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Robert Macfarlane Die Gedanken in Bewegung schütteln

Der britische Autor Robert Macfarlane über den Rhythmus der Füße und der Sätze, das Sammeln von raren Wörtern und die Frage, warum er nicht über Idioten schreibt.

„Ich bin besessen vom Rhythmus meiner Sätze“, sagt Robert Macfarlane. Foto: Rosamund Macfarlane

Herr Macfarlane, „Alte Wege“ ist ein Titel, der etwas Nostalgisches ankündigen könnte. Aber Ihr Buch ist so gar nicht nostalgisch im Ton.
Nein, ich empfinde keine Nostalgie für die Jurassic Era, also den Jura, auch nicht für das 19. Jahrhundert, für das Tragen von Kaninchenhäuten. Ich wollte fortschrittlich schreiben, denn eine tiefe und nuancierte Bekanntschaft mit den Landschaften, in denen wir leben und durch die wir uns bewegen, ist fortschrittlich in einer Zeit, die wir zunehmend vor Bildschirmen und mit wundersamen Technologien verbringen. Wir vergessen dabei leicht, wie verstrickt wir mit der Natur, mit den Landschaften sind, mit Bergen und Seen. Ich bin froh, dass Sie mein Buch nicht für nostalgisch halten. Darf ich Sie fragen, warum?

Weil Bücher, die sich mit dem Wandern beschäftigen, gern so tun, als könne man mittels des Zufußgehens zurück in eine bessere Zeit. Das scheint gar nicht Ihr Thema zu sein.
Nein. Ich bin zunehmend fasziniert davon, wie das, was wir Wildnis nennen und das Menschliche untrennbar werden. Wanderfalken lassen sich überall in Großbritannien in Städten nieder, die Wölfe verbreiten sich wieder über Europa. Wanderfalken kommen in Städten so gut zurecht, weil sie beim Licht der Straßenlaternen jagen können. Sie können 24 Stunden am Tag jagen, sie leben sozusagen neben einem Imbiss, der die ganze Nacht geöffnet hat, neben einem Laden voller Tauben. Sie sind eine schöne wilde Spezies, die wegen unserer Aktivitäten gedeiht.

Ich hatte beim Lesen den Eindruck, Sie treten ein Stück zurück. Wollen Sie trotzdem auch politische Aussagen treffen?
Nicht wie ein Protestmarschierer oder einer, der ein Manifest verfasst. Es schien mir jedoch immer, dass eine gewisse Art der Betrachtung nicht politisch, wohl aber ethisch ist. Ich will Bücher schreiben, die die Beziehungen der Menschen zu den Kreaturen und Kulturen, mit denen sie den Raum teilen, vertiefen und in Frage stellen. Ich will mit einem scharfen Auge schreiben. Barry Lopez’ „Arctic Dreams“ zeigte mir, dass die Präzision des Blickes in gewisser Weise politisch sein kann. Umweltschützer und Lehrer, Aktivisten und Wohltätigkeitsorganisationen haben auf meine Bücher reagiert – manche Leute schmeißen meine Bücher auch quer durchs Zimmer. Bücher führen unerwartete Eigenleben.

Was sind die „alten Wege“ Ihres Buches?
Diese Wege sind überall, sie sind in jedem Land. Denn wenn wir gehen, lassen wir Spuren zurück. Als ich den ersten in meinem Buch beschriebenen Weg nahm, merkte ich, dass ein Pfad nahe meines Zuhauses zu einer römischen Straße führte, die auf einen alten Feldweg führte ... man kann sich 5000 Jahre zurück in die Vergangenheit bewegen, wenn man nur zehn Meilen geht. Die ganze Welt ist kreuz und quer von unseren Wegen durchzogen. Wir lassen unsere Abdrücke zurück, als Gehende – und als Schreibende.

