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Road-Novel Was willst du heutzutage schreiben?

Lucy Fricke belässt es in „Töchter“ beim gescheiten Unterhaltungsroman.

Lucy Fricke. Foto: Dagmar Morath Fotografie

Das Buch „Töchter“ der in Berlin lebenden Autorin Lucy Fricke erzählt eine fast schon alte Geschichte wieder neu. Zwei Frauen (hier: Anfang 40) sind mit einem Auto unterwegs (einem wie immer nur noch in Teilen fahrtüchtigen), begegnen Durchschnittsleuten und Unikaten. Den Frauen kommt das selbst bekannt vor. „,Was soll das eigentlich werden‘, fragte ich. ,Thelma und Louise?‘ ,Die waren jung, sexy und unterdrückt‘, sagte Martha. ,Guck uns an, wir sind nicht mal unterdrückt.‘ ,Tschick?‘, probierte ich weiter. ,Das waren Jungs. Wir sind Frauen kurz vor den Wechseljahren. Ich hoffe, das willst du nicht vergleichen.‘“ Es ist schwierig, als kulturell interessierter Mensch etwas Neues zu erleben, aber, klar, es bleiben immer Unterschiede.

Der Tod sitzt mit im Wagen (wie so oft), denn es ist Marthas krebskranker Vater, der die Reise veranlasst hat. Martha und ihre gute Freundin Betty (die Erzählerin) sollen ihn in den Süden zum Sterben fahren. „,So, dann wollen wir mal‘, sagte Kurt wieder, als er auf der Straße neben mir stand, und er ging voraus, seine Krücke klopfte auf den Asphalt. Diesen Satz würden wir noch oft hören, da war ich mir sicher. Wann immer eindeutig war, dass niemand konnte, sich niemand traute, musste es einen geben, der es sagte: ,Dann wollen wir mal.‘ Mit diesem Satz ging man los, um sich das Leben zu ruinieren.“

Bald gestaltet sich alles allerdings kompliziert und schließlich noch komplizierter. Dinge sind nicht, wie sie scheinen, Reiseziele werden variiert, Schicksal, Vergangenheit und die Mafia mischen sich ein. „Töchter“ bekommt an solchen Stellen Züge einer Groteske, aber da ist dann Betty vor, und Martha auch, und alles bekommt einen Dreh ins Ironische statt in den Irrwitz, der sich seiner ja nicht zu permanent bewusst sein darf, wenn er seine ganze Wucht entfalten soll. Aber Betty hat schon eine gute Übersicht. Die Mafiaerzählung einer unerwartet auftauchenden Person fordert Betty zu folgendem Kommentar heraus: „,Das ist doch alles nicht wahr! Da müssen Sie mir schon mehr liefern!‘ In Situationen, die mir fremd waren, sprach ich manchmal Sätze wie aus Vorabendserien. Ein peinliches Phänomen, das mir erst vor kurzem aufgefallen war.“

Betty ist sehr reflektiert, und als sehr reflektierter Mensch, der noch dazu beruflich schreibt, hat sie die Schwierigkeit, immer alles schon wiederzuerkennen, alles einordnen zu können. Auch mit Schriftstellerinnen kennt sie sich, da sie selbst Schriftstellerin ist, aus. „Manche arbeiten auch, also nüchtern. Die schreiben morgens. Jeden Morgen, wenn die Kinder weg sind. So sind dann auch die Bücher.‘ ,Wie?‘ ,Sauber. Bücher, die jedem gefallen.‘ ,Ist doch nicht schlecht‘, sagte Martha. ,Aber sinnlos. Jedenfalls für mich. Was willst du schreiben, wenn jeden Tag die Bomben hochgehen, wenn Leute sich in die Luft sprengen, mit LKWs über die Promenaden brettern und jeden überrollen, der bis gerade eben versucht, glücklich zu sein. Wenn Jungs mit einer Axt in den Regionalzug einsteigen oder mit einer Glock ins Einkaufszentrum ziehen ... .“ Selbstverständlich ist Betty bewusst, dass sie sich soeben um Kopf und Kragen redet („ich konnte gar nicht mehr aufhören ...“). Andererseits geht Fricke – und Betty auch, aber Betty weiß es als Romanfigur nicht besser – über die nun wirklich interessante Frage hinweg, wo sich „Töchter“ hier positionieren würde. Schreibt Fricke womöglich ein Buch, das zu schreiben Betty sinnlos fände? Schreibt Fricke umgekehrt tatsächlich ein Buch, das nicht sauber ist (was ist noch gleich ein sauberes Buch?) und nicht jedem gefällt (wer ist noch gleich jeder)? Und was für Bücher schreibt eigentlich Betty (deren nicht vehementer Arbeitseifer allerdings sympathisch ist)?

Betty ist eine gute Beobachterin, und sie tritt immer einen Schritt zurück. Sie ist eine wunderbar unterhaltende Erzählerin, aber sie sorgt auch dafür, dass „Töchter“ ein Unterhaltungsroman ist. Aber was heißt hier aber? Aber heißt hier, dass „Töchter“ auch ein ganz schön böses Buch hätte werden können. Manchmal denkt man, sofern man dieser Ansicht ist – das muss man nicht, man kann „Töchter“ kichernd durchlesen und dabei das eigene Verhältnis zu Vater und Mutter Revue passieren lassen –, dass Bettys und vermutlich auch Frickes Eloquenz das verhindert. Man sieht immer schon die Bilder aus dem Road-Movie in der ARD am Mittwochabend dazu.

Ihrerseits stehen sie dazu und schreiben vielleicht auch deshalb diese Beobachtung auf: „Die wenigsten Frauen lachten über das Unglück, schon gar nicht über ihr eigenes. Frauen redeten darüber, bis sie weinten und nichts mehr zu retten war. Ein Vorurteil, vielleicht, aber eines, das sich hundertfach bestätigt hatte. Was das Leiden betraf, verstanden Frauen keinen Spaß.“ Liegt es an den Frauen? Liegt es an dem Leiden? Kann man überhaupt bestätigen, dass es sich hundertfach bestätigt hat? Insofern ist „Töchter“ ein Unterhaltungsroman, an dem sich Leserinnen und Leser einen Zahn ausbeißen können.

Lucy Fricke: Töchter. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 238 Seiten, 20 Euro.

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