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Robert Harris „Dictator“ Der Redekünstler

Historische Figuren aus Fleisch und Blut: Der britische Bestsellerautor Robert Harris schließt seine Trilogie über den römischen Staatsmann Cicero ab.

Anspielungen auf die Aktualität: Robert Harris. Foto: Heyne Verlag

Auf der Insel erlebt Latein eine Renaissance. Londons altphilologisch geschulter Bürgermeister Boris Johnson entzückt Freund und Feind mit meist unübersetzbaren Sprüchen, die „Times“ hat gerade ihr lateinisches Kreuzworträtsel wiederbelebt, die charismatische Professorin Mary Beard von der Uni Cambridge lässt in regelmäßigem Abstand bei der BBC die versunkene Epoche auferstehen.
Ein wichtiger Anteil am Latein-Interesse fällt Robert Harris zu. Der gelernte Journalist hat seit dem Bestseller „Vaterland“ (1992) immer wieder politische Romane geschrieben, gleichzeitig wollte er wegkommen vom zeitgenössischen Politik-Thriller, wie er jetzt im „Guardian“ schreibt.

Und so ging er rund 2000 Jahre zurück: Erst erzählte „Pompeji“ (2003) die Ereignisse rund um den Ausbruch des Vesuvs nach. Dann begann Harris’ Beschäftigung mit Marcus Tullius Cicero, dem Staatsmann und Schriftsteller aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Der Autor schlüpfte in die Rolle von Ciceros langjährigem Vertrauten Tiro, der eine später verschollene Biographie über sein Idol verfasst hat. „Imperium“ (2006) und „Titan“ (2009) folgt jetzt der dritte Band der Cicero-Trilogie: „Dictator“ zeichnet die letzten 15 Jahre des schillernden Politikers nach, von der überhasteten Flucht aus Italien vor den Catilinariern bis zu seiner Hinrichtung im Jahr 43 vor Christus auf Befehl des zweiten, von Marcus Antonius angeführten Triumvirats. Wie die beiden Bände zuvor ist auch dieses Buch in sich abgeschlossen.

„Dictator“ stellt vielleicht noch mehr als seine beiden Vorgänger eine Hommage dar an den vielgeschmähten Beruf des Politikers, allen Kehrtwendungen, faulen Kompromissen und peinlichen Demütigungen zum Trotz, die Harris aufblättert. Cicero galt der Geschichtsschreibung ja lange Jahre als Prototyp eines wetterwendischen, unzuverlässigen Mannes – im Gegensatz zu Gaius Julius Cäsar, dessen Loblied nach Theodor Mommsen auch Generationen von Lateinlehrern sangen. Ganz falsch, findet Harris, und lässt sein Alter ego Tiro auflisten, was der Abkömmling eines alten römischen Geschlechts von seinen Feldzügen ungerührt nach Rom berichtete: Zehntausende, Hunderttausende von „Barbaren“, also Gallier, Helvetier, Bojer grundlos hingemeuchelt, ein klarer Fall von Völkermord.

Dagegen Cicero: in seinen eigenen Mitteilungen widersprüchlich, die brutalen Zirkusspiele Roms wie generell Gewalt verabscheuend, ein patriotischer Anhänger der untergehenden Republik. Weder war er gesegnet mit Clan-Verbindungen noch mit großem Reichtum. Seine Macht bestand in der Redekunst, und die kam nur in geordneten Verhältnissen, im Senat, auf dem Forum zur Geltung. Wo Waffengewalt triumphierte, musste einer wie Cicero immer den Kürzeren ziehen.

Die beiden früheren Bände enthielten klare Anspielungen auf den US-Krieg gegen den Terror, auch auf Tony Blairs Wandel vom Hoffnungsträger der europäischen Sozialdemokratie zum zunehmend einsamen, als Pudel der Amerikaner verunglimpften Premierminister. Die Enttäuschung, die Missbilligung, die Wut über zeitgenössische Entwicklungen scheint sich Harris von der Seele geschrieben zu haben, nicht zuletzt in den zwischendurch erschienenen Romanen „Ghost“ (2007), eine mehr als deutliche Parabel auf Blair, und „Angst“ (2011), in dem es um die unheimlichen Akteure des globalen Finanzmarktes ging.

Auch in seinem jüngsten Buch gelingt es Harris, historische Figuren zu Fleisch und Blut werden zu lassen. Nicht zuletzt weist er den Frauen Roms jene wichtigen Rollen zu, die jene gewiss spielten, ohne sich selbst am Geschacher um Ämter, Macht und Einfluss beteiligen zu können. In seinen Anspielungen auf die Gegenwart bleibt er sparsamer, was dem Roman guttut.

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