist einer, der das vorschnell Weggeräumte wieder hervorzieht. Und nur das Vorurteil, die oberflächliche Lektüre erkennt in dieser Haltung einen Konservativen. Denn Konservativen fehlt, was Nietzsche einmal als Maxime für jeden ernstzunehmenden Philosophen ausgegeben hat: „Nicht ungedacht lassen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden kann.“ Hierin (nur hierin) ist Spaemann Nietzsche immer gefolgt.

Leider ist dieses Buch schlecht (oder womöglich gar nicht?) lektoriert, auch das bleibe nicht unerwähnt. Oder warum gibt es die vielen Redundanzen? So erzählt Spaemann drei mal hintereinander, dass er Pädagogik nie studiert habe, dennoch aber Assistent bei dem Pädagogikprofessor Ernst Lichtenstein in Münster wurde.

Der Gruß unter Philosophen, hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein empfohlen, sollte sein: „Lass dir Zeit.“ Das sollte nicht nur der Gruß unter Lektoren, sondern auch der unter Lesern sein, dieses Buches besonders.

Robert Spaemann: Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen. 350 S., 24,95 Euro

Robert Spaemann: Schritte über uns hinaus. Gesammelte Reden und Aufsätze II. 347 S., 29,95 Euro – Beide Bände sind im Klett-Cotta Verlag Stuttgart erschienen.

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