Sie schreiben nuanciert über Farbschattierungen, Wolkenformationen, Wetterzustände, so habe ich mich gefragt: Machen Sie sich Notizen, während Sie gehen?
Ja, ich mache mir Notizen, normalerweise am Ende eines Tages. Ich habe kein gutes Gedächtnis für Sprache, obwohl ich an der Universität lehre, aber ich habe ein gutes visuelles Gedächtnis. Wenn ich von einer Wanderung, einem Treffen, einem Gespräch zurückkomme, setze ich mich so bald wie möglich hin und schütte die Erinnerung auf die Seite – in einem großen Kuddelmuddel. Und dann bringe ich Jahre damit zu, die Dinge geradezubiegen. Ich hatte viel Glück mit meinen deutschen Übersetzern, denn ich bin besessen vom Rhythmus meiner Sätze. Ich lese mir meine Bücher immer laut vor, um den Rhythmus zu verbessern.

Aber Sie verwenden auch ungeheuer ausgefallene Wörter, Ihre Übersetzer müssen Sie hassen.
(Lacht). Ja, ich hatte viel Glück, sie waren sehr geduldig. Aber mein jüngstes Buch, „Landmarks“, ist vermutlich unübersetzbar. Es enthält 2500 spezielle Wörter aus 33 Sprachen und Dialekten der britischen Inseln in neun, zehn Listen. Ich denke, da werden selbst meine deutschen Übersetzer die Waffen strecken.

Ich habe gelesen, dass Sie für dieses neue Buch Menschen gebeten haben, Ihnen ausgefallene Landschafts- und Wetterwörter zuzuschicken.
Briefe und Postkarten kamen aus der ganzen Welt, von allen Ecken Großbritanniens. So viele Wörter. Und so präzise Wörter für Wetter und Ort.

Warum baten Sie um Wörter?
Im Jahr 2007 hat das „Oxford Junior Dictionary“, das ist das gebräuchliche Schulwörterbuch, eine neue Ausgabe herausgebracht. Viele grundlegende Naturbezeichnungen waren daraus verschwunden, acorn, bluebell, wren, conker. Das faszinierte mich als Symptom eines Bildungsverlusts. Ich wollte herausfinden, welche Sprache für unsere Landschaft wir einst gehabt und verloren haben. Dieses lexikographische Projekt hat ein Eigenleben entwickelt. Deutsch ist so eine flexible Sprache, glauben Sie denn, dass das Deutsche ein reiches Naturvokabular hat? Vermutlich regional?

Ja, ich denke schon. Eigentlich aber denken wir Deutschen immer, Englisch sei viel flexibler.
Das Englische hat viel aufgenommen. Und das schottische Gälisch – ich habe einen schottischen Familienhintergrund – reagiert unglaublich auf Landschaften und Orte, denn es entstand im Kontext schwerer körperlicher Arbeit, in dem es nötig war, präzise zu sein beim Sprechen über Wetter, Wellen, Meer, Licht. Wandern Sie eigentlich auch?

Ja.
Wo waren Sie schon?

Im Lake District etwa, in Neuseeland, Schottland, Grönland.
Oh, ich reise im August, September nach Grönland!

Hat das mit Ihrem nächsten Buch zu tun? Sie sollen an einem über den Untergrund unserer Welt arbeiten?
Ja, über Unterwelten in der Vorstellung und in der Realität. Das ist ein Grund, warum ich nach Grönland reise, um ins Innere der Gletscher zu gelangen – ich hoffe, sie bewegen sich nicht zu sehr. Es geht um die Welten unter unseren Füßen, um Dunkelheit, das Unterirdische. Das Buch wird weit zurückgehen in der Erdzeit und wird vermutlich in einer Lagerstätte für Atomabfälle enden. Denn der Untergrund hat mit Dingen von Wert – seien es Minerale, Metalle, Metaphern – zu tun, aber dort lagern wir auch Dinge, die wir loswerden wollen: Erinnerungen, Geister, nukleare Abfälle. Es stellt sich als sehr schwieriges, sehr zeitraubendes Buchprojekt heraus, das mich insgesamt vielleicht sieben Jahre kosten wird. Ich werde viel Zeit im Dunkeln verbringen.

