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„Retrotopia“ Die entsetzten Blicke in die Zukunft

Der Soziologe Zygmunt Bauman betrachtet in seinem postum erschienenen letzten Buch die Gegenwart als Hort der schlechten Nostalgie.

Sonnenfinsternis
Sonnenfinsternis in Australien: Futuristische Anblicke mag der Mensch heute lieber ohne Futurismus. Foto: rtr

Das ist der Stand der Dinge: Wir leben, schreibt Zygmunt Bauman, in einer Epoche der Brüche und Diskrepanzen. In einer Epoche, in der fast alles möglich ist, aber man so gut wie nichts in der Gewissheit angehen kann, es zu durchschauen. In einem Zeitalter, in dem scheinbar erprobte Mittel ihre Nützlichkeit in steigendem Tempo verlieren – und die Suche nach Ersatz selten über das Entwurfsstadium hinausgelangt. Es herrsche deshalb, so Baumann, eine ständige Krise der politischen wie der mentalen Mittel.

Diese Diagnose, die der vor einem Jahr verstorbene Soziologe Bauman in seinem letzten Buch bietet, gehört zum gängigen Besteck der Gegenwartsanalytiker. Dass wir, nämlich alle Bewohner der Gegenwart, uns in einer „Metazwickmühle“ befinden, nämlich in einer Welt, die einerseits die nationalstaatlichen und kulturellen Grenzen durchlässiger macht, wenn nicht abschafft; dass wir uns andererseits in immer kleiner werdenden Privat-Welten einrichten, die sich vornehmlich durch Ab- und durch Ausgrenzung definieren: Beides wird sich heute kaum leugnen lassen.

Bauman selbst, der 1925 in Posen geboren wurde, in die Sowjetunion fliehen musste, 1960 in Warschau Professor wurde, acht Jahre später nach Israel emigrierte und zuletzt an der Universität im englischen Leeds lehrte, dieser Bauman, dem wesentliche Werke zur Dynamik der Moderne (inklusive Postmoderne) zu verdanken sind, hat wieder und wieder beschrieben, dass sich die Moderne entgegen ihrem Selbstverständnis auf keine Fortschrittslinie bringen lässt. Den Holocaust etwa betrachtete er nicht als eine Art Ausrutscher, sondern als integralen, grundsätzlich wiederholbaren Bestandteil der europäischen Geschichte. Die gegenwärtige Herausforderung besteht aber, so schreibt er unter dem Titel „Retrotopia“, in nichts Geringerem, als „zum allerersten Mal in der Geschichte der Menschheit Integration ohne vorausgehende Separation zu ermöglichen“. Diese Herausforderung sei von „beispielloser Neuheit“, denn sie liege darin, die auseinander strebenden Tendenzen der Globalisierung und Privatisierung des Daseins zu versöhnen. Bisher spreche jedoch nichts dafür, dass diese Aufgabe demnächst bewältigt werden könne.

In der Tat breitet sich ja jene „grimmige Weltanschauung“ aus, die (politische, kulturelle oder psychische) Identität vor allem anhand der Logik von Freund-Feind-Schemata definiert. Und unter dem Vorzeichen einer Nostalgie, die sich vom „Anderswo“ der Vergangenheit ihr Glück verspricht. Für die Literaturwissenschaftlerin und Slawistin Svetlana Boym, auf die sich Zygmunt Bauman hier bezieht, begann das 20. Jahrhundert mit futuristischen Utopien – und endete in einer „globalen Nostalgie-Epidemie“, im „schmachtenden Verlangen nach Gemeinschaftlichkeit und gemeinsamer Vergangenheit“, in der „verzweifelten Sehnsucht nach Kontinuität in einer fragmentierten Welt“.

Das Gefährliche daran ist, dass derart das kritische Denken zugunsten emotionaler Bindungen aufgegeben wird. Und es ist die „Neigung, unsere tatsächliche mit einer idealen Heimat zu verwechseln“: sich in eine Vergangenheit hineinzusehnen, die es nie gegeben hat. Daraus entspringen, so Bauman, die zahlreichen gegenwärtigen Retrotopien, die etwa – um ein aktuelles Beispiel zu nennen – der CSU-Politiker Alexander Dobrindt bedient, wenn er sich eine „konservative Revolution“ wünscht.

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