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Reiner Kunze Verneigt vor alten Bäumen euch

Der Schriftsteller Reiner Kunze wird 85 Jahre alt. Mit seinem neuen Gedichtband zieht er sich aus der großen Öffentlichkeit zurück.

Reiner Kunze wird 85
„stumm stehn am ausgang die verluste“, schreibt Reiner Kunze nun in einem Gedicht. Foto: epd

Die stunde mit dir selbst“ heißt der neue Gedichtband von Reiner Kunze. Es ist, nehmen wir die Verse beim Wort, kein Buch eines künftigen Abschiednehmens, sondern des Abschieds. Der Schriftsteller, der heute 85 Jahre alt wird, zieht sich von den großen Bühnen zurück. Das ist in seinem Fall keine Kleinigkeit. Wie kein zweiter deutscher Dichter der Gegenwart füllte Reiner Kunze bei Lesungen bis zuletzt Säle. In West und Ost.

Die immer schon zarten, epigrammatisch schlanken Verse des Dichters der „sensiblen wege“, sind noch einmal zarter und schlanker, fast durchscheinend geworden. Aber nicht sentimental. Oder bitter. Kunze widersteht den Verführungen des Alters, das er schonungslos schildert: „Das soeben noch gewußte / verläßt dich auf dem weg ins wort. / Die bühne ist nicht mehr dein ort, / stumm stehn am ausgang die verluste.“ Kunze lässt hier, was er sonst niemals tut, die Sätze mit Punkten enden. Letztgültige Auskünfte. Er stellt fest: „Das vorratsfach für schwarzumrandete kuverts / ist leer“. Er sieht: „Das erdreich setzt dir seine schwarzen male ins gesicht“.

Fünf Abteilungen zählt das Buch, das Gedichte der Jahre 2010 bis 2017 versammelt. Sie schreiben die Themen von „lindennacht“ fort, des letzten, 2007 veröffentlichten Lyrikbandes. Der Alltag des bei Passau hoch über der Donau lebenden Dichters, Szenen einer Natur, die immer unruhiger wird („Im juli / warfen die bäume die blätter ab“), das Europa der Ränder, Städtebilder aus Helsinki, Czernowitz und Kiew, das Fortwirken des gewalttätigen 20. Jahrhunderts, die an Camus geschulte geistige Widerständigkeit – das alles ist enthalten. Wie stets sind Motti beigegeben. Eines stammt von Reinhold Schneider: „Ich bin nicht lebensmüde; aber es reicht, ich habe genug gesehen für mein Billet.“

Reiner Kunze ist ein Überlebender genauso wie ein Übriggebliebener, einer der Letzten, der in den sechziger Jahren zur öffentlichen Geltung gelangten großen ostdeutschen Dichtergeneration, zu der Sarah Kirsch, Volker Braun und Karl Mickel gehörten. Mit 16 Jahren als sächsischer Bergmannssohn in die SED gezogen, studierte und lehrte Reiner Kunze am „Roten Kloster“ in Leipzig Journalistik, bis er 1959 aus dem Betrieb gedrängt wurde, 1968 die Partei verließ und 1977 als Staatsfeind von Ost nach West vertrieben wurde.

Andererseits: Seine 1973 veröffentlichte Gedichtauswahl „brief mit blauem siegel“ war – mit zwei nicht beworbenen, aber sofort vergriffenen Auflagen von jeweils 15 000 Exemplaren – die wahrscheinlich erfolgreichste Lyrik-Edition eines Einzelautors in der DDR. Seine nur im Westen veröffentlichte Prosasammlung „Die wunderbaren Jahre“ war eine Wahrheitsschule für die Jugend im Osten. 1977 erhielt Reiner Kunze den Büchnerpreis. Heinrich Böll hielt die Laudatio.

Im Rückblick ist da kein Triumph, eher eine Verunsicherung. „porträtfoto von sich selbst von vor sechzig jahren“ heißt ein Gedicht von 2016. Kunze blickt also auf den 23-jährigen, noch parteifrommen Dichter, der er 1956 war: „Nicht noch einmal // Nicht noch einmal / so verführbar // Nicht noch einmal / so gefährdet // Nicht noch einmal / eine mögliche gefahr“.

Gegen diese wappnet das Gedicht. Reiner Kunze ist, bei aller Zuneigung für kirchliche Musik und Kunst, kein religiöser Mensch. Er glaubt an keinen Gott, keine letzte Lehre, aber er glaubt an das Gedicht. Das ist klüger als sein Autor: „Verlangt vom dichter nicht, / was einzig das gedicht kann leisten“, schreibt Kunze. Sein „Epitaph“ für die Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger, die 1924 in Czernowitz geboren wurde und 1942 im Arbeitslager Michajlovka starb, zählt nur vier Zeilen: „Dem tod war es gegeben, / sie zu holen aus dem leben, / doch nicht / aus dem gedicht“.

Reiner Kunzes Lyrikband verspricht nicht die Stunde „mit mir“, sondern „mit dir“ selbst. Das ist ein Unterschied. Kein Greisengemurmel wird hier geboten. Keine Stimmungen werden ausgekippt. Kunzes Buch ist keine Nabelschau. Dieses mit kunstvoller Klarheit gestaltete Werk interessiert sich für die Welt. Es ist eine Einladung: „Möge ihn beglücken, was er sieht, / damit der tag in seiner seele wurzeln schlägt / und er ihn für die dunklen zeiten in sich trägt“.

Bei allem Ernst hält Reiner Kunze immer die Balance. Er ist bis zuletzt ein entschiedener Zuarbeiter der Nichtverzweiflung. Auch im Abschiednehmen. „Noch dämmert er, / der neue tag“, heißt es im letzten Gedicht des Bandes. Das endet mit einem Punkt: „Doch sag ich, ehe ich’s / nicht mehr vermag: / Lebt wohl! // Verneigt vor alten bäumen euch, / und grüßt mir alles schöne.“

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