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Reportagen Was ist passiert? Und was kommt jetzt?

„Nach der Idylle“: Thomas Medicus' Erkundungen geben Einsichten in ein unspektakuläres Deutschland.

Färberturm
Der Färberturm im fränkischen Gunzenhausen. Foto: imago

Wer ist dieser Deutschland?“ prangt es in roter Schrift an einer Hauswand in Berlin-Charlottenburg. Ein Graffito, das zu der scheinbar arglos formulierten Frage weitere aufwirft. Wer hat es da hingesprüht? Ein Grübler? Ein Witzbold? Ein des Deutschen nicht ganz mächtiger Immigrant? Die Schrift an der Wand wird für Thomas Medicus zum Ausgangspunkt einer verlangsamten Deutschlandexkursion, auf der er nach Menschen, Geschichten und Merkmalen sucht, an denen sich die sozialen und atmosphärischen Veränderungen des Landes beschreiben lassen. Die Leichtigkeit ist dahin, mit der die Deutschen sich zur Fußball-WM 2006 im Gefühl eines weltoffenen Patriotismus selbst feierten. Aber was ist passiert? Und was kommt jetzt?

Der Journalist Thomas Medicus hat zuletzt verschiedene Tiefbohrungen in die deutsche Wirklichkeit vorgenommen. Im Rahmen eines Forschungsprojektes des Hamburger Instituts für Sozialforschung hat er im brandenburgischen Wittenberge die Folgen der Deindustrialisierung in Ostdeutschland inspiziert. Und in seiner fränkischen Heimatstadt Gunzenhausen erkundete er die noch immer tief in die Ortsgeschichte hineinwirkenden Verheerungen eines lange verdrängten NS-Pogroms.

Medicus hat das nicht als Historiker getan, der Fakten anhäuft und auswertet. Seine Methode ist eine Art sensualistisch-literarische Annäherung, eine Mischung aus journalistischer Recherche, beiläufiger Beobachtung sowie den intuitiv eingesetzten Mitteln der oral history. Menschen kommen darin zu Wort wie die schwäbisch-türkische Politikerin Ekin Deligöz, die seit 1998 für die Grünen im Deutschen Bundestag sitzt und aufgrund ihrer Haltung zur Kopftuchfrage und der Unterzeichnung der Armenienresolution immer wieder mit massiven Morddrohungen konfrontiert war. Medicus rekonstruiert ihre politische Biografie als exemplarischen Fall einer Verfassungspatriotin, die den gesellschaftlichen Wandel geradezu verkörpert. In einer Zeit, in der viel von den Bedrohungen der Demokratie die Rede ist, macht Medicus am Beispiel der Ekin Deligöz deutlich, dass die republikanische Erneuerung nicht zuletzt aus solchen biografischen Brüchen hervorzugehen vermag.

Medicus ist bereit, sich von den Menschen, die ihm begegnen, überraschen zu lassen. Wolfgang K.s Geschichte zum Beispiel ließe sich kurz zusammengefasst als die eines Wendeverlierers erzählen, dessen berufliche Karriere als EDV-Experte 1989 durch den Fall der Mauer jäh abbrach. Aber die schnelle Einordnung würde leichtfertig jene Bemühungen übergehen, mit denen Wolfgang K. sich genau gegen derlei Zuschreibungen wehrt. Für die biografischen Enttäuschungen sucht er keinen Schuldigen. Pegida ist seine Sache nicht. Eher ist er um eine lakonische Form des Weitermachens bemüht.

Es sind solch unspektakuläre Berichte aus der Mittelage, die Medicus’ Deutschlandreise zu einer wertvollen Bestandsaufnahme über die mentale Verfassung des Inlands machen. Deutschland ist noch immer ein Land, in dem es vielen gut geht und für manche sehr gut läuft. Aber der patriotische Rausch der WM 2006 will sich nicht mehr einstellen. Die Idylle ist nicht vorbei, wie der Titel des Buches suggeriert. Sie hat es nie gegeben.

Wer ist dieser Deutschland? Thomas Medicus hat keine einfachen Antworten gefunden. Aber doch ein paar Vorschläge, das eigene Land und seine wechselvolle Geschichte mit neugierigen Augen zu sehen.

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