Aber Sie schreiben selten über die körperlichen Strapazen Ihrer Reisen und Wanderungen. Warum?
Ich interessiere mich weniger für männliche Heldentaten und Ausrüstungsfragen. Ich interessiere mich dafür, wie wir unsere Körper in Kontakt bringen mit der Welt. Deswegen fasziniert es mich, an seltsamen Orten draußen zu schlafen, zu klettern, die Welt zu berühren. Und wie mich die Welt zurückberührt. Meine Bücher sind eher metaphysisch als physisch, insofern, als ich Geschichte, Erinnerung, Imagination des Gehens erforsche, wie auch die Welt, die jeweils zur Hand ist.

Glauben Sie, dass das Gehen, als simple Fortbewegung auf zwei Beinen, eine bedrohte Spezies ist?
Ha! Das haben Sie schön gesagt. Ich bin 1000 Meilen und mehr gegangen, ich bin in China, Spanien, Palästina, England gewandert und habe so viele Menschen getroffen, für die das Gehen nicht nur der Fortbewegung diente, sondern eine lebensnotwendige Technik, ein Weg war, die Welt und sich selbst zu verstehen. Ob das ein Umweltschützer, eine Umweltschützerin war, der durch seine oder ihre Landschaft gehen musste, um zu sehen, was dort passierte, oder bemerkenswerte Leute, für die das Gehen untrennbar verbunden war mit dem Denken. Aber zu Ihrer Frage: Ja, in mancher Hinsicht. Wir machen verständlicherweise mehr Gebrauch von Maschinen, die uns von Ort zu Ort bringen, ich auch. Ich bin nach Deutschland geflogen und mit der Tram dorthin gefahren, von wo ich nun mit Ihnen spreche. Aber, seltsamerweise, wir brauchen das Gehen mehr und mehr, je mehr wir es verlieren, und wir wenden uns ihm mehr und mehr zu. Die Kultur des Gehens gedeiht. Als ich mit meinem Freund Raja Shehadeh durch die umkämpften Gebiete der West Bank gegangen bin, sagte Raja: Hier ist man verrückt, wenn man zu Fuß geht. Man ist verrückt, weil es gefährlich ist, weil es heiß ist, weil das Leben ohnehin schon hart genug ist. Aber für Raja war das Gehen eine Art ziviler Ungehorsam und eine Möglichkeit der Erforschung von Orten, an die er anders nicht hätte gelangen können. Ja, wir vergessen das Gehen, einerseits, gleichzeitig bedürfen wir seiner zutiefst.

Was passiert in unserem Kopf, mit unserem Denken, wenn wir gehen?
Viele, viele Dinge. Es gibt nicht den einen Weg, zu gehen. Und jeder, der Ihnen sagt, Sie können sich Erleuchtung so oder so erwandern, ist ein Betrüger. Es gibt eine lange philosophische Tradition von Augustus zu Nietzsche, zu Wittgenstein, in der das Gehen ein Mittel ist, die Gedanken in Bewegung zu schütteln. Dafür habe ich viel Sympathie. Meine eigene Erfahrung ist: Während der ersten zehn Meilen einer Wanderung sind Sie glücklich, während der zweiten zehn Meilen sind Sie nachdenklich, während der dritten zehn Meilen wird jedes Denken abgeschafft. Alles, woran Sie noch denken können, sind Ihre Blasen. Eine Wanderung hat, wie eine Idee, viele Phasen.

Aus Ihrem Buch habe ich mir den Satz aufgeschrieben: Das Gehen sollte nicht als primitive Handlung missverstanden werden. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass man sich vorwärts bewegen kann wie eine Maschine, wie automatisch.
Ah, ich bin vier Jahre, nachdem ich das geschrieben habe, ein wenig anderer Meinung mit mir selbst. Das Gehen ist die älteste Form der Fortbewegung und zusammen mit dem Herzschlag ist der Schritt der andere große Rhythmus des menschlichen Körpers. So ist das Gehen einerseits so alt wie unsere Spezies, wir sind Zweifüßer, und ist doch auch vielen zeitgenössischen Anwendungen ausgesetzt, wie zum Beispiel Protestmärsche. Es wird als Fortbewegungsart nicht einfach zurückgelassen. Das Gehen ist keine nostalgische Tätigkeit, es ist eine Vorwärtsbewegung und ein Vorwärtsdenken.

