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Ricarda Huch Übermut und Bankrott

Wieder neu zu entdecken: Ricarda Huchs Gedanken über die deutsche Romantik und ihre enge, problematische Verbindung zur Moderne.

Die Dichterin Ricarda Huch
Ricarda Huch (1864 - 1947). Foto: epd

Wenn Friedrich Nietzsche die deutsche Romantik als ein „mannigfaches Suchen, Experimentiren, Zerstören, Verheißen, Ahnen, Hoffen“ bezeichnete, als einen „Carneval aller Götter und Mythen, bei dem es dem geistigen Mittelstande mit Recht bange um sich selbst werden musste“, so widersprach er mit Aplomb ihrer hysterisch-negativen Rezeptionsgeschichte. Denn schon für Schiller und Goethe hatten die Romantiker den Nimbus von „unbescheidenen kalten Witzlingen“, später von Lazarettpoeten und katholisierenden Obskuranten angenommen.

Hegel gedachte ein publizistisches Vernichtungswerk an ihnen zu vollziehen, er wetterte über haltlosen Subjektivismus, über „Eitelkeit und hohle Willkür“. Romantik – das war auch für die Junghegelianer Arnold Ruge, Theodor Echtermeyer und Robert E. Prutz der Gegenbegriff zu aller politischen Wirklichkeit, er stand ein für weltferne Dogmatik, für leeren, hedonistischen Ästhetizismus, ja für sittenverdorbene Libertinage. Jene Aristokratie der Geistreichen um die Schlegel-Brüder etwa wurde mitsamt ihrer Salonkultur entlarvt als Inbegriff antimoderner, reaktionärer Attitüden, als blasierter und frecher Ironismus.

Im Grunde erst mit den Arbeiten Wilhelm Diltheys nahm das Romantik-Bild authentische und produktive Züge an, der große Geistesgeschichtler gewahrte darin den Wandlungsprozess der literarisch-philosophischen Kultur der Moderne. Die Romantiker werden jetzt nicht mehr in den Negativformeln von Klassik und Vormärz abgeurteilt, sondern als Ahner des Neuen, als Künder souveränen Denkens und freier Individualität belobigt. Keine Rede mehr vom amoralischen und restaurativen Charakter der Romantik, sondern jetzt geht es um eine geistesrevolutionäre Bewegung, der das moderne Deutschland „ureigene Töne elementaren Empfindungslebens“ verdanke.

Oskar Walzel und Ricarda Huch haben daraufhin einen weiteren Schritt unternommen zur Modernisierung des Romantik-Bildes. Betont Walzel („Die deutsche Romantik“, 1908) das Vernunftpotenzial besonders der geistfunkelnden Frühromantik, so verbindet Huch, die Schülerin Diltheys, das Romantische überhaupt mit dem Vorstellungskomplex des modernen Menschen. Nietzsche und Freud kommen ins Spiel, wenn die Romantiker nun als Entdecker des Unbewussten gesehen werden, und ihnen die subtile Deutung der Nachtseiten humaner Kulturentwicklung zuerkannt wird. Huchs schöne Bücher zu „Blütezeit“ und „Ausbreitung und Verfall der Romantik“ (1899 und 1902) hat Tilman Spreckelsen nun in einem Band neu herausgegeben. Ein etwas reichhaltigeres Nachwort und der eine oder andere Literaturhinweis hätten dem Gediegenheitsanspruch der „Anderen Bibliothek“ gut angestanden.

Ricarda Huch also weist den Vorwurf des Rückwärtsgewandten entschieden und mit stupender Sachkenntnis zurück. Ihr Darstellungsansatz lässt diese „blühende“ Geistesströmung vielmehr nutzbar erscheinen für die Definition eines neuen epochalen Bewusstseins. Romantik bedeutet Moderne.

So werden bei der Huch „Blütezeit, Ausbreitung und Verfall“ der Romantik für den Geist des um 1900 heraufziehenden Avantgardismus erschlossen, aber keineswegs schreibt die große Gelehrte und Prosaistin eine Apologie jener allzu deutschen Geistesbewegung. Auch wenn die „Wissenspoesie“ der Romantiker, wie man heute sagt, neue Inspirationen aus und Zugänge zu den modernen Wissenschaften gewann, etwa zur Psychologie, Physik und Chemie, zur Physiognomik, Mythologie-, Sprach- und Geschichtsforschung, und auch wenn mit ihr eine ungeahnte Beseeltheit und Musikalisierung der Dichtung durchbrach – für Huch fällt diese ästhetische und intellektuelle Modernität zusammen mit Phänomenen menschlicher Zerrissenheit, mit Selbstüberschätzung und lebensgeschichtlichem Bankrott.

Fasziniert zeigt sich die Autorin von den „Entdeckern des Unbewussten, indiensuchenden Träumern“, auch vom Sprachzauber ihrer Unendlichkeitssehnsüchte und Phantasien, die aus der „Nachtseite der Seele und der Natur ein magisches Licht auf das bewusste, dem Verstande zugängliche Leben fallen“ lassen. Aber sie weiß um die historische Problematik jener forcierten Versuche einer „Romantisierung“ der Welt. Nicht nur E.T.A Hoffmann sei davon überzeugt gewesen, dass die Natur „gerade beim Abnormen Blicke vergönne in ihre schauerliche Tiefe“. Auch müsse man etliche Romantiker als unstet und faul, unmännlich, verspielt und maskenhaft verschlagen bezeichnen, mehr oder minder heimatlos, ehelos und berufslos hätten sie ihre Tage zugebracht. Die artistisch enthobene, teils kunstreligiöse Rhetortenwelt der Romantik habe am Ende ihrer Trivialisierung und polemischen Abfertigung machtlos zuschauen müssen.

Es ist ein hochproblematischer Ursprung, den Ricarda Huch dem Kulturzustand ihrer eigenen Zeit zuerkennt. Die Entbindung des Phantasmatischen und so tief Irrititativen in der Literatur der Romantik scheint manche Ahnung dessen bereitzuhalten, was in der Moderne des 20. Jahrhunderts ganz und gar durchbrechen sollte.

Ricarda Huch: Die Romantik. Blütezeit,
Ausbreitung und Verfall. Die Andere
Bibliothek Bd. 397, Berlin 2018.
729 Seiten, 40 Euro.

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