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Reisen Unter dem Vulkan

„Mit dem Rücken zum Meer“: Andreas Rossmanns Tagebuch aus Sizilien.

ITALY-TAORMINA-ETNA
Naturbühne Taormina: Vorne das griechische Theater, als Bühnenhintergrund der Ätna. Foto: PATRICK HERTZOG (AFP)

Wanderer, kommst du nach Syrakus, so musst du stark sein. Denn längst ist auch durch die uralte Stadt die Globalisierung gefegt, mit Modeketten oder Gentrifizierung, und weil der Fernreisende längst kein Wanderer mehr ist, sondern ein Fluggast und Mietautofahrer und die Eisenbahn schon 1866 das Weltkulturerbe erreichte, ohne dass es so bereits betitelt wurde, hat es der Wandernde schwer. Herantasten, Schritt für Schritt.

Andreas Rossmann ist so ein Nachfahre der Sizilienwanderer, einer, der sich Zeit nimmt, weiterhin. Ein verharrender Blick, etwa auf die Ruinenreste aus der Zeit der griechischen Kolonisation, über 2500 Jahre alt. Oder ein Kennerblick auf die Monumente aus normannischer Zeit. Langsam schauen, Schritt für Schritt.

Allerdings ist es in Sizilien nicht so einfach, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Denn ohne weiteres trifft der Inselbesucher auf die Spuren einer mächtigen Geschichte – oder auf eine nicht weniger machtvolle Gegenwart, die der Mafia. Beidem muss man sich stellen. Andreas Rossmann tut es in seinem Buch „Mit dem Rücken zum Meer“, und wo der Leser mit Hilfe dieses „sizilianischen Tagebuchs“ hinschaut, stößt er auf ein Zugleich von Schönem und Abstoßendem, auf ein Zusammen von Angenehmem, Erschreckendem und Erhabenem. Auch aktiv ist der Ätna im Hintergrund.

Den Blick nicht abwenden, zuhören, etwa Gesprächen in einer Gastwirtschaft, während eines feinen Fischessens. Groß dagegen ist die Verbitterung eines Fischers, der kein Verständnis für die EU-Fangquoten hat, weil für den Export nach China blutige Gemetzel im Meer stattfinden.

Überhaupt Blut. Mit viel davon sind die großen Erzählungen und Mythen Siziliens geschrieben. Der Mythos zeigt sich allenthalben, eine lange Gewaltgeschichte, vom Barock üppig überhöht. Ein Mythos ist erst recht die Mafia, zugleich blutige Wirklichkeit, alles andere als bloß ein Klischee, kaum dass der Sizilienreisende nach dem Flug festen Boden unter den Füßen hat, auf dem Flughafen von Palermo. Er ist benannt nach dem prominenten Mafiajäger und Mafiaopfer Giovanni Falcone.

Die Berichte, Orten zugeschrieben, führen den Leser von Trapani im Westen bis nach Messina im Osten, von Palermo über Comitini, den Ort der Schwefelhöllen, bis in die Stadt der Barone, Agrigent. Sie folgen dem Nationalhelden Garibaldi (1807-1882) und stoßen auf die verschwiegenen Plätzchen hippiesker Sonnenanbeter. Der Reisende bleibt hängen in Restaurants, auch dort bleiben Gespräche über Merkel, die berüchtigte Kanzlerin, oder über Köln, die berühmte Metropole, nicht aus.

Der Zufall nimmt das Heft in die Hand – aber natürlich ist der langjährige NRW-Kulturkorrespondent der FAZ ein viel zu gewiefter Theaterkritiker auch, um nicht Altstadtgassen oder Paläste, Bars oder Bahnhöfe als Bühnen eines vibrierenden Lebens zu sehen. Vornehmlich für das Vibrieren wird immens viel unternommen. Hier ein Auftritt des Katholizismus, dort das Tableau einer Vespa-Familie. Und immer wieder, zwischen den schon ergrauten Emigranten und Immigranten, die Boatpeople-Gegenwart.

Zusammen und Zugleich. Auch gesucht werden die stillen Gespräche, nämlich mit den großen Autoren der Insel, Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Elio Vittorini, Leonardo Sciascia oder Luigi Pirandello. Gesucht wird das Gespräch auch mit einem Mittfünfziger, der jeden Morgen um fünf Uhr einen Strand säubert. Der Blick auf Siziliens Müll geschieht nicht aus der Perspektive eines angeekelten Touristen; vielmehr wird ein klarer Fall von Korruption und organisierter Kriminalität durchschaut. Dennoch kein Einzelfall ist die 55-Jährige, die noch nie in ihrem Leben einen Mafiosi gesehen haben will. Eine Komödiantin?

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