Doch glaube ich, dass die Menschen teilweise verlernen, was ihnen draußen zustoßen kann.
Ja, aber ich denke nicht, dass man weit gehen muss, um etwas zu entdecken oder sich überraschen zu lassen. Das kürzeste Kapitel in „Die alten Wege“ ist das letzte, das auch von der kürzesten meiner Wanderungen erzählt, als ich den 5000 Jahre alten Fußspuren eines Paares folgte, das einst auf nassem Sand ging. Diese Strecke war nur 30 Fuß lang, auf einem Strand nahe Liverpool, aber ich werde diese Schritte nie vergessen. Man muss nicht wochenlang durch die Berge gehen, um Erleuchtung zu entdecken. Es hat mehr mit der Offenheit des Blicks zu tun, mit der Bereitschaft, Dinge zu bemerken.

Erwarten Ihre Leser, dass Sie ihnen Wandertipps geben?
Ich erhalte viele Briefe und manchmal fragen die Leute: Wo kann ich hinwandern? Manchmal wollen sie wissen, was sie mitnehmen sollen. Und manchmal fragen sie: Können Sie mich mitnehmen? Ich bemühe mich, allen zu antworten. Manche Leute versuchen auch, die Wege aus meinen Büchern nachzugehen und schicken mir dann erstaunliche Briefe von diesen Orten. Eine Person war sehr enttäuscht, dass sie an einem bestimmten Ort, an dem ich Raben gesehen hatte, keine Raben gesehen hat (lacht). Aber ich kann für die Tierwelt keine Garantie übernehmen.

Ihr Buch handelt auch in nicht geringem Maße von Menschen, die Sie treffen.
Mich haben immer Menschen fasziniert, die ein tiefes Wissen über eine bestimmte Landschaft haben, die Besessene sind. Und ich liebe Spezialisten und lerne von ihnen. Beinahe alle Menschen, die in meinem Buch vorkommen, sind auf die eine oder andere Art besessen.

Den Künstler Steve Dilworth habe ich gegoogelt, er macht ganz außergewöhnliche Dinge.
Ja, er hat für mich ein bronzenes Ei hergestellt und mit seinen Alpträumen und Sünden gefüllt, wie er mir erklärte. Er hat es versiegelt und mir für meine Reisen in der Unterwelt gegeben. Wenn ich den tiefsten Punkt erreiche, den ich je erreichen werde, soll ich diesen bronzenen Sarg an diesem tiefsten Punkt zurücklassen und ihn so entsorgen. Auf diese Weise wird Steve nun auch eine Figur in meinem nächsten Buch sein.

Wenn Sie über Ihre Wege und Wanderungen schreiben, sind Sie immer ehrlich?
Ich verfälsche nicht, aber ich lasse Dinge weg – wie es jeder Schreiber tun muss, Schreiben ist Auswahl. Ein englischer Kritiker sagte über „Die alten Wege“: „Tolles Buch, aber es kommen darin keine Idioten vor. Wann immer ich reise, treffe ich Idioten. Wo sind all die Idioten?“ Und ja, ich habe Idioten getroffen, aber ich fand sie nicht sehr interessant, also habe ich nicht über sie geschrieben. Ich bin also ehrlich, aber ich lasse Menschen weg. Oder mein Essen. Denn wenn ich Bücher anderer Leute lese, interessiere ich mich nicht sehr für Beschreibungen ihres Essens oder ihrer Zugfahrten. Ich möchte immer nur Sätze schreiben, die sich leicht schräg, leicht sonderbar anfühlen.

Interview: Sylvia Staude

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