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Reiterei im Nationalsozialismus Kühner deutscher Reitergeist

Eine Studie zeigt die Verstrickungen der deutschen Reiterei in den Nationalsozialismus. Die Soziologin Maya Fahnenbruck breitet dieses bislang vernachlässigte Kapitel deutscher Sport- und Gesellschaftsgeschichte ihrem Buch „… reitet für Deutschland“ umfänglich aus.

Deutscher Herrenreiter vor dem Reichstag. Foto: imago/ZUMA/Keystone

Ein wahrer Pferdemann steht immer im Dienst des edlen Geblüts, und so wirkte der deutsche Hippologe Gustav Rau (1880 – 1954) auch in schweren Zeiten, so will es die ihm nachgesagte Legende, aufopferungsvoll im Sinne seiner Berufung. Bis heute genießt der Mann, der Hitlers Reiterspiele bei den Olympischen Spielen 1936 organisierte und zahlreiche Bücher über Zucht und Training verfasste, in Pferdekreisen einen untadeligen Ruf. In der Nähe der Münchener Galopprennbahn Riem ist eine Straße nach ihm benannt, und im Internet-Lexikon Wikipedia heißt es zu seinem Wirken nach 1939 lapidar: „Gustav Rau wird unmittelbar nach Kriegsbeginn vom Oberkommando des Heeres aufgefordert, die stark geschädigte polnische Pferdezucht wieder aufzubauen. Rau reorganisierte das polnische Gestütswesen und schaffte es in weniger als fünf Jahren, die polnische Pferdezucht mit ihren 14 Landgestüten zu neuer Blüte zu führen.“

Neue Blüte? Als Oberstintendant der NS-Besatzungsmacht war es Raus Aufgabe, das polnische Pferdezucht- und Gestütswesen für Kriegszwecke einzuverleiben, was er mit akribischer Beflissenheit dann auch tat. So wurde in der unmittelbaren Nachbarschaft des KZ Auschwitz ein SS-Gestüt unterhalten, in dem er den Aufbau einer Holsteiner-Zucht forcierte. Geritten wurden die Pferde von Angehörigen der Reiter-SS, unter anderen von Hermann Fegelein, der unter der Anleitung Heinrich Himmlers, ausgestattet mit einer reichlichen Portion Selbstsucht, die gezielte Einarbeitung der Organisationen des Reitsports in die nationalsozialistischen Strukturen betrieb.

Minutiös herausgearbeitet worden ist dieses bislang vernachlässigte Kapitel deutscher Sport- und Gesellschaftsgeschichte von der Hamburger Soziologin Nele Maya Fahnenbruck, die nun erstmals eine umfangreiche politische Geschichte des deutschen Pferdesports ausgebreitet hat. In ihrem Buch „… reitet für Deutschland“ zeichnet sie am Beispiel vor allem der Hamburger Reiterei nicht nur die individuellen Verstrickungen von Funktionären nach, sondern legt auch die Strukturen frei, in denen sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein reges Vereinsleben mit beachtlichem gesellschaftlichem Einfluss etablierte, das von 1933 an beinahe mühelos im Sinne des nationalsozialistischen Staates funktionierte und nach 1945 kaum ernsthaft mit seinen NS-Verbindungen konfrontiert wurde.

Nach dem Krieg anders dargestellt

Dabei war die SS-Reiterei ganz unmittelbar in die Vernichtungsmaschinerie des SS-Staats verwickelt. „In kühn gerittenen Angriffen auf Infanterie- und Geschützstellungen“, heißt es im „Schwarzen Korps“ von 1943, „in unermüdlicher Verfolgung des geschlagenen Feindes ist, wie in vielen vergangenen deutschen Schicksalsschlachten, kühner deutscher Reitergeist wieder lebendig.“ Karriereorientierte Mitglieder der gesellschaftlich fest verankerten Vereine, schreibt Fahnenbruck, konnten sich eine „hochrangige Position im nationalsozialistischen System verschaffen; ab 1939 führte der Weg für viele Angehörige der Hamburger SS-Standarte steil nach oben – und in den Vernichtungskrieg.“

Nach 1945 gelang es den meisten Reitersmännern jedoch, sich als unpolitische Sportsleute darzustellen. Selbst eine Mitgliedschaft in der Reiter-SS, die eine maßgebliche Rolle bei der Durchführung des Holocaust übernahm, konnte von deren Mitgliedern als bloße Geselligkeit verharmlost werden. Diversen SS-Kriegsverbrechern gelang nach 1950 ohne größeres Aufsehen die Integration in die traditionsbewussten Vereine. So fungierte beispielsweise SS-Standartenführer Kurt Becher ab 1954 als Schatzmeister im Hamburger Schleppjagdverein.

Elitärer Netzwerkgedanke

Für Nele Maya Fahnenbruck ist all dies Ausdruck eines elitären Netzwerkgedankens, der nicht erst während der NS-Zeit entstand, sondern habituell fest in den lange zuvor entstandenen Vereinen verankert war. Das hätte nicht zwangsläufig in den Nationalsozialismus münden müssen. Eine gewaltsame Unterordnung der Vereine aber war nicht nötig. Sie übten sich vielmehr in ehrgeiziger Selbstanpassung. Und die alten Netzwerke erwiesen sich gleich mehrfach als anknüpfungsfähig.

Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg wurde Gustav Rau nach 1945 mit der Reorganisation des deutschen Reitsports betraut, und Rau soll es auch gewesen sein, der das legendäre Turnierpferd Halla entdeckt hat. Man war also geübt im sportlichen Weitermachen.

Niemand verkörpert den bruchlosen Übergang der in die Verbrechen des Nationalsozialismus involvierten Reiterei in die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft besser als Gustav Rau. An seiner anhaltenden Verehrung lässt sich aber auch studieren, wie gering bislang das gesellschaftliche Interesse war, Genaueres über die militärische Verwendung von Pferden im Nationalsozialismus und derer, die sie vollzogen, in Erfahrung zu bringen.

Eine institutionelle Auseinandersetzung seitens der Vereine und Verbände mit ihrer Geschichte fand nicht statt. Das könnte sich nun ändern. Mit soziologischem Blick und beharrlicher Recherche ist es Nele Maya Fahnenbruck gelungen, ein Fenster zu einer noch weitgehend verdunkelten deutschen Vereinsmeierei aufzureißen.

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