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Rituale und Macht

Ute Frevert konstatiert mit ihrem Sammelband eine Rückkehr der "Politikgeschichte" unter neuen Vorzeichen

10.08.2005 00:08
RUDOLF WALTHER

In den siebziger Jahren kam es in der Geschichtswissenschaft zu einer schroffen Frontstellung zwischen traditioneller Politik- und Staatengeschichte auf der einen und moderner Sozial- und Gesellschaftsgeschichte auf der anderen Seite. Verkürzt und vereinfacht gesagt: Für die Vertreter herkömmlicher Politikgeschichte war die Geschichte eine erzählende Darstellung von Kriegen und diplomatischen Haupt- und Staatsaktionen sowie von notorisch großen Männern in Politik und Armee. Für die Sozialgeschichte dagegen gab es nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Sie untersuchte gesellschaftliche Prozesse, analysierte meterweise Dokumente mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen und wertete haufenweise statistische Daten über Einkommen, Altersstruktur, Beruf und Religionszugehörigkeit aus.

Die Politikgeschichte geriet in diesem "Duell" schnell in die Defensive; Ute Frevert gibt nun einen Sammelband heraus, der in zehn Beiträgen den Befund der Historikerin bestätigen will, dass "Politikgeschichte wieder im Kommen" ist. Die neue Politikgeschichte begreift, anders als die alte, Politik akteurbezogen als ein kommunikatives Handeln beziehungsweise Aushandeln, bei dem es darum geht, gesellschaftliche Beziehungen zu regeln und zu steuern - mit den Medien Sprache, Bild und Ritual.

Der englische Historiker Gareth Stedman Jones hat 1988 in seiner Studie über den Chartismus erstmals systematisch versucht, Sprache als "einen Exerzierplatz von Machtrelationen" (Ute Frevert) darzustellen. Gegen eine sozio-ökonomische Verkürzung des Politischen betont die neue Politikgeschichte, dass sich in symbolischen Praktiken, Ritualen und Semantiken politischer Reden Machtbeziehungen verstecken, die es zu entschlüsseln gilt, um zu begreifen, nach welchen Regeln Menschen zu bestimmten Ressourcen zugelassen oder von ihnen ausgeschlossen werden. Vor allem aber fragt die neue Politikgeschichte danach, mit welchen sprachlichen Kommunikationsformen sich soziale, ökonomische, religiöse, kulturelle, moralische Beziehungen in Politik verwandeln und wie die Grenzen dieses Transformationsprozesses abgesteckt werden.

Die erste Fallstudie von Jan Anders und Matthias Schwengelbeck beschäftigt sich mit den Inthronisationsfeiern in Preußen im 19. Jahrhundert. Sie entdecken darin - ältere Studien widerlegend - durchaus Verbindungslinien zwischen dem vormodern-absolutistischen und dem monarchisch-konstitutionellen Preußen. Zwar mussten die preußischen Könige beziehungsweise deutschen Kaiser im 19. Jahrhundert auf "das herrschaftskonstitutive Huldigungsritual", mit dem die ständisch gegliederten Untertanen "ihrem" König Gehorsam schworen, verzichten, weil jetzt die Beziehung des Königs zum Volk durch die Verfassung geregelt wurde. An die Stelle der Huldigung traten nun Krönungszeremonien, die in Königsberg und Berlin inszeniert wurden. Entscheidend war dabei die neue Funktion der Presse, die die Zeremonie im ganzen Land bekannt machte, was durchaus im Sinne des Königs und des Hofs war. Aber gleichzeitig gewannen die neuen Akteure - Berichterstatter und Kommentatoren - an Deutungsmacht und zwar auf Kosten der "alten" Regisseure des zeremoniellen Staatstheaters. Die Presse und die bürgerliche Öffentlichkeit konnten sich potenziell als "Gegen-Souverän" ins Szene setzen.

Außerparlamentarische Opposition

Die Beiträge decken ein breites Themenspektrum ab. So behandelt der informative Artikel von Susanne Hänsgen die Filmkomödien der Stalinzeit und zeigt, wie der avantgardistische sowjetische Film und seine Montagetechniken verdrängt wurden durch die Familiarisierung des Politischen im Namen des Mythos der "großen Familie". Den pflegte insbesondere Boris Sumjackij, der Chef von Stalins Filmindustrie, der sich mit seiner Devise "Die siegende Klasse will freudig lachen" an Hollywood orientierte. Die "Folklorisierung der sowjetischen Kultur" machte die Filmkomödien zu wichtigen Propagandainstrumenten.

Meike Vogel belegt in ihrem mediengeschichtlichen Beitrag, wie sich der Begriff "außerparlamentarische Opposition", später auch das Kürzel "APO", als Selbstbezeichnung und Fremdbezeichnung durchsetzte. Noch bei der großen Demonstration am 30. Oktober 1966 gegen die Notstandsgesetze taucht der Begriff in den Reden nicht auf, obwohl sich diese Protestbewegung eindeutig als außerparlamentarisches Gegengewicht zur großen Koalition von CDU/CSU und SPD formierte. Rudi Dutschke sprach im Dezember 1966 von "außerparlamentarischer Opposition", aber schon im Juli 1966 etikettierte ein ARD-Film die "Friedensmarschierer" als "außerparlamentarische Opposition".

Die Autorin belegt schlüssig, dass es vor allem das Fernsehen war, das die Bezeichnung "Studentenbewegung" verdrängte und durch "APO" (ARD) und "so genannte APO" (ZDF) ersetzte. Konservative bezeichneten die Protestbewegung in der Regel lieber als "linksradikal" und "antiparlamentarisch" mit dem Ziel, diese als undemokratisch, demokratiefeindlich und verfassungswidrig hinzustellen.

Weitere Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit dem Verhältnis der Staatsrechtswissenschaft zum Umbruch 1918/19 sowie mit den Debatten über das Wahlalter in der Weimarer Republik, in denen sich die Vorstellungen des Politischen ebenso spiegeln wie die normativen Fundamente für den Zugang zum Wahlrecht. Heinz-Gerhard Haupt beschließt den Band mit einem informativen Überblick über den internationalen Stand der historischen Politikforschung sowie über methodische Fragen und Desiderata.

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